Einschätzung zu Süle und Rudy

Thomas Helmer im Interview: Das rät er Carlo Ancelotti

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Carlo Ancelotti verspürt beim FC Bayern ein bisschen Druck.

Thomas Helmer über den FC Bayern, das Ende des Durchpustens, die Stärken von Thomas Müller, den Baum Niklas Süle und alte Gurken.

München – Am Sonntag startet Thomas Helmer (52) wie gewohnt ab 11 Uhr als Moderator des „Doppelpass“ auf „Sport1“ in die neue Saison. In unserem Interview analysiert der frühere Bayern-Kapitän die Lage seines Ex-Klubs.

Herr Helmer, nach dem Sieg im Supercup: Ist der FC Bayern wieder auf Kurs – oder doch wackliger, als er vorgibt, zu sein?

Thomas Helmer: Beim Audi Cup hat mir noch vieles gefehlt: Frische, Kreativität, es wurde viel nach hinten gespielt, so kennt man die Bayern nicht. Jetzt war es besser. Aber sicher sind die Bayern noch nicht da, wo sie sein müssen. Ich möchte das auch nicht mit der Asienreise entschuldigen, schon eher mit Verletzten wie Thiago, Manuel Neuer, Jerome Boateng, Arjen Robben.

Thomas Helmer.

Carlo Ancelotti sagt frech, Bayern holt die Champions League, „logisch“. Tut er sich da einen Gefallen?

Helmer: Er scheint gut drauf zu sein im Moment, er hat ja mehrere kuriose Aussagen getroffen. Zum Beispiel, er brauche keinen Sportdirektor. Dass er jetzt die Champions League gewinnen möchte, das glaube ich ihm ja. Nur wird das nicht leichter als im letzten Jahr. Eher schwerer.

Fliegt ihm die Aussage um die Ohren? Damit muss er in München rechnen...

Helmer: Das würde ihm nicht nur in München um die Ohren fliegen. Es ist sehr selbstbewusst, so etwas zu sagen, auch wenn die Zielsetzung im Grunde legitim ist. Ancelotti steht vor einem sehr wichtigen Jahr für ihn persönlich. Alle haben seine ruhige Art letzte Saison geschätzt, aber ehrlich gesagt nur größtenteils. Ob diese Art zum Erfolg führt, steht mehr denn je in Frage, und deshalb hat er ein schweres Jahr vor sich, sicherlich schwerer als das vorherige.

Kommt Ancelotti langsam in die Jahre?

Helmer: Mit dem Alter hat das nichts zu tun. Ich habe gestern mit einem Trainer aus der jungen Garde gesprochen, der sagte selbst, obwohl er jung ist, dass die Debatte eine Modeerscheinung sei. Auf einmal sollen es nur noch die sogenannten „Nagelsmänner“ können? Das stimmt so nicht. Und ein Ancelotti ist ja keine alte Gurke. Gerade er hat schon schwere Lagen gemeistert, bei Real, Chelsea . . .

... gleichzeitig fällt es gerade im fortgeschrittenen Alter schwer, sich noch mal neu erfinden zu müssen. Sie haben ja gerade seinen Führungsstil angesprochen, der sich ändern sollte.

Helmer: Man muss fair bleiben, finde ich. Wenn wir ehrlich sind, haben wir alle nach diesem fordernden Pep Guardiola erst einmal durchgepustet. Da kam in Ancelotti ein anderer Typ, auch smart, halt auf seine Art. Aber es ist nun einmal so: Jetzt ist’s auch mal wieder gut mit Durchpusten. Jetzt muss Carlo Ancelotti schon auf Attacke gehen. Aber das weiß er selber.

Hasan Salihamidzic wurde als Sportchef installiert, Willy Sagnol kam als Co-Trainer zurück. Man setzt auf das gute alte „Mia san mia“ – aber vielen fehlt eine Vision. Ist der FC Bayern zu rückwärtsgewandt?

Helmer: Puh, das ist auch immer eine Frage der Alternativen. Für „Brazzo“ ist das zum Beispiel erst einmal eine Riesenchance. Ich mag ihn, er hat eine ansteckende, positive Art, ist ein Arbeiter. Lasst ihn doch erst mal machen! Generell finde ich es auch nicht so schlimm, wenn der Verein auf ehemalige Spieler setzt, die die Abläufe kennen und wissen, wie der FC Bayern funktioniert. Mit Externen wie Michael Reschke hat es ja nicht so geklappt.

„Leihe von Costa und Gnabry verwundert“

Auf dem Platz entsteht nach den Abgängen von Philipp Lahm und Xabi Alonso eine neue Hackordnung. Sie waren selbst lange Bayern-Kapitän, bei einer Bankettrede sprachen Sie mal forsch von „meiner Mannschaft“, um den Bossen die Stirn zu bieten...

Helmer: Das sagte ich damals, weil diese Mannschaft so jung war und ich das Gefühl hatte, ich müsste mich schützend vor sie stellen. Damals war sie unfairer Kritik ausgesetzt, auch intern, und das habe ich versucht, etwa einem Franz Beckenbauer in einem Gespräch darzulegen. Das sollte man nicht zu oft machen, auch als Kapitän des FC Bayern nicht (lacht)...

Gab es Ärger?

Helmer: Natürlich gab es da ein Echo. Aber ich bin ein Gerechtigkeitsfanatiker und in solchen Punkten mal stur. Dazu muss ich auch sagen, die viel zitierte bayerische Streitkultur um Uli Hoeneß ist richtig gut. Dem Uli kannst du deine Meinung sagen, offen, er sagt dir dann seine, ebenso offen, aber er ist nie nachtragend. Man kommt da immer zu einem Ergebnis, und am Ende war es immer okay. Ich habe das sehr geschätzt.

Werfen wir einen Blick auf den Kader: Verabschiedet sich der FC Bayern gerade vom Flügelspiel?

Helmer: Dass Douglas Costa und Serge Gnabry verliehen wurden, verwundert mich. Zumal man nie weiß, wie es mit Franck Ribery und Robben läuft. Auf das Flügelspiel wird offenbar nicht mehr so viel Wert gelegt. Kingsley Coman konnte sich bisher auch nicht so empfehlen.

Was erwarten Sie von James: Ist er so gut wie sein Ruf – oder saß er bei Real Madrid zurecht draußen?

Helmer: Zweifel sind bei ihm erlaubt. Er war zwar bei der WM Torschützenkönig, aber 2014 ist eine Weile her. Was er kann, ist für mich eine der spannendesten Fragen dieser Saison. Bei den geringen Gebühren haben die Bayern da aber ein gutes Projekt am Laufen. Sie hoffen, dass er einen ähnlichen Biss entwickelt wie Robben, der auch von Real kam und es allen zeigen wollte, dass er da zu Unrecht nicht ran durfte. Die Bayern werden sich schlau gemacht haben, vielleicht haben sie bei Toni Kroos nachgefragt, zudem kennt Ancelotti den Jungen gut. Unter ihm hatte er bei Real seine beste Saison. Wie bei Hasan als Sportchef sage ich: Lasst ihn machen!

Rudy hat einen Riesensprung gemacht

Sebastian Rudy hatte bisher keiner so richtig auf dem Schirm – Sie schon?

Helmer:  Er hat letztes Jahr einen Riesensprung gemacht, das übersehen viele. Er hatte schon immer eine super Veranlagung, aber er hat früher oft die falschen Entscheidungen getroffen, spielte einen langen Ball, wenn ein kurzer gefragt war – und umgekehrt. Aber jetzt hat er das Vertrauen in sich, und mir gefällt, dass er sagt, er will bei den Bayern nicht alles von draußen anschauen, sondern da eine wichtige Rolle spielen. Genau so musst du auftreten.

Niklas Süle kam mit Rudy aus Hoffenheim. Sie spielten in der Abwehrzentrale – ist er die Zukunft?

Helmer: Ich habe ihn nach dem 0:2 gegen Neapel interviewt, seinem ersten Spiel bei Bayern, und er sagte ganz ehrlich: „Puh, das ist schon eine andere Hausnummer hier.“ Auch Tests darfst du als FC Bayern nicht verlieren. Beim Länderspiel in Kopenhagen habe ich ihn mal genau beobachtet, er hat sehr gute Anlagen. Mit 21 muss er noch am Stellungsspiel arbeiten, aber er ist ein Baum und die Bayern haben sich da einen top Backup geholt, der auch das Potenzial zur Stammkraft hat.

Thomas Müller durfte letzte Saison in entscheidenden Spielen nicht so oft ran wie er wollte. Wie geht es mit ihm weiter?

Helmer: Die Bosse stärken ihm zurecht den Rücken, weil er eine ungemein wichtige Figur ist. Er selber weiß, dass er keine gute Saison hinter sich hat – wobei die Messlatte extrem hoch lag. Er darf nicht sauer sein, wenn er mal kritisiert wird, das geht ja nicht gegen den Typen Müller, den finden alle gut – aber er ist ein Spieler des FC Bayern, und da gehört Kritik dazu. Er hat zurecht nicht gespielt, weil seine Form nicht da war. Klar muss er zulegen, aber man darf nicht den Stab über ihn brechen. Er kommt wieder.

Wir kommen um diese Frage nicht herum: Können Sie mit so einem 222-Millionen-Wechsel eines Neymar noch etwas anfangen?

Helmer: Nein, ich kann mit so etwas nicht umgehen. Keiner findet das eine super Entwicklung. Wenn ich höre, Guardiola hat bei Manchester City eine Milliarde ausgegeben – wer kann solche Zahlen noch fassen?

Bayern eingeschränkt, aber ...

Sie sind vor allem für die Bayern ein Problem, die beim Bieten um die internationalen Stars nicht die Ressourcen haben wie andere. Ihr Festgelkonto ist endlich.

Helmer: Ja, das ist endlich, aber es ist auch gut, dass die Bayern das Unsummenspiel nicht mitmachen. 41,5 Millionen für Corentin Tolisso sind schon viel Geld. Sie sollten ihr Konto nicht für einen Spieler plündern, auch wenn das ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit einschränkt, weil sie die Top-Stars nicht mehr kriegen.

Neu bei Ihrer Sendung ist Ex-Schiedsrichter Bernd Heynemann, um etwa Entscheidungen des Video-Assistenten zu beleuchten.

Helmer: Der Videobeweis ist gut, aber auch er schützt uns nicht vor Diskussionen. Insofern bin ich sehr glücklich mit Bernd Heynemann, weil uns dann ein Fachmann alles erklärt.

Ihr Phantom-Tor 1994 hätte es mit dem Videobeweis nie gegeben – könnten Sie darauf verzichten?

Helmer: Da es immer noch nicht vergessen ist – sicher! Am Samstag habe ich für die Uwe-Seeler-Traditionself getroffen, da sagten gleich alle: Ach, der kann ja auch normale Tore (lacht). Helmer und Phantomtor, das ist für die Ewigkeit. Ich hätte das nicht gebraucht – insofern bin ich ein klarer Befürworter des Videobeweises (grinst).

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