DFB-Trainer-Ausbilder im tz-Interview

Taktische Entwicklung: Bei Pep tut sich was

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­Guardiola, Alaba: Zunehmende taktische Intelligenz.
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München - Seit 2008 leitet Frank Wormuth die Fußballlehrerausbildung des DFB. Im Interview geht es um Dreier- und Viererketten, die Rolle des Torwarts im modernen Fußball und natürlich um die Einfälle von Pep ­Guardiola.

Seit 2008 schon leitet Frank Wormuth die Fußballlehrerausbildung des DFB an der Hennes-Weisweiler-Akademie, weit länger beschäftigt er sich mit Tatktikfragen auf höchstem Niveau in Deutschland und der ganzen Welt. Wormuth schaut genau hin, analysiert, hinterfragt die Entwicklungen im taktischen Bereich – und das in Bundesliga-Spielen genauso wie bei jedem großen Turnier seit 2004. Für die tz hat er auf das zurückliegende Jahr geblickt, mit all seinen fußballerischen Höhepunkten wie der Weltmeisterschaft und den großen Duellen im Vereinsfußball.

Im Interview geht es um Dreier- und Viererketten, die Rolle des Torwarts im modernen Fußball und natürlich um die Einfälle von Pep ­Guardiola. Dazu stellt die tz die verschiedenen, gängigen Systeme für eine erfolgreiche Verteidigung und einen vielversprechenden Angriff vor (siehe Fotostrecke oben). So haben sich die Ketten und Formationen gewandelt und verfeinert!

Herr Wormuth, können Sie bei einem Spiel auch mal Fan sein, oder schaut das analytische Auge immer mit?

Frank Wormuth: Es schaut immer mit, was aber nicht unbedingt nur ein Nachteil sein muss. Wo sich andere bei einem Zweitliga-Spiel langweilen, kann ich mich vielleicht für die großartige Defensivordnung einer Mannschaft begeistern. Eben alles Ansichtssache.

Lassen Sie uns über Taktik reden. Wie stark hat sie sich im vergangenen Jahrzehnt entwickelt?

Frank Wormuth: Enorm. Gegenpressing, hohes Verteidigen, all das war ja vor zehn Jahren noch nicht da. Heute befinden wir uns in der Superlative der Geschwindigkeit und des taktischen Verständnisses.

David Alaba ist mal links, mal rechts, mal vorne. Haben sich auch die Spielertypen verändert?

Frank Wormuth: Das ist exorbitant bei Pep Guardiola festzustellen. Er verschiebt Spieler, verändert die Grundordnung im Spiel. Bei den meisten Bundesligsten ist sie hingegen noch sehr starr. Aber hier tut sich was. Bei der WM hat Hollands Kuyt aber auch schon drei verschiedene Positionen gespielt. Linke Außenbahn, rechter Verteidiger und Mittelstürmer.

Manuel Neuer kann ja auch mehrere Positionen spielen. Libero zum Beispiel.

Frank Wormuth: Eher Ausputzer. Gegen Algerien hat er alles abgeräumt, jetzt sieht man ihn auch in der Champions League sehr aktiv mitspielen, er haut die Kugel nicht mehr einfach nur weg. Was er als Torhüter und Feldspieler anbietet, ist schon enorm.

Jogi Löw meinte, er habe das Torwartspiel auf eine andere Ebene gehoben.

Frank Wormuth: Wenn der Bundestrainer das sagt! (lacht) Spaß beiseite: Die deutschen Torhüter sind in der Spieleröffnung generell besser geworden, aber Neuer setzt dem ganzen die Krone auf. Hätten die meisten Torhüter noch mehr Mut, könnten sie das vielleicht auch.

Muss Neuer Weltfußballer werden?

Frank Wormuth: Welche Konkurrenz hat er denn? Messi? Ronaldo?

Ronaldo soll schon das ein oder andere Tor gemacht haben...

Frank Wormuth: Mit Verlaub, aber wenn ein Torhüter bei einer WM so viel hält und noch als Feldspieler agiert – wie viele Beweise braucht das Gremium denn noch, dass Neuer die Nummer eins ist?

Wird sich denn auch Guardiolas Dreierkette vor ihm in Zukunft halten?

Frank Wormuth: Davon gehe ich aus. Schalke spielt es zuletzt auch sehr oft, und es werden noch mehr Mannschaften nachziehen. Ein normaler Trend, der sich in der Flexibilität der Grundordnung begründet. 3-4-3 und 3-5-2 werden in Zukunft eine große Rolle spielen.

Vor Jahren wurde der Tod der Stoßstürmer ausgerufen. Sind Sie froh, dass es sie immer noch gibt?

Frank Wormuth: Gott sei Dank! Der klassische Stoßstürmer à la Hrubesch oder Jancker ist natürlich out, nicht jedoch der moderne Stoßstürmer wie Lewandowski. Er hält sich nicht nur im Zentrum auf, bricht auch mal rechts und links aus. Dazu kommen noch – ich sage es ja ungern – die falschen Neuner wie Reus oder Götze. Wir werden immer variabler, deswegen wird es beides geben.

Noch ein Totgesagter: das spanische Tikitaka. Ihre Meinung dazu?

Frank Wormuth: Spanien wird weiter so spielen, ganz einfach, weil ihre Ausbildung so aufgebaut ist. Und sie werden auch weiter Erfolg haben, denn bei diesen großartigen Fußballern können sie gar nicht anders. Ich finde es nur schade, dass Tikitaka momentan als Ballkontrolle ohne Ziel definiert wird. Die Spanier hatten immer ein Ziel. Ihre Gegner ziehen sich eben aufgrund ihrer Spielstärke zurück, woraus dieses handballähnliche Herumgepasse um den Sehnzehner entsteht.

Worauf müssen wir uns sonst noch einstellen?

Frank Wormuth: Das Mittelfeldpressing wird wohl nachlassen. In der Defensive wird es nur noch zwei Alternativen geben: Entweder vorne draufgehen, also das sogenannte Gegenpressing. Oder sich bis vor den Strafraum zurückziehen, wie es Real Madrid es in der Champions League gegen Bayern vorgemacht hat. Im Mittelfeld wird sich wenig tun, weil die Mannschaften technisch so gut sind, dass sie den Ball dort halten können.

Früher wollte man dem Gegner sein Spiel aufzwingen, heute spricht Pep von anpassen. Was nun?

Frank Wormuth: Ich würde sagen: 70 Prozent eigene Philosophie, der Rest ist gegnerabhängig. Heute ist das eben aufgrund der großen Scouting-Abteilungen und der zunehmenden taktischen Intelligenz der Trainer möglich. Aber den Gegner zu durchleuchten, seine Schwächen auszumachen und zu kalkulieren, wie er denn gegebenenfalls spielen könnte – all das ist doch auch ein bisschen Schach.

In Brasilien stand die Mannschaft im Fokus. Sind Genies wie Messi nicht auch Erfolgsgaranten?

Frank Wormuth: Werfen Sie doch nur mal einen Blick auf die letzten vier Mannschaften in Brasilien. Da waren Deutschland plus Messi, Robben und Neymar. Solche Einzelkönner spielen eine sehr große Rolle. Die Kunst ist nur, sie ins Gefüge einzupassen, damit sie dort voll integriert sind. Bei unserer Mannschaft hat das hervorragend geklappt. Ich sage es ja immer wieder gerne: Götze, das ist doch auch so ein kleiner Messi.

Interview: J. Carlos Menzel Lopez

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