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Hat Philipp Lahm Recht? Die tz hat seine Aussagen geprüft:

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Philipp Lahm hat mit seinem Interview mächtig für Wirbel gesorgt. Aber hat er mit seinen Aussagen auch Recht?
Philipp Lahm hat mit seinem Interview mächtig für Wirbel gesorgt. Aber hat er mit seinen Aussagen auch Recht? © ap

München - Philipp Lahm geht nach seinem folgeschweren Interview auf Tauchstation. Vater Roland steht hinter den Aussagen seines Sohnes. Hat Lahm Recht? Die tz analysiert die Sachlage:

Der Abgang erfolgte still und leise, auf der Rückbank. Als seine Mitspieler schon das Stadion verlassen hatten, schlich Philipp Lahm mit seinen Eltern und Freundin Claudia aus der Allianz Arena. „Nein, heute gibt es nichts“, war dem sonst auskunftsbereiten Fan-Liebling kein weiterer Kommentar zu seinem Interview in der SZ zu entlocken. Die Familie verließ gemeinsam das Stadion. „Wir haben von dem Interview gar nichts gewusst. Erst, als es bei dem Spiel und danach so richtig losgegangen ist, haben wir das mitbekommen. Da waren meine Frau und ich gleichermaßen überrascht“, erklärte Philipps Vater Roland am Sonntag der tz: „Normal kennt man so etwas von Philipp nicht. Deswegen hat er damit gleich eine richtige Welle ausgelöst. Aber wenn ihn etwas stört, dann sagt er eben seine Meinung.“

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Dabei kann er seinen Sohn verstehen: „Philipp hat etwas losgetreten, was doch eigentlich stimmt. Das war seine Meinung – da hat sich der Herr Hoeneß scheinbar auf den Schlips getreten gefühlt.“ Dass sein vom Verein nicht autorisiertes Interview Konsequenzen haben wird, wussten sowohl Philipp Lahm als auch sein von Hoeneß attackierter Berater Roman Grill (Hoeneß: „Ich lese da seine Handschrift. Das wird für beide Herren kein guter Samstag gewesen sein“). Lahm habe seine Bedenken schon öfter beim Vorstand vorgetragen, wurde Grill am Sonntag zitiert, aber man könne auch „nicht immer nur rumdrucksen“. Jetzt droht Ärger.

„Rausschmeißen werden sie ihn nicht“, meint Roland Lahm: „Er wird halt eine Geldstrafe bekommen.“ Die wird im fünfstelligen Bereich liegen; am Montag muss Lahm zum Rapport beim Vorstand. Mit ihrem Sohn müssten die Eltern Daniela und Roland „nicht noch einmal über das Interview reden, Philipp weiß schon alleine, was er macht“, meint sein Vater: „Vielleicht können wir ihm ja dazu gratulieren, weil er damit etwas bewegt.“ Keine Frage: Bei den Bayern liegt vieles im Argen. Die alte Dominanz ist schon lange weg. Stillstand statt Fortschritt. Hat Lahm also recht? Die tz analysiert die Vorwürfe – und was dahinter steckt:

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Die Transferpolitik: In der Vergangenheit „lief das mit den Transfers nicht immer glücklich“, kritisiert Lahm speziell die Arbeit des Vorstands: „Andere Vereine wie Manchester oder Barcelona geben ein System vor – und dann kauft man Personal für dieses System.“ So etwas „gibt es bei uns nicht. In der Vergangenheit lief das mit den Transfers nicht immer glücklich“. Keine Frage: Transfer-Flopps gab es reichlich – man denke an Schlaudraff, Sosa, Borowski, Breno & Co. Aber auch mit seiner System-Kritik liegt Lahm nicht falsch. Als Folge der häufigen Trainerwechsel (Hitzfeld, Klinsmann, van Gaal) wurde die Strategie immer wieder geändert. Ein festes System wie Barças 4-3-3 gibt es bei Bayern nicht. Eher werden Spieler nach guten Leistungen (gegen Bayern) geholt – das Konzept wird erst später festgelegt.

Die Sturm-Problematik: „Wir haben jetzt viele Spieler, für die es in einem 4-3-3, das unser Trainer gerne spielen möchte, gar keine Position mehr gibt“, erklärt Lahm: „Wenn ich einen Gomez kaufe, muss ich sagen: Okay, dann spielen wir mit zwei Spitzen. Und dann kommt plötzlich Robben, ein toller Spieler, der zu uns passt – und der am liebsten im 4-3-3 spielt. Man darf nicht einfach Spieler kaufen, weil sie gut sind.“ Das Sturm-Dilemma beschäftigt van Gaal die ganze Saison. Spielt er im Wunschsystem, hat er Probleme – weil aus dem Quartett Klose, Toni, Gomez, Olic immer drei unzufrieden sind. Ärger war vorprogrammiert – und gipfelte in Tonis Stadionflucht…

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Das langsame Mittelfeld: Für die Zentrale fand der Nationalspieler besonders deutliche Worte: „Ich glaube einfach, unser größtes Problem liegt im Mittelfeld. Wo ist jemand, der mal was bewegt?“ In der Tat fehlen den Bayern im Zentrum seit Jahren Ideen und Kreativität. Bommel und Timoschtschuk sind Arbeiter, Schweinsteiger wird wohl nie ein Kreativkopf. Lahm vermisst Spielertypen wie Xavi oder Iniesta. Im Zentrum wird das Spiel nur beruhigt, Kreativmomente kommen wenn überhaupt von Ribéry oder Robben über außen. Das endete, als die beiden zuletzt fehlten, in todlangweiligem Ballgeschiebe.

Van Gaals rauer Ton: Viele Spieler hätten „eine Mischung aus Respekt und Angst“ vor dem Trainer, er sei manchmal „auch schwierig im Umgang“. Dadurch sind viele Spieler verunsichert, trauen sich nur noch Sicherheitspässe zu. Vor dem Spiel am Samstag ermutigte van Gaal seine Profis aber zumindest schon zu mehr Risiko, Lahm lobt auch: „Man sieht eine Handschrift.“ Es waren deutliche, kritische Worte des Führungsspielers. Im Kern traf Lahm die zentralen Bayern-Probleme – der Zeitpunkt hätte freilich geschickter gewählt werden können…

ta

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