tz-Interview mit dem Australien-Auswanderer

Broich: "Ich kann wieder richtig Bayern-Fan sein"

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Thomas Broich (l.) bei einem Freundschaftsspiel mit einer All-Star-Mannschaft gegen Juventus Turins Altstar Andrea Pirlo.

Brisbane - Ein Münchner in der weiten Welt: Thomas Broich spielt seit 2010 für Brisbane Roar in Australien. Er wurde dort dreimal Meister, zuletzt sogar zum Fußballer des Jahrzehnts gewählt. Vor allem aber ist er dort glücklich. Ein Gespräch über Fußball, das Leben, die Zukunft.

Herr Broich, wo erreichen wir Sie gerade?

Broich: Daheim, in Brisbane. Und das bereits zu fortgeschrittener Stunde – wie das meist so ist, wenn man einen Anruf aus Deutschland bekommt (lacht).

Wie oft sind Sie denn selbst noch in der alten Heimat?

Broich: Einmal im Jahr, so für zwei oder drei Wochen. Wir haben vier oder fünf Wochen Pause, in der Zeit muss ich dann bei Mama mal nach dem Rechten gucken.

Wo lässt es sich für Sie besser entspannen – an der Isar oder am Pazifik? Und gibt es etwas, was Sie besonders vermissen? 

Broich: Ich finde es hier schon sehr relaxed. Was ich ein bisschen vermisse sind Weißwürstl. Man kriegt sie hier zwar sogar, aber die sind nicht zu vergleichen mit denen zu Hause. Das ist immer das allererste, was ich mir gönne, wenn ich deutschen Boden unter den Füßen habe.

Wie sieht es aus mit Wintersport? Haben Sie was über für Schnee?

Broich: Ja, das eigentlich auch. Das ist etwas, was ich früher geliebt habe! Jetzt stand ich seit Jahren nicht mehr auf dem Brett. Ich glaube, es ist acht Jahre her, seit ich zum letzten mal snowboarden war. Ich hoffe, man verlernt es nicht…

Besteht denn die Möglichkeit, dass Sie dem irgendwann wieder regelmäßig nachgehen können? Sprich: Kommen Sie zurück nach Deutschland?

Broich: Da bin ich offen, in alle Richtungen. Ich kann mir vorstellen, dass das Kapitel hier in zwei Jahren abgeschlossen ist, genauso gut könnte es aber weitergehen in Brisbane, in anderer Funktion. Ich lasse das auf mich zukommen.

Wie genau verfolgen Sie denn, was in der Bundesliga vor sich geht?

Broich: Ich bin informiert, das kann ich sagen. Aber um zum Beispiel Livespiele zu gucken, das ist überhaupt nicht drin. Ich bekomme immer nur Schnipsel der Spiele via Internet mit, für die Champions League müsste ich schon um 5 Uhr in aller Herrgottsfrüh vor dem Fernseher sitzen. Das wäre auf Dauer etwas anstrengend vor dem Training.

Was steht denn dann für Sie im Vordergrund, wenn Sie nach Deutschland blicken?

Broich: Spezielles Interesse habe ich immer noch an Köln, an Gladbach. Als Münchner und Bayernfan schaue ich am liebsten auch bei ihnen rein. Diese Guardiola-Nummer ist mehr und mehr spannend, da lese ich fast alles, was ich in die Finger kriege.

Sie meinen die Dominanz des FC Bayern? Hat es ja so nicht gegeben, als Sie noch in der Bundesliga waren.

Broich: Das ist eine Truppe vom anderen Stern. Was mich daran so fasziniert, dass ist wie Guardiola es hinbekommen hat, ihnen einen ganz eigenen Stil beizubringen. Der Begriff Fußballlehrer hat bei dem Trainer eine ganz neue Bedeutung. Was er mit den Außenverteidigern anstellt, wie er im Mittelfeld permanent andere Formationen spielen lässt, das ist schon revolutionär. Das habe ich selbst in Australien mitbekommen.

In der A-League gibt es nicht das eine, das dominierende Team. Wie ist die Situation bei Ihnen in Brisbane zurzeit?

Broich: Wir erleben gerade ein durchwachsenes Jahr. Wir hatten einen extrem schlechten Start, von den ersten sieben Spielen haben wir sechs verloren. Seitdem hecheln wir ein bisschen hinterher. Aber wir haben aufgrund des australischen Systems das Glück, dass wir sogar noch Meister werden können, wenn wir unter die ersten Sechs kommen. Dazu müssen wir aber noch das berüchtigte Momentum aufbauen, dabei geht es jetzt aber erst einmal auswärts zu den Topteams. Das wird kein Zuckerschlecken.

Wie ist dabei Ihre Rolle im Team? Sie sind mittlerweile in einem Alter, da muss man voran gehen, die Jungen mitnehmen.

Broich: Ja doch, das muss ich wohl. Ich bin im Moment in einer ganz interessanten Phase. Ich stelle mit 34 zum ersten Mal fest, dass die Dinge von außen anders interpretiert werden, wenn es nicht ganz so gut läuft. Früher nannte man es einfach Formkrise, zurzeit wird mehr auf mein Alter geschielt. Das ist eine neue Erfahrung für mich.

Merken Sie Ihr Alter denn? Gibt es körperliche Wehwehchen, die früher nicht da waren? 

Broich: Überhaupt nicht! Ich fühle mich frisch und fit, hochmotiviert. Wenn es nach mir geht, könnte ich das noch ein paar Jahre machen.

Klären Sie uns mal auf: Ist die Belastung für einen Fußballer in Australien niedriger als in Europa?

Broich: Ich würde fast sagen, durch das Reisen ist sie noch höher. Wir spielen in der asiatischen Champions League, das bedeutet, wir fliegen nach Peking, nach Japan und Korea – und das sind nur die Partien unter der Woche. Hinzu kommen am Wochenende Distanzen in Australien, die wir in Deutschland so nicht kennen. Da jettet man mal eben fünf Stunden nach Perth rüber oder in die andere Richtung nach Neuseeland. Und wir spielen natürlich immer dann, wenn es richtig schön warm ist. Das ist eine ganz andere Belastung!

Im Schnitt spielen Sie in Brisbane vor 15000 Zuschauern. Was sagt das über den Stellenwert des Fußballs in Australien aus?

Broich: Das wird besser und besser und besser. Als ich angefangen habe, da waren wir ein kleines Licht. Mittlerweile haben wir einen besseren Schnitt als manche Rugby-Mannschaften. Und das mediale Interesse ist ebenfalls enorm. Hier spielen ja so Leute wie Alessandro del Piero, das hat unsere Zuschauerzahlen mehr als verdoppelt. Und auch das Niveau in der Liga ist extrem besser geworden in den letzten Jahren. Die Spiele kann man sich schon anschauen. Australien ist zuletzt Asienmeister geworden, die Western Sydney Wanderers haben die Champions League gewonnen. Das sagt schon einiges aus.

Wie sieht man dann das Spiel gegen den Weltmeister? Ist das eines dieser Spiele, dem man wochenlang entgegen fiebert?

Broich: Nein, das hält sich in Grenzen. Trotz allem ist es am Ende ja auch nur ein Freundschaftsspiel.

Hat Australien eine Chance? 

Broich: Ich tue mich da nicht so leicht, das einzuschätzen. Es besteht noch immer ein Klassenunterschied, denke ich. Und das in nahezu allen Bereichen, beispielsweise in der Handlungsschnelligkeit, in der taktischen Schulung. Auf der anderen Seite: In der Liga hat man schon große Fortschritte erzielt. Man hat sich vom kick and rush verabschiedet und versucht technisch ansprechend zu spielen. Einen Vergleich zu ziehen zu deutschen Verhältnissen ist aber unheimlich schwer.

Wie hat man da die WM in Brasilien verfolgt? Waren Sie zu der Zeit überhaupt down under?

Broich: Ich war zunächst in Amerika und danach in Australien – da habe ich die Begeisterung dann voll mitbekommen. Die Australier haben einfach ein riesiges patriotisches Herz. Sobald die Nationalmannschaft gegen den Ball tritt, gibt es überall plötzlich nur noch Fußballfans. So eine WM mobilisiert die Leute! Da war es schon recht schade, dass Australien mit Chile, Spanien und Holland so eine Hammergruppe erwischt hatte. Aber sie haben es gut hinbekommen, konnten die Gegner gut ärgern. Da waren die Menschen extrem stolz hier.

Und Sie? Hatten Sie sich mal kurz nach Brasilien gewünscht?

Broich: Sie meinen als Fan?

Ich meine als Spieler. Sie waren mal nah dran am Nationalteam.

Broich: Nein, das Gefühl hatte ich nie. Ich bin mittlerweile wieder so ein richtig schöner Fan. Ich kann mir von Australien aus in Ruhe anschauen, wie die Bayern spielen, wie die Nationalmannschaft spielt. Wie vor 20 Jahren als junger Kerl. Es ist wieder ein Mitfiebern, Daumen drücken, sich unterhalten lassen.

Gibt es denn konkrete Angebote für Sie aus Europa?

Broich: Nein, schon lange nicht mehr (lacht). Als 34-Jähriger geht man auch nicht mehr aus Australien weg.

Und was kommt nach der Karriere? Haben Sie sich darüber schon Gedanken gemacht?

Broich: In der Tat, das habe ich. Ich sehe hier extrem viel Potenzial. Die 18-, 19-Jährigen sind doch noch sehr roh, da kann in der Jugendarbeit noch richtig viel bewegt werden. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, irgendwann mal eine erste Mannschaft hier zu trainieren. Je älter ich werde, desto mehr schärft sich mein Fokus. Früher war ich so ein reiner Kicker, da bin ich zum Training, habe mich auf meine eigene Leistung konzentriert, bin wieder heim. Mittlerweile fasziniert mich die Taktik und alles, was dahinter steht. Jetzt schaue ich schon weiter, zum Beispiel, wie es mit einer Trainerlizenz aussieht. Und in Brisbane ziehen wir in den nächsten Jahren eine Jugendakademie auf, in die ich involviert sein könnte. Das wäre vielleicht nicht das Schlechteste.

Dann wäre doch vielleicht auch mal ein Praktikum bei Pep Guardiola drin, oder?

Broich: Da wäre ich wahrscheinlich nicht der einzige, der da gerade Lust zu hat (lacht).

Gibt es noch Kontakt zu alten Weggefährten in Deutschland? 

Broich: Eigentlich kaum mehr. Das Meiste läuft dann über Facebook-Nachrichten. Zu Anfang war es einfacher, weil ich noch in dem europäischen Rhythmus drin war. Mittlerweile habe ich hier ein eigenes Leben, mache auch abends ganz gern mal was. Da bin ich froh, dass ich überhaupt noch zu meiner Family den engen Kontakt pflegen kann. So manch anderer ist da leider auf der Strecke geblieben.

Ich schließe daraus, das australische Lebensgefühl passt ganz gut zu Ihnen.

Broich: Ich fühle mich super wohl! Und ein ganz großer Faktor dabei sind die Menschen, neben dem Klima. Obwohl: Vielmehr ist wohl das Klima ausschlaggebend für das, was die Menschen ausmacht. Die berühmte Work-Life-Balance stimmt hier einfach. Die Menschen können schon Gas geben, im Beruf zum Beispiel. Aber sie können es auch ganz locker angehen lassen. Es ist ein Gefühl von „Leben und leben lassen“, ein Stückweit weniger ehrgeizig. Jeder versucht auf seine Art glücklich zu werden. Und das ist auch gut so.

Tom meets Zizou - der Film über Thomas Broich Karriere - hier geht's zum Trailer

Interview: Michael Knippenkötter

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