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Effenberg: „CL-Titelchance, ist unter Ancelotti größer als unter Pep“

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Von: Andreas Werner, Hanna Raif

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„In solchen Spielen musst du wehtun können“: Effenberg über Duelle mit Real (hier mit dem heutigen Trainer Zidane).
„In solchen Spielen musst du wehtun können“: Effenberg über Duelle mit Real (hier mit dem heutigen Trainer Zidane). © imago

München – Als die Bayern 2001 die Champions League gewannen, führte ihr Weg über Real Madrid. Antreiber der Münchner: Stefan Effenberg. Vor dem Viertelfinal-Duell spricht der 48-Jährige im Interview.

Herr Effenberg, bevor wir über Real Madrid sprechen – vor Bayerns Duellen im Achtelfinale warnten Sie: „Arsenal ist sehr gefährlich.“ Lagen Sie kolossal falsch – oder lief bei Arsenal alles kolossal falsch?

Stefan Effenberg: Bei Arsenal lief alles kolossal falsch. Wer da zwei Mal 5:1 getippt hätte, hätte einen Riesen-Jackpot gewonnen.

Auf wen setzen Sie bei Bayern gegen Real?

Effenberg: Es ist ein 50:50-Spiel. Und es wäre zwar auch ein schönes Finale gewesen, aber um den Titel zu gewinnen, musst du jeden schlagen, ganz einfach.

Carlo Ancelotti trifft auf seinen Ex-Verein. Wie groß ist dieser Vorteil?

Effenberg: Ich kann mir vorstellen, dass die Bayern unter ihm wissen, was zu tun ist: Vom Ballbesitz ein Stück weit weggehen, Franck Ribery und Arjen Robben auch nach hinten arbeiten lassen. Wenn du Real Räume gibst, kriegst du drei, vier Stück. Bestes Beispiel: 2014.

„Ich habe Carlo Ancelotti 2014 gefeiert“

Damals beim 0:4 gab es viel Kritik an Pep Guardiola, er habe sich vercoacht.

Effenberg: Ich habe Carlo Ancelotti damals gefeiert.

Oh, das hören die Bayern sicher nicht gerne.

Effenberg: Ja, aber ich war einfach beeindruckt von ihm. Ancelotti ist einer, der an seiner Philosophie nicht krampfhaft festhält, sondern auch auf den Gegner und dessen Stärken Rücksicht nimmt. Als er mit Real gegen die Bayern 4:0 gewonnen hat, war das eine taktische Meisterleistung – noch mehr: Es war genial. Er ging weg von seiner Taktik. Cristiano Ronaldo war tief im Mittelfeld, Gareth Bale auch, Karim Benzema die einzige Spitze. Die mussten alle mitarbeiten. So kannte man Real nicht, aber es war mega-erfolgreich. Du musst so einem Ronaldo erst mal sagen: „Bei Ballverlust sofort hinter den Ball und dann wieder den weiten Weg nach vorne!“

Warum kann Carlo Ancelotti das so gut?

Effenberg: Das Menschliche steht für mich im Fußball sogar über dem Taktischen bei der Qualität. Wenn du das beherrschst – und das tut Ancelotti –, machen die Spieler alles. Das ist seit Jahren sein Erfolgsrezept.

Wie bei Jupp Heynckes und Ottmar Hitzfeld?

Effenberg: Genau so. Er trifft immer den richtigen Ton. Zudem hat er so eine beeindruckende Coolness. Wenn er gegen Real etwas umstrukturiert – womöglich nur mit Robert Lewandowski vorne –, kann Real erst einmal kommen. So flexibel war Pep Guardiola halt nicht. 70 Prozent Ballbesitz haben nichts gebracht, weil du so offen warst, dass du dir hinten die Dinger eingefangen hast.

Uli Hoeneß sagte mal über Heynckes: „Für den wäre der Ribery bis zum Kilimandscharo gelaufen.“

Effenberg: Bei Ancelotti ist es ähnlich. Er kann mit Superstars umgehen. Sie machen, was er sagt. Die Spieler haben die absolute Bereitschaft, ihm zu folgen. Die Wahrscheinlichkeit, die Champions League zu gewinnen, ist unter Ancelotti größer als unter Guardiola. Hitzfeld wusste auch immer, wie er die Jungs anpacken muss. Es gab zwar mal eine Rasur, aber die Spieler, mit denen er durchs Feuer gegangen ist, hat er gestützt. Auch ich hatte schlechte Phasen in meiner Karriere. Aber wenn du dann einen Trainer hast, der immer hinter dir steht, zahlst du das zurück.

„So flexibel war Guardiola nicht“, sagt Effenberg über Ancelotti.„Nagelsmann? Man sollte die Kirche im Dorf lassen“

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„So flexibel war Guardiola nicht“, sagt Effenberg über Ancelotti. © dpa

„Nagelsmann? Man sollte die Kirche im Dorf lassen“

Hitzfeld, Heynckes, Ancelotti – ist der FC Bayern ein Klub, bei dem nur reife Trainer Erfolg haben? Bereits jetzt wird der 29- jährige Julian Nagelsmann gehandelt.

Effenberg: Ich weiß nicht, ob es die Philosophie des Vereins ist, sich einen 30-Jährigen zu holen. Man sollte die Kirche im Dorf lassen. Ancelotti ist gerade ein dreiviertel Jahr da und hat ja noch einen Vertrag bis 2019. Wie bescheuert ist es, über Nachfolger zu sprechen? Nagelsmann kann ja nichts für diese Diskussion. Ich kann mir vorstellen, dass er das richtig einschätzt und schmunzelt.

Aber würde denn ein junger Trainer mal passen?

Effenberg: Vielleicht wird es dieses Projekt irgendwann mal geben. Aber darüber jetzt zu diskutieren, halte ich für Schwachsinn. Vielleicht bleibt Ancelotti ja auch noch fünf Jahre.

Kommen wir zurück zur Real-Partie. Sie selbst haben oft gegen Madrid gespielt, 2001 im Halbfinale gewonnen – sind diese Duelle spezieller als andere?

Effenberg: Ja. Es besteht da einfach eine enorme Rivalität, weil beide Klubs seit Jahrzehnten den Anspruch haben, den Titel zu gewinnen. Das spürst du, das nimmst du in diesen Duellen wahr, davor verschließt du dich nicht, vor dieser Brisanz.

2001 waren Sie am Tag vor dem Spiel in Madrid sehr gallig ...

Effenberg: War das so?

Ja, weil manche Zeitungen geschrieben hatten, der FC Bayern brauche da gar nicht erst hinzufahren, er habe keine Chance.

(lacht) Da sehen Sie mal! Einige haben halt keine Ahnung. Jeder wusste, es wird eine enge Kiste. Aber zu sagen, man muss da gar nicht hinfahren – da wird ein Spieler mal gallig.

„Solche Spiele tun weh - und du musst auch wehtun können“

Giovane Elber schoss damals den 1:0-Siegtreffer fast vom Mittelkreis aus ...

Effenberg: ... nach langer Verletzung. Das war grandios!

Er opferte sich, gerade frisch operiert, ebenso Jens Jeremies im Rückspiel. Muss man leiden können, um große Titel zu holen?

Effenberg: Ja. Solche Spiele tun weh. Und du musst auch wehtun können. Ich denke, Paris ist gegen Barcelona noch rausgeflogen, weil sie nicht bereit waren, bis an ihre Schmerzgrenzen zu gehen. Sie dachten, das spielen wir locker runter. Aber auf diesem Niveau ist so etwas fatal.

Wie ist es, in so einem wichtigen Spiel im großen Bernabeu aufzulaufen?

Effenberg: Das Publikum ist fanatisch, ganz ehrlich, eine andere Kategorie als anderswo. Da passen um die 80.000 rein, gefühlt sind es aber 100.000. Diese Fans musst du erst einmal ruhigstellen, indem du deine Stiche setzt. Das ist die Arbeit. Und das ist nicht leicht.

Sie waren damals der Antreiber. Heute ist es Arturo Vidal, der über sich sagt, er sei jetzt der beste Mittelfeldspieler der Welt.

Effenberg: Ja? Starke Aussage von ihm. Ich sage mal so: Er ist auf einem guten Weg dahin. „Krieger“ passt zu ihm. Mit so einem kannst du jede Schlacht gewinnen. Er ist wie früher Jeremies, gegen den hast du nie gerne gespielt. Das sind so Spieler, die wehtun. Und du kannst dich auf solche Typen verlassen. Vidal ist in den wichtigen Spielen auf den Punkt da. Er hat keine Angst und macht sich keine Gedanken ums Drumherum.

Wer wird denn die neuen Bayern prägen, wenn Philipp Lahm im Sommer seine Karriere beendet?

Effenberg: Du hast nach wie vor eine intakte Achse, die ja ihresgleichen sucht: Manuel Neuer, Mats Hummels, Jerome Boateng, Thomas Müller. Ich sehe auch Joshua Kimmich in der Position, in die Verantwortung hineinzuwachsen.

Stefan Effenberg
Stefan Effenberg, CL-Sieger 2001 mit Bayern. © dpa

„Gebt Douglas Costa noch fünf Jahre!“

Kimmich hat es aber aktuell schwer.

Effenberg: Ja, aber er ist ja auch noch kein fertiger Spieler. Bei ihm sehe ich, was er schon jetzt geleistet hat: Bei Bayern auf verschiedenen Positionen seine Leistung gebracht, dazu eine tolle EM gespielt – und er ist noch jung. So einer ist Gold wert für jeden Trainer. Ich sehe ihn aber nicht als Rechtsverteidiger. Er muss den Rhythmus mitbestimmen, braucht 80 bis 100 Ballkontakte. Er muss in die Lücke wachsen, die Xabi Alonso hinterlässt. Kimmich kann ein Spiel eröffnen, dazu Löcher stopfen.

Kann man sich auf einen Douglas Costa verlassen, der immer wieder mit seinem Wechsel kokettiert?

Effenberg: Sowas kennt man bei Bayern eigentlich nicht. Er muss sich in Geduld üben. Wenn Ribery und Robben fit sind, muss er von ihnen lernen. Seine Wechselgelüste verstehe ich nicht. Er kann bei Bayern noch eine große Nummer werden, denn er hat Waffen. Er darf nur nicht von seinem Tempo runter. Und man darf ihn nicht mit Ribery und Robben vergleichen – die sind ihm fast ein Jahrzehnt auf Top-Niveau voraus. Gebt ihm fünf Jahre, dann reden wir von ihm genauso wie jetzt von diesen beiden!

Bei Bayern steht ein Umbruch bevor. Der BVB hat schon ein junges Team. Trotz des 4:1 am Wochenende: Haben die Bayern eine Entwicklung verschlafen?

Effenberg: Zwischen 18 und 23 Jahren hat der BVB eine Mannschaft mit einem Riesen-Potenzial. Aber die Frage lautet: Funktioniert das? Oder braucht man nicht doch den einen oder anderen Routinier? Meine Meinung ist, dass es nur mit Jungen auf diesem Niveau nicht funktioniert. Du brauchst die Erfahrung die Ribery, Robben, Alonso mitbringen. Ich möchte den FC Bayern nicht mit einem Schnitt von 22 gegen Real sehen. Da würde ich mir Sorgen machen.

„Ich hätte mir gewünscht, dass Lahm weiterspielt“

Hört Philipp Lahm zu früh auf?

Effenberg: Ich hätte mir gewünscht, dass er weiterspielt, weil er enorme Bedeutung für den Verein hat. Wenn er aber sagt, dass es ihm zunehmend schwerer fällt, muss man das akzeptieren. Die Entscheidung ehrt ihn, er hatte ja noch einen Vertrag. Nur er konnte das so entscheiden.

Wen sehen Sie als neuen Bayern-Kapitän?

Effenberg: Man kann von Neuer ausgehen, der auch DFB-Kapitän ist. Ich glaube, dass auch Boateng den Anspruch hat. Hummels kann man als Kapitän auflaufen lassen. Und auch Müller, mit Abstrichen, denn es sollte ein Spieler sein, der absolut unantastbar ist. Einer, der möglichst durchspielt und vom Trainer das Vertrauen hat.

Auf dem Platz trifft Lahms Rücktritt die Bayern, auch Sportdirektor wollte er nicht werden. Warum tun sich die Bayern bei der Suche so schwer?

Effenberg: Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob sie richtig suchen. Und der, der angefragt wird, muss ja auch die Überzeugung haben, es tun zu wollen. Da gibt es immer zwei Seiten. Ich erinnere mich an die Aussage von Lahm, dass ihm die Konstellation nicht so gepasst hat. Ich finde gut, dass Philipp das auch so gesagt hat.

„Ich habe Lahm noch nicht abgeschrieben“

Ist es nicht auch eine große Chance, unter Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß zu arbeiten?

Effenberg: Wenn der FC Bayern jemanden sucht, dann sucht er einen, der den Job genauso ausführt, wie die beiden es wollen. Den muss man erst mal finden.

Schreckt das aktuelle Macht-Gefüge ab?

Effenberg: Ich glaube, dass es für alle Angefragten wichtig ist, zu wissen: Welche Kompetenz habe ich? Und Lahms Aussagen kann man so interpretieren, dass er mit dem ihm Angebotenen nicht einverstanden war. Vielleicht in drei Jahren, aber nicht jetzt. Ich habe ihn noch nicht abgeschrieben. Vielleicht denken auch die Verantwortlichen von Bayern dann anders. Im Moment sieht man: Bayern kriegt halt auch nicht jeden.

Haben Sie Verständnis für Max Eberl, der in Gladbach verlängert hat?

Effenberg: Ja, absolut. Er hat bei Gladbach in einer schweren Phase Ruhe in den Verein gebracht, gut eingekauft, Vertrauen bekommen und Vertrauen zurückgezahlt. So ist etwas entstanden. Er hat dort ein Umfeld, in dem er sich frei bewegen und entscheiden kann. Wenn du weggehen würdest zu einem Verein, in dem du bei Weitem nicht diese Freiheiten hast, würde ich auch lieber meine Arbeit fortführen. Besser als in Gladbach geht es für Eberl nicht. Er fühlt sich dort zuhause, ist seit zig Jahren da, hat alles im Griff, kann Entscheidungen treffen, muss sich nicht bei fünf Leuten rückversichern, ehe er etwas zu- oder absagt. Das ist doch Gold wert.

Müssen Hoeneß und Rummenigge mehr loslassen, um eine Zukunft ohne sie vorzubereiten?

Effenberg: Ich glaube, dass es grundsätzlich schwierig ist loszulassen – nicht nur im Sport, auch in der Wirtschaft oder Politik. Uli Hoeneß hätte sich zurückziehen können, hat es aber nicht gemacht. Ich fand gut, dass er zurückkam. Aber es zeigt auch, dass er ein absoluter Machtmensch ist. Und solche Menschen haben immer ein Problem, loszulassen und nicht mehr im Konzert mitzuspielen. Was eigentlich schade ist, denn irgendwann hat man das Alter, in dem man loslassen sollte.

„Ich sehe im Moment nicht die Notwendigkeit eines Sportdirektors“

Braucht der FC Bayern denn überhaupt einen Sportdirektor?

Effenberg: Das ist die große Frage. Ich sehe im Moment nicht die Notwendigkeit. Der FC Bayern tut gut daran, sich auf das nächste, übernächste Jahr zu konzentrieren. Mit Rummenigge, Hoeneß und dem Kaderplaner Michael Reschke sind sie gut aufgestellt. Seit Matthias Sammer weg ist, sind sie ohne Sportvorstand – und es geht ja da nicht drunter und drüber. Auf Teufel komm raus für den Sommer irgendwen zu holen, muss nicht sein. In zwei Jahren stellt sich das womöglich anders dar.

Wie sind Ihre Pläne?

Effenberg: Es gibt genügend Möglichkeiten im Fußball. Ich habe den Trainerschein gemacht, aber das heißt nicht, dass man das ganze Leben lang Trainer sein muss. Man lernt da unheimlich viel, jedem Manager würde diese Ausbildung auch guttun. Ich werde dem Fußball immer verbunden bleiben. In welcher Position, mal sehen.

Sie kratzen also nicht am Tisch, wenn eine Trainerstelle frei wird?

Effenberg: Nein, das finde ich einen unmöglichen Stil. Es gibt Trainer, die im Stadion sitzen, wenn ein Trainer wo auf der Kippe steht. Aber das ist nicht mein Charakter. Ich kann mit der Methode nichts anfangen.

Interview: Hanna Raif und Andreas Werner

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