Er hat "Qualität und Erfahrung"

Tasci hat nichts zu verlieren

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Lang ist’s her: Tasci stand 2010 im deutschen WM-Kader. Nun peilt er eine Rückkehr ins DFB-Team an.

München - Wenn ein Spieler die Bundesliga mit 26 Jahren in Richtung Russland verlässt, wirft das automatisch Fragen auf. Folgt da einer dem großen Geld? Ist sein Potenzial womöglich schon erschöpft? Aspekte, die Serdar Tasci, den Not-Transfer des FC Bayern, auch im kommenden halben Jahr begleiten werden. Zu verlieren hat der Ex-Nationalspieler aber nichts.

Der Weg zum neuen Arbeitgeber war gar nicht mal so lang. Denn Serdar Tasci hat sich an seinem vorübergehenden Lebensmittelpunkt dann doch nicht so wohl gefühlt, dass er die dreimonatige Winterpause der russischen Premier Liga in Moskau verbringen wollte. Immer wieder hielt sich der 28-Jährige in den letzten Wochen in Deutschland auf, meist in Stuttgart. Bei seinen ehemaligen Mannschaftskollegen vom VfB schaute der Innenverteidiger in der Vorbereitung auch mal vorbei, der Plausch mit alten Bekannten bestärkte Tasci einmal mehr in seinem sehnlichsten Wunsch: Der Rückkehr in die Bundesliga.

Nach Schalke, das aus dem Poker kurz vor Schluss ausgestiegen war, hätte es etwas länger gedauert, nach München aber konnte Tasci den direkten Weg über die A8 nehmen. Gut zwei Stunden, schon war er da. Das erste Signal eines Interesses von Bayern hatte es am Wochenende gegeben, Details wurden dann zwischen dem technischen Direktor Michael Reschke und Tascis Berater Ahmet Bulut in der Nacht zum Montag besprochen. 2,5 Millionen Euro Leihgebühr erhält Spartak für Tasci, der in Moskau Stamm- und Führungsspieler war. Für zehn Millionen Euro können die Bayern im Sommer eine Kaufoption ziehen. Bis dahin steht er unter Beobachtung. Auf der größtmöglichen Bühne, die die Bundesliga zu bieten hat. Es gibt Schlimmeres.

Natürlich sind Zweifel angebracht – und es liegt an Tasci selbst, diese in den kommenden vier Monaten zu beseitigen. Eine Zukunft bei den Bayern? Unwahrscheinlich. Eine Zukunft in der Bundesliga? Möglich. Den Trainingsrückstand, den Tasci aufgrund der langen Pause der russischen Liga hat, sieht er als geringes Problem an. „Ich fühle mich sehr gut. Wenn ich eine Trainingswoche habe, bin ich topfit“, sagte er nach der Vertragsunterschrift am Dienstagabend. In einem zehntägigen Trainingslager in Abu Dhabi hat er sich mit Spartak auf den Ligastart im März vorbereitet. Dann ging alles ganz schnell. Am gestrigen (eigentlich freien) Tag absolvierte er eine erste Fitnesseinheit an der Säbener Straße. Heute wird er bei Bayern vorgestellt.

Tasci gilt offiziell als Notlösung, daran wird er nichts ändern können. Ob er ein adäquater Ersatz für die verletzten Jerome Boateng und Javi Martinez sein kann – auch dahinter steht ein großes Fragezeichen. Schon zu seiner Zeit in Stuttgart (2006 bis 2013) wechselte er zwischen den Rollen als Stammspieler und Bankdrücker. In Moskau hatte er seinen Platz nach anfänglichen Verletzungsproblemen zwar sicher. Es ist aber kein Zufall, dass Joachim Löw den 14-maligen Nationalspieler zuletzt im August 2010 nominierte.

2007 war Tasci mit Stuttgart Meister. Er ist kein schlechter Mann – aber trotzdem nicht unbedingt das, was die Bayern brauchen. Wie Holger Badstuber ist er technisch versiert, hat den Blick für eine gute Spieleröffnung, bewahrt meist die Ruhe. Er lässt seinen Gegenspieler aber auch gerne mal aus den Augen und hat im direkten Sprint-Duell nicht unbedingt Vorteile.

„Qualität und Erfahrung“ sind die zwei Stichworte, die Sportvorstand Matthias Sammer wählte, um den Last-Minute-Transfer zu begründen. Böse Zungen in der alten Heimat aber behaupteten, Tasci habe sich gerne weggeduckt, wenn es darum ging, Verantwortung zu übernehmen. Das darf er sich bei Bayern nun nicht erlauben. Er ist geholt worden, um schnell Abhilfe zu schaffen. Und wird sich an seinen Worten zum Einstieg („Es gibt drei Titel, und ich hoffe, dass ich weiterhelfen kann, diese zu holen“) messen lassen müssen. Viel verlieren kann er dabei nicht – aber womöglich eine Menge gewinnen. Das Risiko liegt eindeutig auf Seiten des FC Bayern.

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