Bayern-Doc hatte davor gewarnt

Thiago-Drama: Das Problem mit dem Kortison

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Für Thiago beginnt eine neue Leidenszeit.

München - Das Drama um die Verletzung von Thiago Alcantara: In der tz erklären wir Ihnen, was es mit der Verletzung des Spaniers genau auf sich hat.

Im Reich der roten Riesen ist Feuer unterm Dach – wegen eines vergleichwsweise winzigen, etwa fünf Zentimeter langen Faserstrangs. Genauer gesagt geht’s um das Innenband im Knie von Thiago Alcantara, das er sich nun schon zum dritten Mal demoliert hat. Wie konnte das passieren? Trainer Pep Guardiola hatte seinen Spieler nach der ersten Verletzung (März) nach Barcelona zu Dr. Ramon Cugat geschickt. Der Barça-Arzt spritzte Thiago angeblich das Medikament Kortison – genau davor hatte aber Vereinsarzt Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ausdrücklich gewarnt. Was hat es auf sich mit der Knieverletzung? Wieso gilt eine Kortisonbehandlung als heikel? Die tz erklärt Thiagos Albtraum.

„Narbengewebe ist verletzlicher als Bandgewebe“

Die ganze Tragik um Thiago – sie offenbart sich im Vorwort des neuen Bayern-Magazins. Darin freut sich Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge riesig über die Rückkehr von Franck Ribery und Thiago Alcantara. „Ich weiß, dass sie schon seit Wochen ungeduldig mit den Hufen scharren“, heißt es in dem Heft, das in Druck gegangen war, kurz bevor sich Thiago am vergangenen Dienstag erneut das Innenband ramponierte.

Statt zur Champions League nach Rom fliegt der 23-jährige Spanier nun in die USA. Im Ski-Mekka Vail soll ihm OP-Veteran Dr. Richard Steadman (77), ein Spezl von Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt (72), das Problemband zusammenflicken. Dass es überhaupt erneut reißen konnte, habe an einer sogenannten „Narbeninsuffizienz“ gelegen, ließ der FCB verlauten. Bedeutet aus dem Medizinerdeutsch übersetzt: Die Narbe war einfach zu schwach, um eine Belastung wie in dem Trainings-Zweikampf auszuhalten. „Narbengewebe ist verletzlicher als Bandgewebe, es ist weniger durchblutet und nicht so dehnbar“, erklärt der langjährige Münchner Olympia-Arzt Dr. Volker Smasal, der unter anderem Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Anni Friesinger-Postma mehrfach an ihrem schwer geschädigten Knie operiert hat.

 „Bandverletzungen heilen öfter mit einer leichten Restlockerung aus. Das heißt, dass das operierte Band nicht mehr ganz so stabil ist wie ein unversehrtes.“ Ob das bei Thiago der Fall war, kann Smasal nicht sicher beurteilen – ebenso wie die Frage, ob der Spieler zu früh wieder ins Teamtraining eingestiegen sein könnte. „In jedem Fall lag hier aber ein Missverhältnis zwischen Belastung und Belastbarkeit des Bandes vor“, sagt der Orthopäde.

"Innenbandschaden noch das kleinere Übel bei Knieverletzungen"

Eine Innenbandverletzung braucht Zeit – so viel steht fest. „In der Regel wird das Bein nach einem Innenbandriss für etwa sechs Wochen ruhiggestellt. Ein Schiene aus Kunststoff stützt das Innenband und verhindert ein Übermaß an Bewegung. Anschließend folgen weitere sechs Wochen Rehatraining mit Muskelaufbau. Nach drei Monaten darf der Patient wieder sporteln. Allerdings kann es bis zu einem halben Jahr dauern, bis die volle Belastbarkeit des Innenbands wieder hergestellt ist, in einigen Fällen sogar noch länger. Deshalb sollte man in der Übergangsphase eher joggen oder radeln als das Knie mit Dreh- und Stoßbewegungen wie beim Fußball oder Skifahren unter Stress zu setzen“, rät Smasal.

Eine Operation kommt bei schwereren Innenbandverletzungen infrage – beispielsweise dann, wenn das Innenband im oberen, schmäleren Teil ausgerissen ist. Wesentlich häufiger reißt es allerdings im unteren Bereich. Dieses Problem wird in der Regel konservativ angegangen.

„Unterm Strich ist ein Innenbandschaden noch das kleinere Übel bei Knieverletzungen“, weiß Smasal. So müssen sich Patienten nach einer Kreuzband-OP im Regelfall neun bis zwölf Monate gedulden, bevor sie ihr Knie wieder vollständig belasten können“.

Wann Kortison im Gelenk sinnvoll ist

Kortison gilt als Klassiker bei der Behandlung von Entzündungen. „Es wirkt zuverlässig und vergleichsweise schnell. Auch bei Problemen im Kniegelenk kann es ein ausgesprochen nützliches Medikament sein. Man muss aber sehr verantwortungsvoll damit umgehen“, betont Dr. Volker Smasal. „Üblicherweise wird es bei frischen Verletzungen nicht eingesetzt, sondern bei chronischen Beschwerden – etwa durch Knorpelschäden, Sehnen- oder Schleimbeutelentzündungen.“

Allerdings dürfe man Kortison auch nicht zu oft verabreichen. Und ganz entscheidend sei, so der erfahrene Sportmediziner weiter, dass man es sehr sorgfältig spritzt. „Man sollte es auf keinen Fall direkt in festes Gewebe wie Sehnen, Bänder oder Knochen injizieren.“ Denn Kortison kann dort gewebstoxisch (zerstörend) wirken und Nekrosen verursachen, also Gewebeteile absterben lassen. „Und genau dies kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass bei frischen Verletzungen der Heilungsprozess sogar behindert wird“, erklärt Smasal.

Andreas Beez

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