Das sagen FC Bayern und 1860

Sicherheit beim Fußball: Wer soll zahlen?

Bremen - Das kleine Bundesland Bremen prescht vor: Polizisten sollen bei Risikospielen des SV Werder künftig nicht mehr auf Staats-, sondern auf Vereinskosten für Sicherheit sorgen. Richtig so? Ungerecht? Was sagen die beiden Münchner Profi-Vereine dazu?

 Das Thema ist ein wiederkehrender Aufreger: Ist es der Gesellschaft zuzumuten, dass die Polizei auf Kosten der Steuerzahler für Ordnung und Sicherheit bei Spielen gut verdienender Profiklubs sorgt? Auch in München brandet der Streit regelmäßig auf – zum Beispiel rund um das brisante Regionalliga-Derby zwischen den zweiten Mannschaften von TSV 1860 und vom FC Bayern. Bürger, die nichts mit Fußball am Hut haben, ärgert es maßlos, wenn Hundertschaften der Polizei von einer ähnlich großen Gruppe mutmaßlicher Störenfriede zur Sonderschicht gezwungen werden.

Im rotgrün regierten Bremen soll es künftig die Sonderregelung geben, dass Einsätze bei Risikospielen nicht mehr aus der Staatskasse, sondern durch den Liga-Dachverband finanziert werden – ein Beschluss, der bei Klubs, Organisationen und sogar (Nichtbremer-)Politikern wenig Beifall findet.

Einsätze um Stadien kosten 150 Millionen

1350 Einsatzkräfte kümmern sich im Durchschnitt um die Sicherheit rund um die Spiele der ersten beiden Profiligen. Auf diese Weise kommen 1,8 Millionen Arbeitsstunden zusammen, wie die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) mitteilt. Geht man davon aus, dass ein Polizist pro Stunde 50 Euro kostet, entspricht das 90 Millionen Euro pro Saison. 150 Millionen Euro sind es laut Radio Bremen sogar, wenn man die Einsätze in der 3. Liga und den Regionalligen dazurechnet, die immer öfter notwendig werden, nachdem sich dort etliche Traditionsklubs tummeln. Allein die Bremer Risikospiele haben den Steuerzahler vergangene Saison 1,4 Millionen Euro gekostet.

Bremer Senat fordert angemessene Gebühr

Geplant ist in Bremen eine Änderung des Gebühren- und Beitragsgesetzes. „Unser primäres Ziel ist ganz klar, Gewalt bei großen Fußballereignissen zu verhindern“, sagt Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD). „Angesichts unserer Haushaltslage müssen aber Veranstalter, die durch eine staatliche Leistung einen wirtschaftlichen Vorteil erlangen, im Interesse aller Steuerzahler dafür eine angemessene Gebühr entrichten.“ Fraktions-Chef Björn Tschöpe verweist auf die mehr als 2 Milliarden Umsatz und die fast 400 Millionen Euro Gewinn, die die deutschen Profiklubs pro Jahr generieren. „Das ist ein Fliegenschiss für die DFL“, sagte der SPD-Politiker bei Radio Bremen.

Andere Bundesländer äußern sich negativ

„Die Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit ist auch im Rahmen von Fußballspielen und selbst bei knappen öffentlichen Kassen Aufgabe des Staates“, sagt der innenpolitische Sprecher der Unions-Fraktion im Bundestag, Stephan Mayer (CSU). Zudem können „man die Gewalt bei Fußballspielen nicht mit dem kurzsichtigen Stopfen möglicher Haushaltslöcher eindämmen“. Auch Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) lehnt den Vorstoß ab: „Wir planen auch nicht eine solche Initiative.“ Das Innenministerium Nordrhein-Westfalens ließ ausrichten: „Das ist nicht geplant.“ Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin äußerten sich auch negativ.

Minister Hermann: Staat ist zuständig

FC Bayern, FC Augsburg und die bayerischen Zweitligisten müssen offenbar nicht befürchten, künftig zur Kasse gebeten zu werden. „Für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung liegt die originäre Zuständigkeit beim Staat und damit bei der Polizei“, argumentiert Innenminister Joachim Herrmann (CSU). „Wenn HSV-Fans am Marienplatz randalieren, kann man nicht den FC Bayern dafür verantwortlich machen.“ Der Beitrag der Vereine müsse sein, Gewalttäter auf Dauer von Fußballspielen fernzuhalten und gegen Pyrotechnik einzuschreiten. Auch müssten sie für eine ausreichende Anzahl an Ordnern sorgen.

Ein Ja vom Bund der Steuerzahler

Bernhard Zentgraf lässt wenig Spielraum für Interpretation. „Bei kommerziellen Großveranstaltungen halten wir eine finanzielle Beteiligung grundsätzlich für richtig“, betont der Landesvorsitzende des Bundes der Steuerzahler für Niedersachsen und Bremen. Bereits vor einiger Zeit war der BdSt an die Innenministerkonferenz herangetreten, um eine Lösung zu finden. Ohne Erfolg. „Deshalb ist es gut, dass Bremen den Anfang macht“, sagt Zentgraf.

Unverständnis bei den Dachverbänden

DFB und DFL sind sich einig: Sollte Bremen sein Vorhaben in die Tat umsetzen, werde das Folgen haben – zum Beispiel den Entzug des EM-Qualifikationsspiel gegen Gibraltar, das am 14. November im Weserstadion ausgetragen werden sollte. „Es kann nicht sein, dass wir Bremen etwas Gutes tun und im Umkehrschluss fürchten müssen, dass wir für bestimmte Kosten von dort aus in Anspruch genommen werden“, erklärte Liga-Chef Reinhard Rauball. Unterstützung erhält die DFL von Wolfgang Niersbach, Präsident des DFB. „Ich kann den Standpunkt der Liga absolut nachvollziehen und liege auch voll auf einer Linie mit Reinhard Rauball, was den Antrag betrifft, kein Länderspiel mehr nach Bremen zu vergeben“, erklärte Niersbach. In einem Protestbrief an Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), den auch der Deutsche Olympischen Sportbund (DOSB) unterschrieben hat, heißt es: „An öffentliche Sicherheit darf kein Preisschild gehängt werden.“ Werder schließt sich dieser Haltung an. „Polizeieinsätze kann man nicht auf Vereine umlegen“, sagte Geschäftsführer Klaus Filbry. Auch der Bundesinnenminister ist gegen den Bremer Plan.

350 Beamte bei jedem FCB-Spiel 

Spiele der beiden Profivereine sind für die Münchner Polizei Großeinsätze. Im Schnitt 350 Beamte waren in der vergangenen Saison bei jedem Spiel des FC Bayern im Einsatz, beim TSV 1860 waren es 250. Sie werden bei Bedarf von der bayerischen Bereitschaftspolizei unterstützt. Aus der Stadt der Gäste reisen einige szenekundige Beamte an. Was ein Einsatz den Steuerzahler kostet, kann Polizeipräsident Hubertus Andrä nicht beziffern: „Wir stellen keine Rechnung für öffentliche Veranstaltungen.“ Im Stadion selbst seien die Ordner für die Sicherheit zuständig. „Wir greifen ein, wenn die Ordner mit den Fans Probleme haben und nicht mehr zurecht kommen sowie zur Verfolgung von Straftaten.“ Andrä lobt die gute Kooperation mit den Vereinen. Sorgen bereiten zunehmende Auseinandersetzungen rivalisierender Anhänger auf dem Weg zum und vom Stadion: „Da müssen wir aufpassen.“ Man beziehe diesen Aspekt in die Einsatztaktik ein. Andrä fordert, als Reaktion auf Fan-Randale Blocksperren zu verhängen: „Das wäre ein nach außen sichtbares Zeichen.“ ary

Das sagen die Münchner Vereine

1860-Boss Rejek: „Eindimensionale Sicht“

Markus Rejek, Geschäftsführer des TSV 1860, sieht es so: Vereine verursachen gewisse Kosten, aber sie bewirken auch viel in einer Stadt wie München: Tourismus, Nutzung öffentlicher Verkehrmittel, Hotelbuchungen. Zudem würden Berufszweige wie Gastronomie und Medien direkt vom Profifußball profitieren. „Neben den steuerlichen Aspekten, die ein Profiklub der Gesellschaft zurückgibt, ist der Fußball in Deutschland ein sehr großer Wirtschaftsfaktor“, sagt der 46-Jährige. „Der Fußball ist ein Antreiber für die Gesellschaft, weswegen ich das Urteil von Bremen als sehr kritisch bewerte. Ich denke, dass Vereine und Politik aufgerufen sind, noch mal intensiv darüber zu diskutieren.“ Rejek ahnt, dass vom Bremer Vorstoß eine gewisse „Signalwirkung“ ausgehen könnte. Er gibt zu bedenken, dass man die Debatte nicht „eindimensional“ führen dürfe: „Wie viele Steuern zahlt ein Verein? Und sind die Sicherheitskosten damit zu rechtfertigen? Ich glaube, das muss man in einem viel größeren Kontext beobachten.“  ulk

FC Bayern: Die Liga lehnt Bremer Weg ab

Markus Hörwick, Mediendirektor des FC Bayern, verweist auf die gemeinsame Erklärung der Liga, die der Rekordmeister zu 100 Prozent unterstütze. „Für uns ist klar: Die Polizei muss die Hoheitsgewalt über die Sicherheit haben“, erklärte der 57-Jährige. „Diese Haltung entspricht der einhelligen Meinung der Liga, und auch die Innenminister der Länder – Ausnahme Bremen – haben sich ja bereits klar und deutlich zu dieser Thematik geäußert.“

Uli Kellner/Andreas Mayr

Rubriklistenbild: © dpa

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