Als Bub drückte er auch 1860 die Daumen

Lahm im tz-Interview: Darum wechselte ich nie ins Ausland

+
Fesch: Lahm mit Sohn Julian & Gattin Claudia.

München - Im tz-Interview zum Tag der Muttersprache verrät Philipp Lahm, warum er Bayern nie den Rücken kehren will und berichtet über das Gefühl der Heimat.

Zurück zu den Wurzeln: Lahm mit den Eltern Daniela und Roland und als Zuschauer in Gern

Philipp Lahm bittet noch um etwas Geduld. Er müsse noch ein paar chinesische Sätze in die Kamera sprechen – für seine chinesischen Fans auf Facebook. Wenig später empfängt der Weltmeister die tz zum Heimat-Interview – ohne Knoten in der Zunge, dafür aber mit einer Liebeserklärung an Bayern.

Herr Lahm, der 21. Februar ist der Tag der…?

Lahm: Muttersprache, wie ich eben gelernt habe!

Richtig! Bei Ihnen Hochdeutsch oder Bairisch?

Lahm: Münchnerisch! Da ist ja von beidem etwas dabei. Bei meiner Familie verfalle ich aber gern wieder ins Bairische. Auch mit Thomas Müller, wobei ich zugeben muss, dass er es noch ein bisschen besser kann als ich. Aber er kommt ja vom Land, da ist der Dialekt ausgeprägter.

Was gefällt Ihnen besser: Münchnerisch oder Bairisch?

Lahm: Bairisch ist schon was Schönes! Aber da gibt’s ja auch verschiedene Ecken. Mancherorts tue ich mir selber schwer, die Menschen zu verstehen. (lacht)

Viele Menschen schämen sich für ihren Dialekt. Können Sie das verstehen?

Lahm: Nein! Zu seiner Heimat muss man stehen. Ich hatte das große Glück, hier groß geworden zu sein. Ich liebe meine Heimat, ich liebe München, ich liebe unser Bundesland – und dazu gehört auch die bairische Sprache.

Und wie ist es beim Fußball?

Lahm: Der hat seine eigene Sprache, die auf der ganzen Welt verstanden wird. Trotzdem hat irgendwann sogar Owen Hargreaves (Ex-FCB-Engländer, d. Red.) hier auf Bairisch gesprochen, es kommt also doch auf die Umgebung an.

Auch Sie standen mal kurz vor einem Wechsel nach Barcelona, entschieden sich dann aber doch für die Heimat. Wie kam’s?

Lahm: Weil ich gern daheim bin. Für mich ist Heimat nicht nur ein Ort, sondern es sind auch bestimmte Menschen und ein bestimmtes Gefühl. Ich genieße es sehr, nach Hause zu kommen und nicht der Fußballspieler, sondern der Papa, Ehemann, Freund und Sohn zu sein. Dazu kommt mein großes Glück, dass ich so einen Klub wie Bayern vor der Haustüre hatte.

Also hat Sie ein Wechsel ins Ausland nie wirklich gereizt?

Lahm: Ich habe es mir angehört, also habe ich mit dem Gedanken gespielt. Aber der Glaube, mit Bayern den maximalen Erfolg zu haben, war immer da. Woanders hätte ich die Champions League vielleicht früher gewonnen, so schön wie mit Bayern in Wembley wäre es aber nirgends gewesen.

Steht der Sieg in Wembley sogar über dem Weltmeister-Titel?

Lahm: Es ist jeweils das Größte, was man mit beiden Mannschaften gewinnen kann, von daher stehen beide auf einer Stufe.

Waren Sie denn von klein auf ein Roter?

Lahm: Nicht nur. Als kleiner Bursche war ich auch mal bei den Löwen im Grünwalder. Ich bin Münchner. Deswegen habe ich auch immer beiden Mannschaften die Daumen gedrückt und habe mich über jedes Stadtderby gefreut. Aber ich bin dann relativ früh zu Bayern gekommen, ab da war es um mich geschehen.

Ihre erste Erinnerung an den FC Bayern?

Lahm: Als ich Balljunge im Olympiastadion sein durfte. Bayern hat mich quasi damit gelockt, für mich natürlich eine Riesen-Erfahrung.

An welchem Ort fühlen Sie sich heute daheim?

Lahm: Auf jeden Fall in München, wobei wir schon auch am Tegernsee heimisch geworden sind. Die Berge, der See, die Landschaft – das ist alles sehr schön und angenehm. Man kann dort frei vom Trubel Kraft tanken. Mein richtiges Zuhause ist aber nach wie vor München.

Woher kommt diese starke Verbundenheit zum Tegernsee?

Lahm: Wir sind früher oft mit der Familie Richtung Süden gefahren, später war ich auch oft mit meiner Frau am Tegernsee. Und obwohl es doch so nah ist, fühlt man sich dort wie in einer anderen Welt. Frei von der Hektik in der Stadt. Manchmal reicht nur ein Blick über den See und die Berge, und man hat wieder neue Kraft geschöpft.

Also ist Philipp Lahm doch eher ein Landmensch?

Lahm: Ich habe mein Leben lang in der Stadt gelebt, bin an der nicht gerade ärmlich befahrenen Dachauer Straße groß geworden. Deswegen würde ich mich als absoluten Stadtmenschen bezeichnen. Wobei ich mir gut vorstellen könnte, irgendwann komplett raus an den Tegernsee zu ziehen.

Wie sieht der perfekte Tag am Tegernsee aus?

Lahm: Kommt drauf an! In die Fischzucht gehen, wandern oder golfen – draußen ist es immer schön. Besonders für unseren kleinen Sohn.

Achten Sie auch bei Ihrem Sohn darauf, dass er die bayerischen Werte von klein auf mitbekommt?

Lahm: Da mache ich mir keine Sorgen. Die Großeltern sprechen bairisch, wir auch. Ob es sich später im Alter wieder verliert, wird man sehen. Aber Tradition, ganz egal ob Weißwürste oder Lederhosn, gehört da freilich dazu.

Mit den Bayern sind Sie oft und lang auf Reisen. Gibt es ein Stück Heimat, das nie fehlen darf?

Lahm: Die Schafkopfkarten müssen immer dabei sein!

Thomas Müller soll da vorn liegen. Behauptet er jedenfalls selbst…

Lahm: Es ist eben wie im Fußball: Er hat zu viel Glück! (lacht) Nein, es nimmt sich nicht viel. Wir können es alle ganz gut.

Ein besonderes Gericht, mit dem Sie Ihre Heimat verbinden?

Lahm: Weißwürste. Ganz klar. Die gehören zu Bayern!

Das Glockenläuten darf man dabei nicht hören!

Lahm: So ist es, das ist Tradition! Genauso wie das Weißbier und der süße Senf dazu.

Ist die Wiesn noch Heimat?

Lahm: Ich gehe nach wie vor gern auf die Wiesn. Letztes Jahr sind wir mit Julian (Lahms Sohn, d. Red.) über die Oide Wiesn geschlendert, sind allerlei gefahren und haben ein Hendl gegessen. Das gehört dazu. Mit Tracht! Am schönsten ist die Wiesn nach wie vor mittags, bei schönem Wetter draußen im Biergarten.

Und was hat es mit Ihrem Hut auf sich?

Lahm: Da ich nicht so groß bin, erkennen mich die meisten Leute darunter nicht. So hat das mit dem alten Hut angefangen, jetzt habe ich mir am Tegernsee einen neuen anfertigen lassen.

Bastian Schweinsteiger steht wie Sie für Heimat. Können Sie sich vorstellen, dass er dem Klub den Rücken kehrt?

Lahm: Möglich ist immer alles. Ich weiß nicht, ob er mal etwas Neues kennenlernen möchte. Fakt ist: Es wäre schade, weil er eine absolute Identifikationsfigur hier ist. Ich habe bis 2018 Vertrag: Wegen mir kann er gerne so lang beim FC Bayern bleiben. (lacht)

Meinen Sie, Pep Guardiola ist hier auch heimisch geworden?

Lahm: Ich glaube schon. Die Münchner Mentalität gefällt ihm ganz gut. Mit dem Schnee tun sich die Spanier zwar generell noch schwer, aber das Münchner Flair sagt ihnen allen schon sehr zu. Sie nutzen jeden freien Tag, um raus in die Berge zu fahren, also denke ich mal schon, dass sie sich hier sehr wohlfühlen.

War Ihnen beim Einstieg in den Pflegeartikelhersteller Sixtus wichtig, dass das Unternehmen auch in der Region ansässig ist?

Lahm: Erst mal war wichtig, dass die Produkte stimmen. Aber klar: Sixtus sitzt in der Nähe des Tegernsees, war jahrzehntelang ein Familienunternehmen und ist ein regionaler Betrieb – damit identifiziere ich mich.

Wonach riecht denn das typisch bayerische Duschgel?

Lahm: Am besten ausprobieren! Aber spontan würde ich sagen: nach Bergen, Seen, Flüssen, und Alpenkräutern – eben nach Bayern.

Worin unterscheidet sich denn nun der Fußballer Philipp Lahm vom Unternehmer?

Lahm: Der Mensch dahinter ist immer derselbe und in beiden Bereichen will ich Erfolg haben. Im Fußball kenne ich mich aber momentan auf jeden Fall besser aus. Ich habe bei Bayern allerdings auch zehn Jahre ein Unternehmen kennengelernt und die Entwicklung beobachtet, da nimmt man natürlich viel mit. Das möchte ich bei Sixtus jetzt einbringen.

Und jetzt Hand aufs Herz: Was gefällt Ihnen am meisten an Ihrer Heimat?

Lahm: Vor allem die Offenheit der Menschen! Andere legen diese Direktheit oft als Unfreundlichkeit oder sogar Arroganz aus, aber der richtige Bayer ist stets offen und ehrlich – das gefällt mir!

Und was könnte man sich in Bayern lieber sparen?

Lahm: Den Ferienverkehr auf der A8, den braucht’s echt nicht!

Interview: J. Carlos Menzel Lopez

Auch interessant

Meistgelesen

Lahm zum Abschied in die Hall of Fame des FC Bayern aufgenommen
Lahm zum Abschied in die Hall of Fame des FC Bayern aufgenommen
Erste Spieler-Fotos von neuem Bayern-Heimtrikot aufgetaucht?
Erste Spieler-Fotos von neuem Bayern-Heimtrikot aufgetaucht?
„Satt und müde“: So lautet die Saisonbilanz der Bayern-Fans 
„Satt und müde“: So lautet die Saisonbilanz der Bayern-Fans 
Kroos über Bayern-Rückkehr: „Wird nicht passieren“
Kroos über Bayern-Rückkehr: „Wird nicht passieren“

Kommentare