Torwarttraining und -entwicklung im Fokus

Hat Deutschland ein Torwartproblem? - Hinter Neuer sieht es düster aus

Fast immer nur die Zuschauerrolle: Alexander Nübel beobachtet Manuel Neuer–hier im Bayern-Training.
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Fast immer nur die Zuschauerrolle: Alexander Nübel beobachtet Manuel Neuer–hier im Bayern-Training.

Andy Köpke sieht Nachholbedarf auf Deutschlands einstiger Paradeposition. Viele Experten kritisieren die Nachwuchsentwicklung der Torhüter.

München– „Die Torwarte werden falsch trainiert“, prangert Ludwig Trifellner an. Bei der Entwicklung der deutschen Nachwuchskeeper sieht die Zukunft düster aus, warnt der 62-Jährige. Sowohl im Amateur- als auch im Profibereich. Trifellner muss es wissen. Der ehemalige sportliche Leiter des VfR Garching ist Torwart-Ausbilder beim Bayerischen Fussball-Verband.

Selbst Andy Köpke legte zuletzt den Finger in die Wunde: „Wir müssen aufpassen, dass wir nach der Generation Neuer/ter Stegen keine Probleme bekommen“, sagte der Torwart-Trainer der deutschen Nationalmannschaft im „kicker“.

Das Problem im Profibereich: Toptalente wie Alexander Nübel, Markus Schubert und Lennart Grill wagen den Wechsel zu einem Topclub. Dort nehmen sie einen Platz auf der Bank in Kauf. Den größten Rohdiamanten zwischen deutschen Pfosten fehlt die Spielpraxis. Sollten die Überkeeper Manuel Neuer oder ter Stegen die Schuhe mittelfristig an den Nagel hängen, fehlen derzeit würdige Nachfolger. Roman Weidenfeller glaubt: Schuld daran ist nicht nur die mangelnde Spielpraxis, sondern auch die Ausrichtung der Torhüterausbildung in den vergangenen Jahren: „Die Torhüter werden heutzutage offenbar mehr darauf trainiert, als elfter Feldspieler zu agieren“, sagte der ehemalige Nationaltorwart in der Sendung „Doppelpass“.

Wir haben uns in den Nachwuchsleistungszentren des FC Bayern, der Münchner Löwen und im Amateurbereich umgehört. Andi Rössl (FC Bayern), Harald Huber (TSV 1860) und Co. sprechen über die Gründe der Torwart-Misere. Und sie zeigen Auswege auf.

Harald Huber: „Zu viel Fokus auf dem Fußballerischen“

Harald Huber vom TSV 1860 ist überzeugt: „Es gibt nach wie vor genügend Torwart-Talente in Deutschland“. Doch der Torwarttrainer der Münchner Löwen glaubt, dass beim Torwarttraining der Toptalente in der Vergangenheit Fehler gemacht worden sind: „Der Fokus wurde zu sehr auf das Fußballerische gelegt. Die Priorität bei der Ausbildung des Torwarts müssen die grundlegenden Torwartübungen sein“, sagt Huber. Bis zur U10 sollen sich die Kinder bewegen: „Torhüter müssen gut Fußball spielen können. In jungen Jahren sollten sie deshalb ganz viel im Feld spielen“, betont Huber. Ab der U10 bzw. der U11 aber macht eine Torhüter-Ausbildung Sinn. Mit dem Schwerpunkt: Bälle halten.

Ernst Thaler: „Die Methodik stimmt nicht“

Ernst Thaler geht noch weiter als Harald Huber. Der Leiter der Oliver Kahn Academy warnt: Das Niveau der Ausbildung stagniert. „Das Torwarttraining hat sich in den letzten 30 Jahren nicht verändert“, wettert der 54-Jährige.

Thaler bildet seit über 30 Jahren Torhüter für Profivereine wie den TSV 1860 München und Guangdong Xiongying FC oder für die nationalen Verbände in Deutschland und Saudi-Arabien aus. Er hat Manuel Neuer, Marc Andre ter Stegen oder Lennart Grill in den U-Nationalmannschaften nach oben gebracht. „Die Trainingsinhalte sind gut. Aber die Methodik stimmt nicht“, sagt Thaler. Er legt den Finger in die Wunde: „Die Torhüter werden nicht in das Mannschaftstraining mit eingebaut. Sie trainieren meist isoliert. Und wenn sie mit der Mannschaft trainieren, werden sie nicht gecoacht.“ Thaler nennt ein Beispiel: „Bei der Übungsform Eins gegen Eins zwischen Angreifer und Torwart bewertet und verbessert der Trainer den Abschluss des Stürmers. Oft aber nicht die Abwehr-Aktion des Torhüters.“

Huber & Rössl: Spezialisierung zwischen U11 und U13

Was muss sich in den Nachwuchsleistungszentren ändern, damit sich bei den Profis in der Breite wieder mehr Torwarttalente durchsetzen? Lange vor dem ersten Training lautet die wichtigste Frage: Wie finden die Scouts unter fußballbegeisterten Kindern den künftigen Manuel Neuer? „Das Auftreten ist die wichtigste Eigenschaft eines Torhüters“, betont 1860-Torwarttrainer Huber.

Einen tiefen Einblick ins Torwart-Scouting gibt Andreas Rössl vom FC Bayern. Der Ex-Keeper der Bayern-Amateure trainiert am Campus die Keeper der U13 bis zur U15. „Beim Scouting eines Torhüters achte ich vor allem auf die Art und Weise seines Torwartspiels. Wie ist sein Verhalten als Keeper? Wie kommuniziert er mit seinen Vorderleuten?“

Um einen Torhüter letztendlich vom Wechsel zum Rekordmeister zu überzeugen, hat der FC Bayern einen großen Vorteil: „Beim Scouting gibt es Spieler, die entscheiden sich für und andere gegen uns. Aber vor allem mit dem Niveau der zweiten Mannschaft in der 3. Liga haben wir gute Argumente auf unserer Seite“, erklärt Nachwuchs-Trainer Rössl.

Sein Ziel und das der Bayern-Scouts: Der Rekordmeister will den nächsten Manuel Neuer aufspüren. Und am Campus selbst ausbilden.

Dafür gibt es klare Richtlinien beim FC Bayern. „Sobald es auf das große Tor geht, sollten die Torhüter spätestens fest ins Tor wechseln“, erklärt Rössl. Ab diesem Zeitpunkt sollen die Torhüter im Wettkampf Torwart bleiben und auch den Leistungsgedanken kennenlernen. Denn fehlende Drucksituationen in der Jugend können im Herrenbereich nicht mehr aufgeholt werden.

Beim FC Bayern setzen die Verantwortlichen am Campus deshalb auf Jobsharing, auf „Arbeitsplatz“-Teilung im Tor zwischen der U13 und U15. So lernen die Torhüter mit dem Druck im Spiel umzugehen. Erst ab der U16 herrscht das Leistungsprinzip beim Rekordmeister.

FC Bayern: 80 Prozent des Trainings liegt auf dem Torwartspezifischen

Dass die Verbesserungsvorschläge von Thaler und Huber im absoluten Spitzenfußball angekommen sind, zeigt sich beim FC Bayern. Andi Rössl hat Einblicke in sein Training mit den Nachwuchskeepern gegeben.

„Das Fußballerische ist in der Torwartausbildung mehr geworden, aber 80 Prozent des Trainingsinhaltes liegen auf dem Torwartspezifischen“, erklärt Rössl den Ansatz in der Nachwuchsentwicklung von Torhütern beim amtierenden Champions-League-Sieger.

Beim Rekordmeister ist es für die Torwarte vorgesehen, den Großteil vom Mannschaftstraining mitzumachen. Der ehemalige Torwart der zweiten Mannschaft erklärt: „Ich habe meine Torhüter 20 bis 45 Minuten im isolierten Training, danach nehmen sie am Mannschaftstraining teil“. Dabei ist Rössl auch immer für seine Torhüter da. „Ich bin meistens beim Mannschaftstraining dabei und versuche auch da, meine Torhüter zu coachen“.

Harald Huber: „Die Psyche spielt eine große Rolle“

Die Münchner Profivereine sind überzeugt, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Am Ende kommt es aber auf Kleinigkeiten an. „Wir haben Torhüter, die das Talent haben, irgendwann den Sprung in die erste Mannschaft zu schaffen“, gibt sich Andi Rössl vom FC Bayern optimistisch. Sein Ziel: „Wir wollen unseren Torhüter-Talenten den Weg in eine Profiliga ebnen, national oder international.“

Auch beim Lokalrivalen TSV 1860 ist man zuversichtlich: „Talente gibt es viele. Der Sprung in den Profibereich hängt bei den meisten allerdings mit dem Kopf zusammen. Die Psyche spielt eine große Rolle und zeigt, wer mit dem Druck umgehen kann“, erklärt Harry Huber. Auch den aktuellen Löwen-Torwart begleitete er lange. Marco Hiller gehört zu den besten Torhütern der 3. Liga. „Das ist eine Bestätigung für meine Arbeit. Ich habe ihn mit kleinen Unterbrechungen seit der U15 begleitet und ein besonderes Verhältnis zu ihm.“

(Korbinian Kothny)

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