Exklusiv-Interview

Calmund: Die Bayern sind nur zu schlagen, wenn ...

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Reiner Calmund lobt die Neuzugänge der Bayern und bekennt sich zu Mario Götze und Pep Guardiola. 

München - Reiner Calmund spricht im Interview über steigende Ablösesummen, die Neuzugänge beim FC Bayern und findet deutliche Worte zu den Personalien Pep Guardiola und Mario Götze.

Herr Calmund, betrachten wir den Transfer von Baba zum FC Chelsea. Vor einem Jahr kam er für 2,5 Millionen von Greuther Fürth zum FC Augsburg, jetzt wechselt er für 20 Millionen Euro nach England. Ist er nach nur einer Saison wirklich diese Summe wert? 

Reiner Calmund: "Man kann immer darüber diskutieren, ob die Transfersummen allgemein nicht zu hoch sind. Aber der Marktwert resultiert aus Angebot und Nachfrage und Chelsea wollte ihn gerne für das Geld haben. Ich dachte, mein Fernsehbildschirm platzt, so stolz waren Baba und Stefan Reuter bei der Bekanntgabe des Transfers am Münchner Flughafen. Ich habe mich für Baba gefreut, hoffentlich kann er sich als junger Kerl in den engsten Kader spielen, die Qualitäten hat er auf alle Fälle. Manager Stefan Reuter darf bei diesem hohen Transfergewinn zusammen mit Coach Markus Weinzierl und der Vereinsführung ein Fläschen aufmachen. Was die in Augsburg auf die Beine gestellt haben, da muss ich mich verbeugen.“ 

Generell wird immer mehr Geld für neue Spieler ausgegeben. Roberto Firmino wechselte für 41 Millionen zum FC Liverpool, das ist Bundesliga-Rekord. Wie kommt es zu dieser Entwicklung? 

Reiner Calmund: „Diese beiden Summen wurden ja von englischen Vereinen gezahlt. Gerade in der Premier League ist durch die extrem hohen TV-Einnahmen sehr viel Geld am Markt. In Spanien oder Deutschland zahlen nur die absoluten Spitzenvereine solche Ablösesummen. Wir wissen alle, dass der Tabellenletzte in England mehr Fernsehgeld bekommt als Bayern München. Auf der Insel schauen die Fans viele Stunden Fußball im Pay-TV, da klingelt halt auch die Kasse“.

Ist irgendwann ein Limit erreicht? Gibt es eine Ablösesumme, bei der endgültig Schluss ist? 

Reiner Calmund: „Ich würde eigentlich sagen, jetzt ist Schluss. Aber das habe ich schon vor zehn Jahren gesagt und da kamen noch riesengroße Steigerungen.“ 

Bundesliga: Rekordhalter im Zuschauerschnitt

Kann die Bundesliga mit derartigen Summen überhaupt mithalten? 

Reiner Calmund:"Nein, der Unterschied ist riesengroß, die englischen Klubs kassieren ab dem nächsten Jahr rund 3,2 Milliarden Euro pro Saison, die Bundesliga knapp 700 Millionen. Trotzdem haben die Engländer in den letzten zehn Jahren nur zweimal die Champions League mit Glück gewonnen, Chelsea lässt mit seinem Erfolg in München grüßen. In der letzten Saison war sogar kein Klub von der Insel unter den letzten Acht der Champions League vertreten." 

Trotz dieser Unterschiede sind die Erfolge unserer deutschen Klubs beachtlich. Wo sehen sie die Gründe dafür? 

Reiner Calmund: "Der DFB hat knapp sieben Millionen aktive Mitglieder, in Deutschland ist Fußball Volkssport Nummer eins. Die Bundesliga hält seit Jahren den Weltrekord im Zuschauerschnitt mit über 40.000 und wir sind der absolute Quotenkönig im Fernsehen. Das Eröffnungsspiel Bayern gegen den HSV wurde weltweit in 208 Ländern übertragen. Es boomt im Fernsehen, bei den Sponsoren, in der Vermarktung. Wichtig ist vor allem, dass die Bundesliga in den Bereichen Nachwuchsarbeit und Scouting weiterhin erstklassig bleibt." 

Vidal passt "wie die Faust aufs Auge"

Dennoch können sich in der Bundesliga nur große Vereine wie der FC Bayern leisten, für Neuzugänge tief in die Tasche zu greifen. Für Arturo Vidal haben die Münchner 37 Millionen Euro ausgegeben. Ein guter Kauf? 

Reiner Calmund:„Die Bayern haben nicht nur Weltmeister auf dem grünen Rasen, mit Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge, Karl Hopfner und Co, haben sie seit Jahrzehnten auch einen gutes Weltmeister-Team in langen Hosen. Kein Bundesligaklub hat seine sportliche Erfolge so gut in Wirtschaftskraft umgemünzt wie die Bayern. Ihre Neuzugänge sind absolute Volltreffer. Sie mussten im Mittelfeld noch einen richtig aggressiven, kampfstarken Defensivspieler holen, der auch offensiv kreativen Fußball spielt und da passt Vidal wie die Faust aufs Auge. Wenn man sieht, dass er im Sommer noch das Finale um die Copa America gespielt hat und nicht optimal regenerieren konnte, dann war seine Leistung gegen Hamburg außergewöhnlich gut. Er hatte die meisten Ballkontakte, er war Dreh- und Angelpunkt im Spiel, was die Defensive angeht wie auch das Aufbauspiel.“ 

Und der zweite teure Neuzugang, Douglas Costa? 

Reiner Calmund:„Costa auf dem Flügel war für mich ein Knaller. Er ist für die Münchner eine optimale Verstärkung. Besonders, weil die beiden Super-Stars Robben und Ribéry in der Vergangenheit oft verletzt gefehlt haben. Costa ist mehr als nur ein Ersatz. " 

Angesichts der letzten Transfers unterstellen einige Fans und auch Experten wie Ottmar Hitzfeld dem FC Bayern eine Identitätskrise. Zurecht? 

Reiner Calmund:„Ottmar Hitzfeld war ein erfahrener und erfolgreicher Trainer. Ich glaube, der FC Bayern liegt ihm nach wie vor am Herzen und der Wunsch von mehr Identität ist nachvollziehbar. Trotzdem steht der Erfolg über allem. Die ganz großen Klubs wie Chelsea, Manchester, Paris, Barcelona, Madrid und Bayern München freuen sich alle über die Meisterschaft, aber das große Ziel ist die Champions League zu gewinnen. Auf dem deutschen Markt - Ausnahme Reus - gab es im Mittelfeld und auf den Flügeln keine Spieler, die im Moment die Qualität von Vidal oder Costa haben. Ich bin natürlich ein klarer Befürworter von Müller und Götze, aber die Formel ist einfach. Man braucht für den Erfolg 18-20 internationale Top-Spieler, aber es können eben nur elf anfangen.“ 

Götze "muss sich durchbeißen"

Trotzdem hat es Mario Götze im Moment nicht einfach bei den Bayern. 

Reiner Calmund:„Man muss daran denken, Götze war letzte Saison erst 22 Jahre alt. Er hat vier Meisterschaften gewonnen und zweimal den Pokal. Er ist Weltmeister geworden und war mit seinem Tor maßgeblich daran beteiligt. Er kann stolz sein auf diese vergangenen Leistungen, der Junge hat doch noch alles vor sich. Er hatte 32 Bundesliga-Spiele im letzten Jahr, genauso viele wie Müller und Neuer, niemand sonst hatte mehr. Er hat neun Tore geschossen, von 12 Champions-League-Spielen war er in elf dabei, da hat er vier Tore geschossen. Natürlich ärgert man sich, wenn man oft ausgewechselt wird oder keinen Stammplatz bekommt. Aber er muss sich jetzt erstmal durchbeißen. Und wenn man dann immer noch das Gefühl hat, es geht nicht, dann kann man wechseln.“ 

Frustriert ist auch Thomas Müller, wenn ihn der Trainer vom Platz nimmt, so wie im Supercup-Finale gegen Wolfsburg. 

Reiner Calmund:„Für mich ist Müller ganz klar der Nachfolger von Bastian Schweinsteiger. Müller ist authentisch, sympathisch, intelligent und ein Weltstar zum Anfassen. Den setze ich mit Kahn und Beckenbauer auf eine Ebene. Er hat vier Meisterschaften gewonnen, die Champions League, den DFB-Pokal, er ist Weltmeister geworden und Torschützenkönig bei der WM – und er ist 26 Jahre alt. Eine Wahnsinns-Bilanz! Für einen ehrgeizigen Spieler ist es normal das er bei Auswechselungen pikiert ist, aber der Trainer wird schon das beste wollen.“ 

Bleibt Pep in München? - 50:50-Chance

Der Trainer ist die zweite Personalie, um die zuletzt viel geredet wurde. Wie beurteilen Sie die Diskussion um Pep Guardiola? 

Reiner Calmund:„Sind wir mal ehrlich: Pep Guardiola ist total beliebt im ganzen Verein und auch bei 80 Prozent der Spieler. Er ist ein Weltklasse-Trainer mit vielen Erfolgen und er trainiert bei einem absoluten Top-Klub. Beide genießen diese Ehe auch im dritten Jahr und schätzen sich unwahrscheinlich. Bayern München würde im Moment gern verlängern, dann gäbe es Jubelstimmung. Und wenn man nicht verlängert, gibt es überhaupt kein Problem. Guardiola bekommt direkt einen Spitzenverein oder -Verband, die stehen schon Schlange. Und bei Bayern München steht ein kleiner Bus mit Top-Trainern vor der Tür, mit Klopp, Favre oder Ancelotti. Sie werden eine Deadline finden. Ob unterm Weihnachtsbaum oder zu Silvester, das entscheiden die ganz allein.“ 

Was denken Sie: Geht er oder bleibt er? 

Reiner Calmund:„Ich sage mal 50:50. Die Stimmung zwischen den beiden Parteien ist ausgezeichnet, aber man kennt ja den Fußball. Heute würde ich sagen, sie verlängern, aber es kann viel passieren. Da geht es um Ergebnisse, da geht es um Emotionen.“ 

Wer könnte dieses Jahr ein ernsthafter Konkurrent für die Bayern in der Bundesliga werden? Borussia Dortmund? 

Reiner Calmund:„Die Dortmunder gingen ab wie die Feuerwehr. Dass sie gutes Potential haben, wusste man ja, aber dass sie Gladbach nicht nur 4:0 besiegen, sondern auch total kontrollieren, das war schon ganz großes Kino. Dann gibt es natürlich noch Wolfsburg. Aber man muss immer sagen: Die Bayern sind nur zu knacken, wenn sie Probleme kriegen, zu viele Verletzte und unnötig viel Trouble. Das war ja auch das Thema im letzten Jahr, nur mit kompletter Besatzung hätten sie gegen Barcelona gute Chancen gehabt. 

sr

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