Großes tz-Interview

Lahm über Barca, Müller-Wohlfahrt und den Kabinen-Zoff

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Philipp Lahm hatte beim tz-Interview sichtlich Spaß.

München - Philipp Lahm spricht im tz-Interview über die Meisterschaft, die Champions League, warum der FC Bayern sich niemandem etwas beweisen muss und den Rücktritt von FCB-Doc Müller-Wohlfahrt.

Herr Lahm, wir haben beim 6:1 über Porto eine Demonstration Ihrer Mannschaft gesehen. Darf man nach diesem Abend sagen: Völlig egal, wer nun kommt, das Finale steht voll auf dem Plan?

Philipp Lahm: Wenn man im Halbfinale steht, will man auch ins Finale! Aber aus der Erfahrung unserer drei vergangenen Halbfinalteilnahmen wissen wir, dass es schwierig wird. Egal, auf wen wir treffen.

Ist der FC Barcelona derzeit das Nonplusultra?

Philipp Lahm: Im Moment schaut das so aus, ja. Die Mannschaft hat sehr, sehr gute Spieler und macht einen sehr guten Eindruck. Sie kassiert wenig Tore. Und auf der anderen Seite schießen sie einige…

Ein Duell mit Barça hätte einen besonderen Reiz, vor allem für Ihren Trainer…

Philipp Lahm: Für den mit Sicherheit.

Champions-League-Halbfinale: "Einen wirklichen Favoriten gibt es da nicht"

Für die Mannschaft aber auch. 2009 kassierte man eine bittere Niederlage, 2013 trumpfte man groß auf.

Philipp Lahm: Ja, aber gegen Real Madrid haben wir die gleiche Geschichte. 2012 sind wir weitergekommen, letztes Jahr ausgeschieden. Man trifft sich in der Champions League immer wieder. Sollten wir auf Juve treffen, hätten wir auch da eine Geschichte.

Sie haben schon viele erlebt. Aus Ihrer Erfahrung: Kann so ein Sieg wie gegen Porto eine Initialzündung für den großen Coup sein?

Philipp Lahm: Das weiß man immer erst im Nachhinein. Das 6:1 war zwar schön, aber nur für den Moment. Wir wissen doch, wie es ist: Verlieren wir am Dienstag, sind wir aus dem DFB-Pokal ausgeschieden. Die Ziele sind seit Saisonbeginn die gleichen, nur war die Situation gegen Porto eine andere. Wir mussten im Rückspiel einem 1:3 hinterherlaufen, das kam in letzter Zeit nicht so häufig vor.

2010 zum Beispiel gab es gegen Florenz und Manchester United zwei Duelle, in denen man zittern musste…

Lahm mit den tz-­Reportern Sven Westerschulze (links) und ­Michael Knippenkötter.

Philipp Lahm: Natürlich kann man immer schon im Achtelfinale einen schweren Brocken bekommen. Aber damals war die Situation ganz anders, da ging es ja schon in der Gruppenphase los. Wir mussten am vorletzten Spieltag auf Schützenhilfe von Bordeaux hoffen, um danach gegen Juve ein Endspiel ums Weiterkommen zu haben. Wir hatten es nicht mal in der eigenen Hand, haben uns Runde für Runde weitergezittert. Das brauche ich nicht immer. Da ist es jetzt schöner. Die Qualität in den eigenen Reihen zu wissen und es aus eigener Kraft zu schaffen. Aber jetzt reden wir vom Halbfinale. Sollten wir auf Barcelona treffen, werden beide Vereine weiterkommen wollen. Einen wirklichen Favoriten gibt es da nicht.

Mit einem 6:1 im Viertelfinale hat der FC Bayern aber ein deutliches Ausrufezeichen gesetzt, oder?

Philipp Lahm: Da gehe ich von aus. Die Leute, die das Spiel gesehen haben, werden sagen: Nach einem 1:3 im Hinspiel so zurückzukommen – Respekt. Und das mit einer Mannschaft, die zwar immer noch sehr viel Qualität, aber eben auch viele wichtige Ausfälle hatte.

"Ich habe ja auch noch eine Familie zu Hause"

In beiden Pokalwettbewerben steht der FCB im Halbfinale, in der Liga kann er am Wochenende auf der Couch Meister werden. Haben Sie dieses Szenario schon registriert?

Philipp Lahm: Alle Spieler haben registriert, dass wir so gut wie Meister sind. Ich glaube, dass der Sieg in Hoffenheim noch mal ein sehr wichtiger für uns war. Zwischen den beiden Porto-Spielen da zu gewinnen, war die Entscheidung in der Meisterschaft. Wir wollen unser Spiel am Samstag gewinnen, dann gucken wir weiter. Und selbst wenn wir am Sonntag Meister werden, wird es keine Feier geben.

Schaut sich die Mannschaft das Spiel denn zusammen an?

Philipp Lahm: Nein. Dann können wir uns nur gegenseitig gratulieren und dann alle wieder nach Hause fahren.

Sie verfolgen das Spiel also daheim auf der Couch?

Philipp Lahm: Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob ich das Spiel gucke. Ich habe ja auch noch eine Familie zu Hause. Man muss auch ehrlich sagen, dass nicht mehr die ganz große Spannung da ist. Natürlich ist eine Meisterschaft immer etwas Besonderes, aber da gibt es andere Momente als möglicherweise den am Sonntagabend. Es ist etwas Besonderes, die Schale in den Händen zu halten und auf dem Marienplatz zu stehen.

Etwas vorausgedacht könnte es aber etwas Besonderes sein, nächstes Jahr zum vierten Mal in Folge Meister zu werden…

Philipp Lahm: Definitiv, das gab es ja noch nie. Natürlich wollen wir immer Meister werden. Aber wenn man nebenbei noch so einen Rekord erreichen kann, ist das schon etwas Schönes, ein großer Ansporn. Es gab beim FC Bayern viele große Mannschaften und eine ganz große in den 70ern. Die ist zwar auch dreimal in Folge Meister geworden, aber eben kein viertes Mal.

"Wir brauchen niemandem irgendwas beweisen"

Würde man die goldene Generation von damals überflügeln?

Philipp Lahm: Nein, die Mannschaft ist ja auch noch dreimal hintereinander Europapokalsieger der Landesmeister geworden. Das ist noch mal anders zu bewerten. Das ist die Mannschaft, von der heute immer noch alle reden. Und das ist auch berechtigt.

Die Wahrnehmung von außen gefällt dem FC Bayern nicht immer. Schotten Sie und Ihre Kollegen sich gemeinsam mit dem Trainer gegen diese Kritik ab?

Philipp Lahm: Eigentlich nicht. Die Spieler und alle, die in unserem Boot sitzen, können es einfach gut einschätzen. Bei uns, so war es immer schon, geht es einfach sehr schnell. Der Klub polarisiert in sämtlichen Schichten, ob bei den Fans, den Medien oder wo auch immer. Es geht in beide Richtungen sehr schnell. Das beste Beispiel ist die letzte Woche: Nach dem 1:3 ging es in die eine, nach dem 6:1 in die andere Richtung. Einer wie ich, der seit Jahren in dem Verein ist, kennt das in- und auswendig.

Haben Sie und Ihr Team die Kritik nach dem Hinspiel in Porto als zu hart empfunden – und wollten dementsprechend zeigen, zu was man in der Lage ist?

Philipp Lahm: Wir brauchen niemandem irgendwas beweisen. Wir wissen, was wir können. Und selbst die Journalisten freuen sich doch, wenn sie im Halbfinale mit uns mitreisen dürfen (lacht).

"Die Mannschaft hat immer ihr Herz gezeigt, hat Leidenschaft gezeigt"

Aber ernsthaft: Dieses Spiel war eindrucksvoll. Zeigt sich zumindest, dass der Charakter in der Mannschaft außergewöhnlich ist?

Philipp Lahm: Unser Charakter hat in den letzten Jahren immer gestimmt! Die Mannschaft hat immer ihr Herz gezeigt, hat Leidenschaft gezeigt. Sie hat mit viel Energie gespielt, sie ist rausgegangen und alle wollten! Manche Ereignisse aber schweißen die Mannschaft noch ein wenig mehr zusammen. Im Moment sind es die engen Spiele wie in Dortmund oder Leverkusen, die wir trotz der vielen Verletzten für uns entschieden haben. Die Stimmung ist absolut gut.

Kann da auch so eine Nachricht wie die von dem Rücktritt Müller-Wohlfahrts keinen Einfluss nehmen?

Philipp Lahm: Nein, beeinflussen kann sie uns nicht! Aber es war Thema bei uns, das ist klar. Wir haben mit diesem Stab sehr lange zusammengearbeitet. Und diese Zusammenarbeit FCB und Team Müller-Wohlfahrt, die steht einfach für Erfolg – in den letzten Jahrzehnten! Das hat super zusammen gepasst und war sehr erfolgreich.

"Was in der Kabine gesagt wird, sollte immer unter uns bleiben!"

Das heißt, man setzt sich in nächster Zeit vielleicht doch noch mal zusammen?

Philipp Lahm: Das weiß ich nicht. Ich habe das nicht gemacht, der FC Bayern hat es nicht gemacht, sondern Müller-Wohlfahrt und sein Team ist zurückgetreten.

Gab es einen Moment lang Verunsicherung? Zumindest in der Frage: Wo geht man jetzt hin, wenn es in der Wade zwickt?

Philipp Lahm: Nein, keine Verunsicherung. Ich habe das Glück, privatversichert zu sein – und da wird man fast von jedem Arzt genommen. Ich sehe da keine Probleme für mich (schmunzelt).

In einem Magazin war zu lesen, was in der Kabine nach dem Porto-Spiel vorgefallen sein soll. Wie finden Sie das, wenn so etwas öffentlich wird?

Philipp Lahm: Gar nicht gut! Wenn wir irgendwas haben, wo man geschützt ist vor Leuten, die uns vielleicht nichts Gutes wollen, dann ist es bei uns die Kabine. Da sind wir unter uns. Was bei uns in der Kabine gesagt oder getan wird, sollte immer unter uns bleiben. Das war immer eine Regel, das gehört sich auch einfach so, finde ich.

Erstes Training nach Porto-Gala und Martinez-Rückkehr - Bilder

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Video: Pressestimmen FC Bayern

Interview: Michael Knippenkötter, Sven Westerschulze

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