Da lief einiges schief

Mahnung für FC Bayern? Wie sich Nagelsmann gegen den BVB vercoacht hat - „Grundsätzlich aufgegangen“

Enttäuscht: Julian Nagelsmann von RB Leipzig nach dem DFB-Pokal-Finale in Berlin.
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Enttäuscht: Julian Nagelsmann von RB Leipzig nach dem DFB-Pokal-Finale in Berlin.

Julian Nagelsmann kassiert mit RB Leipzig im DFB-Pokal-Finale gegen den BVB eine bittere Niederlage. Die Taktik des künftigen FC-Bayern-Trainers rückt in den Fokus. Eine Analyse.

München/Berlin - Erling Haaland vom BVB und Alexander Sörloth von RB Leipzig sind Kumpels, Kollegen in der norwegischen Nationalmannschaft. Und ein Sturmduo, wie es die Skandinavier - mit Verlaub - in dieser Wucht wahrscheinlich noch nie hatten.

Doch fußballerisch trennt die beiden Fußball-Profis letztendlich eine ganze Liga - mindestens. Das liegt weniger an etwaigen Schwächen Sörloths denn an der ultimativen Klasse des Ausnahmekönners Haaland. Julian Nagelsmann setzte beim 1:4 seines RB Leipzig gegen Borussia Dortmund im DFB-Pokal-Finale dennoch auf seinen norwegischen Angreifer.

FC Bayern: Bald-Trainer Julian Nagelsmann erlebt mit RB Leipzig bittere Pleite

Obwohl der 25-Jährige einen schweren Stand beim Bundesliga-Zweiten hat. Fünf Tore in 28 Saison-Spielen, dazu ein mickriger Treffer in der Champions League sind nicht gerade die Werte eines Top-Torjägers. In den drei DFB-Pokal-Einsätzen vor dem Endspiel war Sörloth ebenfalls ohne Treffer geblieben.

Neben ihm stürmte der Südkoreaner Hee-chan Hwang, noch so ein Sorgenkind. In bislang 16 Bundesliga-Spielen für die Sachsen gelang dem Ex-Salzburger nicht auch nur ein Tor. Doch Nagelsmann, der nach dieser Saison zum FC Bayern an die Säbener Straße nach München wechselt, wollte es offensichtlich mit einem Zwei-Mann-Sturm versuchen - und vercoachte sich dabei ordentlich.

„Grundsätzlich“ sei seine Taktik „schon aufgegangen“, referierte der 33-Jährige nach der bitteren Niederlage bei Sky: „Dass man Dinge besser lösen kann wie vor dem Einwurf, dass man einen Ball behauptet und nicht direkt wegspielt, ich glaube, das ist klar. Aber Chan (Hwang, d. Red.) hat es nicht schlecht gemacht. Das war in Ordnung.“ Was er meinte: Der zeitweise überforderte Hwang hatte den Ball vor dem 2:0 der Dortmunder regelrecht hergeschenkt. Er wirke in seinen Aktionen insgesamt fahrig und nervös.

RB Leipzig gegen Borussia Dortmund: Nagelsmann verteidigt Wahl auf Sörloth und Hwang

„Wir hatten insgesamt zu wenig Tiefe aus der zentralen Position und deswegen haben wir sie gebracht“, erklärte Nagelsmann weiter und meinte zu seinen Auswechslungen zur Pause: „Das haben wir in der zweiten Halbzeit nicht mehr gebraucht, weil Dortmund sehr tief stand und wir andere Situationen kreieren mussten. Womit wir den Speed der beiden Spieler nicht mehr gebraucht haben.“ Tempo und Geschwindigkeit brachte er stattdessen mit Christopher Nkunku, der den Ball nur 25 Sekunden nach seiner Einwechslung (für Sörloth) gegen die Latte hämmerte - und den so mancher Beobachter in der Startelf erwartet hätte.

Dortmund hatte drei Situationen - drei Tore.

RBL-Coach Julian Nagelsmann

Auch die Unberechenbarkeit von Yussuf Poulsen, der zur Pause für Hwang eingewechselt wurde, schmeckte dem BVB überhaupt nicht. Nach gut einer Stunde brachte Nagelsmann zudem mit Emil Forsberg und Konrad Laimer zwei erfahrene Spieler, und damit viel mehr Struktur ins Spiel seiner Mannschaft. Einzig, zu diesem Zeitpunkt stand es eben schon 0:3. Und Nagelsmann? Haderte stattdessen mit der Chancenverwertung von RB Leipzig.

„Dortmund hatte drei Situationen - drei Tore. Wir hatten schon viele Situationen, eine Hundertprozentige von Alex (Sörloth, d. Red.), wo wir das Tor nicht treffen. Dann bist du 0:3 hinten zur Pause, kommen aus der Pause raus. Ich finde, eine extrem gute Leistung, sehr charakterstark, haben nach 5 Sekunden eine Hundertprozentige, machen sie nicht. Das ist am heutigen Tag der Unterschied, dass Dortmund aus sehr wenigen Situationen sehr viel macht und wir aus sehr vielen sehr wenig“, meinte der Oberbayer sichtlich bedient bei Sky.

FC Bayern München: Taktik von Bald-Trainer Julian Nagelsmann ging im DFB-Pokal-Finale nicht auf

Aber nicht nur der Doppel-Sturm und die Start-Elf als Kollektiv funktionierten nicht. Auch die Dreierkette, die bei Ballbesitz für Dortmund eigentlich zur Fünferkette werden sollte, hakte ordentlich. Immer wieder wurde die letzte Linie vom BVB-Express überrannt. Oder die Seiten waren hoffnungslos offen, weil weder Nordi Mukiele noch Amadou Haidara schnell genug nach hinten mitarbeiten konnten. So fielen alle Gegentreffer aus Tempogegenstößen.

„Wir hätten das Tor der Dortmunder viel in Gefahr bringen können, und hatten sechs oder sieben Überzahlsituationen, doch der erste Kontakt hat oft nicht gestimmt. Die Chancen waren definitiv groß genug, um Tore zu erzielen“, sagte Nagelsmann, der auf Top-Linksaußen Angelino ganz verzichtet hatte.

Doch insgesamt wirkte Borussia Dortmund sehr viel souveräner in seinen Aktionen. Das Pressing und frühe Gegenpressing der Westfalen setzte den Sachsen richtig zu. Nagelsmann setzte dagegen erneut auf das disziplinierte spanische „juego de posición“, also auf das Positionsspiel nach festen Mustern und Vorgaben. Bestimmt durch dominanten Ballbesitz und stoisches Dreiecksspiel.

Pleite von Julian Nagelsmann mit RB Leipzig - auch eine Mahnung für den FC Bayern München

Die leichtfertigen Ballverluste und der explosive Dortmunder Umschaltfußball hebelten dieses Spielsystem, das sich sehr am Fußball von Ex-Bayern-Trainer Pep Guardiola orientiert, aber umgehend aus. Und so wirkte Nagelsmanns Mannschaft wegen dieser Taktik vor allem eines: höchst anfällig. Dies sollte auch dem FC Bayern eine Mahnung sein.

Nach der Verpflichtung des zweifelsohne hochbegabten Nagelsmann wähnten etliche Beobachter der Bundesliga den deutschen Rekordmeister auch 2022 als sicheren Schalen-Gewinner - einzig wegen dieser Personalie. Doch auch ein Nagelsmann ist schlagbar - und wird deshalb seine Lehren aus dem DFB-Pokal-Finale ziehen. (pm)

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