Viel Kopf, wenig Herz

Sieg beim VfB bringt den FC Bayern der Meisterschaft nahe

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Tänzchen mit gefletschten Zähnen: Ribery (r.) hatte in Stuttgart am meisten Biss, und Alaba traf immerhin zum 2:0.

München - Das 3:1 beim VfB Stuttgart bringt den FC Bayern München der Meisterschaft nahe – vor Benfica aber fehlt die Leichtigkeit.

Manchmal würde es einem schon helfen, wenn man reinschauen könnte, in das Gehirn des wohl verkopftesten Fußballtrainers dieses Universums. Was denkt sich ein Pep Guardiola, wenn er die letzten Minuten eines Gastspiels seines FC Bayern München beim VfB Stuttgart in einer scheinbar anderen Welt verbringt? Wenn er den Schlusspfiff augenscheinlich kaum wahrnimmt? Wenn er auch eine Minute später, während seine Spieler sich auf dem Feld abklatschen und zum 3:1-Sieg beglückwünschen, auf der Bank sitzen bleibt und ins Leere blickt?

Die Interpretation von außen: Seine Vorbereitung auf das Rückspiel im Champions League-Viertelfinale, das am Mittwoch bei Benfica Lissabon ansteht, hat bereits begonnen, als in Stuttgart nach Douglas Costas 3:1 alles klar war für den FC Bayern München. Und er wird trotz des vergleichsweise eindeutigen Sieges seiner Mannschaft bemerkt haben, dass es in Lissabon einer Leistungssteigerung bedarf, um auch im dritten und letzten Jahr seiner Amtszeit den Sprung ins Halbfinale der Königsklasse zu schaffen. Da zählte jede Minute. Denn bis Mittwoch muss viel nachgedacht werden.

Zwar haben die Bayern in Stuttgart zum ersten Mal nach drei Spielen hintereinander nicht „nur“ mit 1:0 gewonnen, sondern drei bzw. zwei Tore erzielt (Alaba, Costa, Eigentor Stuttgart). Trotzdem aber wurde man den Eindruck nicht los, dass die Leichtigkeit, mit der der Rekordmeister bis dato durch die Saison geschwebt war, im Endspurt ein wenig verloren gegangen ist. Matthias Sammer war der Einzige, der die Problematik offen ansprach. „Man muss der Mannschaft diese Freude an der Möglichkeit, etwas zu gewinnen, wieder mehr anmerken“, sagte der Sportvorstand. Gewohnt kompliziert formuliert, aber man verstand, was er meinte. Im Moment sieht alles nach harter Arbeit aus. Nach: Viel Kopf, wenig Herz.

Thomas Müller, wie Philipp Lahm und Douglas Costa erst auf der Bank, sprach von „Abgezocktheit und Cleverness“, wenn man nur so gut spiele, wie man eben müsse. Und Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge wollte von Kritik an der Spielweise des Tabellenführers überhaupt nichts hören. Jeder, der Negatives anspreche, habe „ein anderes Spiel gesehen als ich“, sagte er und versicherte: „Wir sind total zufrieden, das ist alles kein Selbstläufer. Wir haben weiter den Vorsprung, den wir haben wollten. Und ab jetzt dann jede Woche ein Spiel weniger.“

FC Bayern München: Situation in der Liga ist inzwischen mehr als komfortabel

Zugegeben: Die Situation in der Liga ist inzwischen mehr als komfortabel. Von einer Vorentscheidung will Rummenigge zwar erst sprechen, „wenn es auch mathematisch nicht mehr möglich ist“, dass Verfolger Dortmund nochmal rankommt. Guardiola aber rechnete schon vor: „Noch drei Siege und ein Unentschieden, um etwas zu schaffen, das noch nie eine Mannschaft in Deutschland geschafft hat.“ Die vierte Meisterschaft in Folge ist den Bayern wohl kaum mehr zu nehmen. Aber reicht die aktuelle Form auch für das Konzert der Großen?

„Es war gut, dass wir heute mal wieder drei Tore geschossen haben“, sagte Lewandowski. Ihm selbst war aber zum dritten Mal in Folge kein Treffer gelungen. Er nahm es gefasst, sprach lachend davon, „zumindest zwei Assists“ geleistet zu haben (gewollte Vorlage auf Costa, ungewollte Vorlage auf den Stuttgarter Torschützen Daniel Didavi). In Lissabon müsse er nun „weitermachen, auch wenn es kein leichtes Spiel für Stürmer werden wird“. Beruhigend ist in dieser Hinsicht, dass Kingsley Coman wieder einsatzbereit ist. Er wird als Zuarbeiter gebraucht, in Stuttgart hatte er wegen muskulärer Probleme gefehlt.

Lewandowskis Torflaute steht sinnbildlich für das derzeitige Spiel der Bayern. Der unbedingte Zug zum Tor fehlte in Stuttgart genauso wie in Köln sowie gegen Frankfurt und Lissabon zuvor. Müller immerhin gab zu, „dass wir versuchen müssen, unsere Effizienz wieder zu steigern“. Und Rummenigge forderte: „Nicht aufgeben – weitermachen!“ Ein gut gemeinter Tipp für Mittwoch. Aber sicher nicht so tiefgründig wie das, was Guardiola in seinem Kopf schon ausgetüftelt hat. Der Coach nutzt jede Minute.

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