Madjer über die Schande von Gijon und den FCB

Porto-Legende: "Wir hatten die Hosen so richtig voll"

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Rabah Madjer.

München - Für die tz blickt Rabah Madjer auf 1987 zurück, auf das kommende Viertelfinale zwischen Bayern und Porto voraus, wo er sich am liebsten selbst einwechseln würde. Das tz-Interview.

Bayernschreck – wenn diese Bezeichnung auf jemanden zutrifft, dann auf Rabah Madjer. Legendär ist sein Ferserl, das der Algerier 1987 bei der 1:2-Finalpleite des FCB im Endspiel um den Europapokal der Landesmeister für Porto erzielte. Es war der 1:1-Ausgleich in Wien, Wiggerl Kögl hatte die Bayern in der ersten Halbzeit in Führung gebracht, den 2:1-Siegtreffer durch Juary legte Madjer zudem mit einer schönen Flanke auf. Die Roten um Lothar Matthäus waren am Boden, Porto jubelte. Heute ist Madjer 56 Jahre alt und unter anderem als TV-Experte in der Heimat und als Botschafter für die Unesco tätig – natürlich auch dank seiner legendären Hackenhütte gegen die Bayern. Für die tz blickt Madjer auf ’87 zurück, auf das kommende Viertelfinale zwischen Bayern und Porto voraus, wo er sich am liebsten selbst einwechseln würde. Das tz-Interview:

Herr Madjer, Sie wissen, warum wir Sie anrufen?

Rabah Madjer(lacht): Ich kann es mir vorstellen, ja.

Lassen Sie uns über den 27. Mai 1987 sprechen!

Rabah Madjer: Diesen Tag werde ich nie vergessen. Wir haben das große Finale gewonnen. 2:1. Gegen die Bayern. Was für ein Sieg! Jetzt, wo Bayern und Porto im Viertelfinale wieder aufeinandertreffen, kommt alles noch mal hoch. Bayern ist wieder Favorit. Aber wir haben damals gezeigt, dass im Fußball nichts unmöglich ist.

Haben Sie Ihr legendäres Hackentor noch vor Augen?

Rabah Madjer: Dunkel. Es war ein Reflex meines Körpers. Ich konnte das Tor ja nur mit der Hacke machen, also habe ich instinktiv die Ferse benutzt und das Ding war drin. Aber soll ich Ihnen mal etwas sagen?

Bitte!

Rabah Madjer: Am Abend zuvor hatte ich richtig Schiss. Es war mein erstes Finale, und dann auch noch gegen so ein Kaliber wie Bayern. Aber ich habe mir immer wieder eingeredet: „Du musst diesen Titel gewinnen. Für dich, für deine Familie, für alle Algerier und Portugiesen.“ Als ich dann auf dem Platz stand, wollte ich nur eins: den Sieg! Koste es, was es wolle! Am Ende haben wir gewonnen, ich habe ein spektakuläres Tor gemacht, das in die Geschichte eingegangen ist, ich habe Juary das zweite aufgelegt und wir haben 2:1 gewonnen – ein Traum!

Die Bayern waren ja der haushohe Favorit!

Rabah Madjer: Am Abend vor dem Finale saß ich mit Młynarczyk zusammen, unserem Torwart. Der hatte die Hosen so richtig voll. Ich wie gesagt auch, aber ich hatte auch ein gutes Gefühl. Und wie wir so dasaßen, sagte ich ihm: „Józef, wir gewinnen morgen 2:1!“ Er fragte mich nur, ob ich spinne, aber ich war mir sicher und sagte: „Ich glaube an uns. Wir gewinnen 2:1.“ Ich glaube, Gott selbst war an jenem Abend auf dem Feld und hat uns den Sieg geschenkt.

Hat dieser Abend Ihre Karriere verändert?

Rabah Madjer: Und wie! Unser Sieg mit Algerien über Deutschland bei der WM 1982 in Spanien war für mich auch ein großer Triumph – trotz des Paktes, den Deutschland und Österreich in Gijon schlossen. Das war eine Schande, wir hätten das Weiterkommen verdient gehabt. Aber was soll’s. Ich blicke auf eine tolle Karriere mit unvergesslichen Momenten zurück. In die Geschichte ist freilich meine Hacke eingegangen.

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"Bayern war sich zu sicher"

Herr Madjer, haben Sie nach dem Finalsieg gegen die Bayern schön gefeiert?

Rabah Madjer: Mein Gott, das war nicht in Worte zu fassen. In Portugal war der Teufel los, weil Porto zum ersten Mal den Europapokal gewonnen hatte. In Algerien gingen die Leute wegen meiner Kiste auch auf die Straße. Und in Porto haben Algerier und Portugiesen gemeinsam gefeiert – großartig!

Wissen Sie, dass die Bayern das Siegesbuffet bereits vor dem Anpfiff angerichtet hatten?

Rabah Madjer: Tatsächlich? Die waren sich ihrer Sache eben zu sicher. Sie sind zu lässig auf den Platz gekommen, dachten, sie hätten schon gewonnen. Und wir? Haben gebrannt, hatten unsere Herzen in den Schuhen! Nur das hat am Ende den Ausschlag gegeben, am Ende waren sie ja mit 2:1 noch ziemlich gut bedient. Bei der WM 1982 war es dasselbe: Die Deutschen haben gemeint, sie schlagen uns mal eben im Vorbeigehen. Von wegen, zum Schluss stand es auch 2:1 für uns.

Die Bayern haben Ihr Hackentor nicht vergessen…

Rabah Madjer (lacht): Das kann ich nur zu gut nachvollziehen. Ich frage mal bei Portos Präsident nach, vielleicht darf ich ja jetzt im Viertelfinale in der zweiten Hälfte ran und treffe noch mal. Ich bin heiß!

1988 waren Sie sogar kurz davor, einen Vertrag beim FC Bayern zu unterschreiben.

Rabah Madjer: Richtig! Es gab einen Vertrag, damals war Hoeneß Manager und Heynckes Trainer. Der Vertrag wäre über drei Jahre gelaufen, alles war klar. Am Ende kam mir allerdings eine schwere Verletzung in die Quere und ich wechselte zum FC Valencia. Schade, denn ich hätte gern für Bayern gespielt.

Was dachten Sie jetzt, als die Bayern wieder Porto zugelost bekamen?

Rabah Madjer: Dass sie sich wohl nur allzu gerne für diesen Abend 1987 rächen würden (lacht). Es wird interessant. Entscheidend wird das Hinspiel in Portugal. Will Porto in die nächste Runde, geht das nur über einen Sieg im Hinspiel. In München wird es sehr schwer, befürchte ich.

Haben Sie Ihrem Landsmann Yacine Brahimi schon Tipps gegeben, wie man gegen die Bayern trifft? 

Rabah Madjer: Das muss ich nicht. Brahimi ist ein Spieler mit enormer Qualität, der weiß schon, wo das Tor steht. Jackson Martínez ebenfalls. Porto hat insgesamt eine klasse Truppe mit großer Leidenschaft.

Also glauben Sie an einen Porto-Sieg?

Rabah Madjer: Warum nicht? 1987 hat doch gezeigt, dass alles möglich ist im Fußball.

Werden Sie das Spiel live im Stadion verfolgen?

Rabah Madjer: Ich weiß noch nicht. In Algerien wartet viel Arbeit auf mich. Aber eigentlich bleibt mir ja nichts anderes übrig. Bayern–Porto, da muss ich dabei sein!

Interview: José Carlos Menzel Lopez

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