tz-Interview

Biograf: "Jetzt zeigt sich, wer an Pep glaubt!"

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"Pep hat gegen Real verloren, weil er zu wenig Pep war", sagt sein Biograf Martí Perarnau.

München - Es gibt viele Journalisten, die sich mit dem Titel Guardiola-Biograf schmücken, doch Martí Perarnau kann das wirklich. Mit der tz hat Perarnau schon jetzt über den privaten Pep geplaudert. Das Interview

Es gibt viele Journalisten, die sich mit dem Titel Guardiola-Biograf schmücken, doch Martí Perarnau kann das wirklich. Der ehemalige Hochspringer, der 1955 in Barcelona auf die Welt kam und für Spanien bei Olympia 1980 in Moskau antrat, hat den Bayern-Trainer seit Tag eins an der Säbener Straße begleitet, ihm bei der täglichen Arbeit über die Schulter geschaut und ein Portrait verfasst, das einen exklusiven Blick in die Gedankenwelt Guardiolas wirft. Herr Guardiola – das erste Jahr mit Bayern München erscheint am 8. Oktober. Mit der tz hat Perarnau schon jetzt über den privaten Pep geplaudert. Das Interview.

Herr Perarnau, wie geht Pep Guardiola mit Niederlagen um?

Perarnau: Auf dem Feld ist Pep ein sehr leidenschaftlicher Trainer, gibt seinen Spielern ab und an einen Klaps auf den Hintern. Im Büro hingegen ist er sehr rational. Daher dauert auch die Freude nach einem Sieg gerade mal fünf Minuten bei ihm an. Man freut sich auf dem Platz, umarmt sich in der Kabine – dann geht’s auch schon in sein Büro, um die Fehler zu analysieren. Nach Pleiten ist Pep genauso. Der Ärger über eine Niederlage wie beim 0:4 gegen Real weicht nach spätestens zehn Minuten der Analyse. Direkt nach der Pressekonferenz gegen Madrid in der Allianz Arena war ich bei ihm, da war er schon wieder völlig heruntergefahren. Er ist auch nicht irgendwo hin, um sich zu betrinken, auch nicht zum Weinen nach Hause, sondern hat sich direkt nach dem Spiel in sein Büro gesetzt und hat sich noch einmal das Spiel angesehen. So ist Pep.

Also bringt so eine Niederlage auch nicht seine Spiel­idee zum Wanken?

Perarnau: So ein Spiel macht sie noch stärker.

Ja?

Perarnau: Meine Meinung ist, dass er gegen Real verloren hat, weil er zu wenig Pep war. Das heißt: Pep hat ein Spielsystem, das allerdings nichts mit dem weltweit propagierten Tikitaka zu tun hat. Das ist ein Marketingkonzept, das nichts mit der Realität zu tun hat. Bei Guardiola geht es nämlich nicht um sinnlosen Ballbesitz, das hasst er – sein Spiel definiert sich als Positionsspiel. Sämtliche Positionen müssen besetzt sein, nicht zwangsweise vom gleichen Spieler, damit der Ballführende immer weiß, dass er den Ball immerzu an eine bestimmte Stelle spielen kann, weil dort immer ein Spieler stehen wird. Dazu braucht es den Ball. Damit sich das Geschehen weit vom eigenen Sechzehner abspielt, um sich selbst ordnen zu können und den Gegner aus seiner Ordnung zu bringen. Der Ballbesitz ist also kein Ziel, sondern nur ein Instrument, damit vorne die Stürmer die Kisten machen. Und wenn ich sage, dass Pep zu wenig Pep war, dann weil er in den ersten zehn Minuten gegen Real vollkommen von seinem Modell abgewichen ist, sich selbst hintergangen hat und auf Teufel komm raus nach vorne gespielt hat. Der Pep-Fußball sind die ersten 15 Minuten im Bernabéu, wo in den letzten zehn Jahren keine Mannschaft Real in die eigene Hälfte gedrückt und das Geschehen dominiert hat. Auch nicht Peps Barcelona.

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Braucht es aber jetzt wirklich fünf neue Spieler, um dieses Modell beim FC Bayern durchzubringen?

Perarnau: Dazu muss man nur den Vergleich zum FC Barcelona ziehen, wo er in vier Jahren 14 Titel gewonnen hat. Ein Grund, warum Pep den Klub nach vier Jahren verlassen hat, war, weil die Bosse seinem Wunsch nicht entsprachen, den Kader aufzufrischen. Es hieß immer: Warum etwas verändern, das so gut funktioniert? Als ob der Fußball ein ewiges Gut wäre. Zwei Jahre später befindet sich Barça nun in einer Position, in der sie nicht mehr drei, vier Titel pro Jahr gewinnen. Pep will nicht, dass das Gleiche jetzt beim FC Bayern passiert. Die Mannschaft hat eine Reihe an tollen Erfolgen hinter sich, allesamt mit ein- und demselben Kern an Spielern. Pep ist aber der Meinung, dass es ab und an auch eines Wechsels bedarf, damit der Erfolg konstant ist. Manchmal muss man eben die Maschinerie ölen, damit sie weiter funktioniert. Das ist seine Idee.

Wie hat Guardiola seine Spieler nach dem Real-Debakel aufgebaut?

Perarnau: Mit viel Geduld. Ihm ist klar, dass jeder Spieler ein verschiedener Charakter ist. Der eine braucht viele Gespräche, um so eine Niederlage zu verarbeiten, ein anderer verarbeitet das selbst und hat die Partie selbst analysiert. Von daher geht er unterschiedlich und vor allem individuell auf die Mannschaft ein. Viel wichtiger ist aber etwas anderes: Nach so einer Niederlage wird sich zeigen, wer an Peps Idee glaubt und wer nicht. Und ich bin der Meinung, dass die Mannschaft geschlossen hinter Pep und seinem Modell steht.

Inwieweit hat die Stadt München den Menschen Guardiola verändert?

Perarnau: Sie hat ihn drastisch verändert. Hier in München kann er seine Arbeit sehr entspannt machen. Klar, er ist ein akribischer und ehrgeiziger Mensch, der sich den Druck meistens selbst macht. Aber was das Umfeld angeht, die Stadt und die Menschen, ist er begeistert. Auch seine Familie. Neulich waren wir in einem Restaurant. Kein Nobel-Schuppen, sondern ein ganz normales Restaurant. Und dort konnten wir sitzen, ohne dass Pep permanent von Menschen belagert worden wäre. Es war die vollkommene Normalität. Natürlich schauen die Leute ihn an, der ein oder andere bittet auch um ein Autogramm, aber es ist nicht mit der Hektik in Barcelona zu vergleichen, wo er sich teilweise erdrückt fühlte. Wie respektvoll die Menschen hier sind, überrascht ihn nach wie vor sehr. Er spricht es auch immer wieder an. Pep fühlt sich sehr wohl.

Interview: José Carlos Menzel Lopez

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