Philosoph Gebauer im tz-Interview

Transferwahnsinn: "Bayern verliert seine Identität"

Nächster teurer Neuzugang aus dem Ausland? Arturo Vidal.

München - Arturo Vidal (28) ist Bayern 35 Millionen Euro wert. Manchester City will für Paul Pogba (22) womöglich 100 Millionen ausgeben. Philosoph Gunter Gebauer (71) im tz-Interview über die explodierenden Transfersummen.

Herr Gebauer, können Sie sich noch an Ihren Fußball­erstkontakt erinnern?

Gebauer: Sicher, das war in den 50er-Jahren, im Stadion von Holstein Kiel. Meine Mutter hat auf der Geschäftsstelle gearbeitet und den Spielern ihre Gehaltsumschläge gegeben. Ich habe oft Spiele der ersten Mannschaft gesehen. Bei den Relegationsspielen gegen 1860 München ist meine Liebe kürzlich wieder aufgeflammt, ich habe die Daumen gedrückt, geholfen hat es bekanntlich nichts.

Wie viel Geld hat Ihre Mutter damals in die Umschläge gesteckt?

Gebauer: Die Spieler haben in der Oberliga Nord zwischen 120 und 240 Mark bekommen, das waren Vertragsamateure, jeder hatte noch einen bürgerlichen Beruf. Das Fußballspiel war langsamer, behäbiger, aber schon giftig und trickreich. Aber es fehlte an Athletik, Ausdauer und Ernsthaftigkeit. Fußball lag irgendwo zwischen Freizeit und Leidenschaft, Spieler und Fans waren auf Augenhöhe.

Heute ist Manchester City dem Vernehmen nach bereit, 100 Millionen für Paul Pogba zu bezahlen. Die Augenhöhe ist dahin.

Gebauer: Identifikation findet nicht mehr statt, stattdessen pure Verehrung. Fußballer leben in einer anderen Welt, sie werden ehrerbietig bewundert und als überirdische Wesen angesehen. Und sie sind ungeheuer einflussreich, ein Cristiano Ronaldo beispielsweise hat über 100 Millionen Follower in sozialen Netzwerken. Spieler wie er ziehen den Verein mit in eine andere Sphäre. Real Madrid bezeichnet sich selbst als Team der Galaktischen, sie schaffen dadurch einen Nimbus, eine religiöse Wolke. Dieser Mythos muss aber auch aufrecht erhalten werden und deswegen brauchen sie ab und an Neuzugänge, die nicht nur gut spielen, sondern auch neben dem Platz etwas darstellen.

Der FC Bayern zahlt 30 Millionen für Douglas Costa und 35 Millionen für Vidal, Barcelona 40 Millionen für Arda Turan. Sind solche Summen nicht pervers?

Gebauer: Die Summen sind explodiert, es ist sehr viel Geld im Spiel, das ausgegeben wird. Ökonomisch ist das nur schwer zu prüfen, manchmal geht es auf. Über Franck Ribéry wurde einst viel diskutiert, es hieß, er sei ein verrückter Franzose, der nicht in die Münchner Spielkultur passt. Heute ist er das Gesicht des Vereins. Man kann ihn mit Geld nicht aufwiegen.

Bastian Schweinsteiger ist weg, auch er gab dem Verein ein Gesicht. Was verlieren die Bayern durch seinen Abgang?

Gebauer: Einen Teil ihrer bayerischen Identität. Aber der Umbau zu einem internationalen Team ohne regionales Gesicht hat ja schon vor einiger Zeit angefangen. Möglicherweise verliert der Verein dadurch mehr an symbolischem Wert, als er durch die Ankäufe auf sportlicher Seite gewinnt.

Zieht es Schweinsteiger zu Manchester, weil er sich (finanziell) nicht genug wertgeschätzt fühlt wie beispielsweise auch Toni Kroos?

Gebauer: Von außen kann man die wahren Motive nicht gut erkennen. Es ist auffällig, dass seit Längerem seine Position in der Mannschaft deutlich weniger gefestigt erscheint als in den Jahren zuvor. Das bedeutet einen gewissen Verlust an Ansehen und Sicherheit. Und das, obwohl er im Finale von Rio ein fabelhaftes Spiel gemacht hat.

Ist die Fußballromantik bzw. die Liebe zu seinem Verein, bei dem er seit 17 Jahren Mitglied ist, an diesem Punkt zu Ende?

Gebauer: Ich glaube, dass es ihm eher darum geht, sein Selbstbild eines international gefragten Spielers aufrechtzuerhalten. Außerdem gibt es auch eine Fußballer-Romantik, die ihn zu einem der größten Klubs ziehen kann.

Dreht sich die Geld­spirale weiter, werden bald 150 oder 200 Millionen ausgegeben?

Gebauer: Die Frage kommt immer wieder. Erst waren es 20, dann 60, nun 100 Millionen und bald werden es 200 Millionen sein. Die englischen Klubs werden durch die TV-Vermarktung mit einem Geldsegen überschüttet, den Vereinen stehen zwei bis drei Milliarden zur Verfügung. Der Letzte der Premier League bekommt viermal so viel wie Bayern München. Ich wüsste nicht, wodurch die Spirale gebremst werden sollte. Das Gut, das gekauft wird, vermehrt sich schließlich nicht.

Die begehrten Spieler werden auch deshalb immer jünger. Lukas Podolski hat sich kürzlich beschwert, weil sich einige Bundesligaklubs um seinen Sohn Louis (7) bemühen.

Gebauer: Meistens geht das doch in die Hose. Die Entwicklung vieler Hochbegabter verläuft im Sand, selbst mit zwölf Jahren hat ein Spieler höchstens Potenzial, aber niemand weiß, wie er sich körperlich und psychisch entwickelt. Hertha BSC hofiert Nachwuchstalente in der Limousine von Dresden nach Berlin und am Ende sind die Jungs froh, wenn sie bei einem Vorortverein landen. Junge Spieler zu kaufen, ist für mich verbrennen von Geld.

Kann der FC Bayern auf eigenen Nachwuchs setzen oder muss er jedes Jahr hohe Summen investieren?

Gebauer: Nur Nachwuchs oder junge Spieler, das ist riskant. Selbst Mario Götze, womöglich Deutschlands derzeit begabtester Spieler, ist nicht so eingeschlagen wie erhofft, vielleicht auch, weil er nicht optimal gefördert wurde. Er hat das entscheidende Tor bei der WM geschossen, aber seine Weltkarriere hat dadurch keinen Schwung aufgenommen. Die Bayern sind auf frischen Wind angewiesen, am Ende der vergangenen Saison hatte die Mannschaft die zwingende Kraft in der Offensive verloren.

Lastet auf Spielern wie Mario Götze ein besonderer Druck wegen der hohen Ablösesummen?

Gebauer: Das denke ich nicht. Fußballer sind Wettbewerbstiere, sie haben meist selbst sehr hohe Erwartungen. Sie wollen immer vorne, immer bei den Besten sein. Arda Turan und Aleix Vidal nehmen bei ihrem Wechsel nach Barcelona sogar in Kauf, ein halbes Jahr auf der Bank zu sitzen.

Beide dürfen aufgrund des Financial Fair Play (FFP) erst ab Januar spielen. Aber Barca hat das FFP ausgetrickst, oder?

Gebauer: Das machen doch alle, die Regel ist nur fürs Schaufenster.

Karl-Heinz Rummenigge sieht das anders.

Gebauer: Weil es seine Idee war. Es war ja auch eine sehr gute Idee, aber ich glaube nicht, dass sie aufgeht. Das Handeln der spanischen Vereine spricht dagegen, auch weil nationale Sportler in Spanien politisch beschützt werden. Real Madrid hätte schon dreimal insolvent gehen müssen, aber dann kauft die Stadt zum richtigen Zeitpunkt eben Vereinsgrundstücke für hohe Summen. Ohne diese Hilfe wäre Madrid längst das Griechenland der Champions League.

Interview: Mathias Müller

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