„Auf uns wartet viel Arbeit“

Trotz Kantersieg des FC Bayern: Heynckes äußert sich kritisch

Nach dem Kantersieg gegen den FC Bayern müsste man eigentlich eine durchwegs positive Analyse von Trainer Jupp Heynckes erwarten. Doch diese fällt überraschend kritisch aus. 

München – Morgens um Viertel nach sieben, sagte Jupp Heynckes am Samstag, gehe er aus dem Haus. Oder besser gesagt: „Aus dem Hotel.“ Das Programm ist anspruchsvoll und die Zeit knapp, ständig muss er Gespräche führen, Taktiken entwerfen, Trainingseinheiten beaufsichtigen. Zurück in seine Herberge komme er abends nicht vor acht, halb neun. Mit der Frage nach den angenehmen Seiten des Trainerlebens wie Herbstspaziergängen mit dem Hund, die ihm ein Reporter stellte, konnte Heynckes deshalb herzlich wenig anfangen. Zumal sein Schäferhund sich momentan gar nicht in München aufhält.

Dem Trainer ist es nicht geheuer, dass sein viertes Engagement beim FC Bayern von der Öffentlichkeit derart vertrauensvoll begleitet wird, als könne gar nichts mehr schief gehen. Selbst beim auf den ersten Blick eindrucksvollen 5:0-Sieg über den SC Freiburg sind seinen kritischen Augen einige ernüchternde Szenen aufgefallen. Während auf den Rängen schon vor dem Spiel bei der Nennung seines Namens eine Stimmung wie auf einer Meisterfeier herrschte und sich in den folgenden 90 Minuten auf beinahe unwirkliche Weise alles in die Choreographie einer rauschenden Heimkehr zu fügen schien, war Heynckes’ Wahrnehmung eine ganz andere: „Auf uns wartet viel Arbeit.“

FC Bayern gegen Freiburg: Phase voller Nachlässigkeiten 

Der junge Engländer Ryan Kent zum Beispiel hätte die Bayern schon früh eiskalt erwischen können Doch der Stürmer vergab nicht nur eine vielversprechende Chance allein vor Torwart Sven Ulreich, sondern leitete 60 Sekunden später auch noch mit einem schlimmen Ballverlust das Münchner 1:0 ein, das sinnigerweise durch ein Eigentor fiel (Schuster/8.). Dem 2:0 kurz vor der Pause ging eine Phase voller Nachlässigkeiten voraus, die an viele Spiele unter Carlo Ancelotti erinnerte. „Da muss man hellwach sein“, beklagte Heynckes, „das waren wir nicht.“ Erst das 3:0 beruhigte den Rekordmeister, der sich der Tatsache sehr wohl bewusst war, „dass wir zwei Mal ein 2:0 in den Sand gesetzt haben“, wie Mats Hummels erinnerte.

Die Fans feierten die Rückkehr von Jupp Heynckes. 

Es gibt also durchaus Ansätze, um es in den nächsten Spielen noch besser zu machen. Für den Fußballlehrer Heynckes ist das eine dankbare Vorlage. Sein herzliches Auftreten hindert ihn nicht daran, akribisch, zuweilen pedantisch die Mannschaft anzuleiten. „Das hat uns sehr gut getan“, sagte Hummels über die Veränderungen der vergangenen Tage, „da war die ganze Zeit Zug drin.“

Unter Heynckes gewinnt die Mannschaft Harmonie und Eintracht zurück

Auch wenn gerade mal ein Spiel bestritten ist und man mit Prognosen vorsichtig sein muss, erscheinen die Hoffnungen, dass sich mit dieser Personalie die jüngsten Turbulenzen rasch überwinden lassen, nicht übertrieben. So wie die Bayern in den ersten 20 Minuten ihren Gegner berannten und an dessen Strafraum einschnürten, drängte sich die Frage auf: Was hat sie eigentlich unter Ancelotti davon abgehalten, derart leidenschaftlich zu agieren? Der ganze Auftritt strahlte eine Harmonie, Vitalität und Eintracht aus, die man in diesem Team schon lange nicht mehr erlebt hat. Selbst Robert Lewandowski reduzierte seine Gesten der Unzufriedenheit auf ein Minimum. Und als er am Ende doch noch zum Zug kam und das 4:0 erzielte, war Arjen Robben einer der ersten Gratulanten.

Die Situation erscheint schon wieder ein bisschen wie vor fünf Jahren, als die Scherben des „Finale dahoam“ frisch aufgekehrt waren und die Bayern mit vereinten Kräften einen neuen Anlauf starteten, weil sie sich alle in der Verantwortung fühlten. „Wir haben als Team gespielt. Wir haben lange nicht mehr so gespielt“, lobte am Samstag der überragende Thiago bedeutungsvoll.

Neue FC Bayern Dienstwagen

Als hätte dieser Abend noch einer Abrundung bedurft, schmolz durch die Dortmunder Niederlage der Rückstand auf zwei Punkte. Die Spieler hatten die Arena da längst verlassen, eine Stunde nach dem Spiel waren sie auf und davon. Nur Jupp Heynckes war noch in den Katakomben unterwegs. Auf ihn wartete aber auch nur ein Hotelzimmer. Und vermutlich ein Haufen Arbeit.

Übrigens: Auch Spieler Thomas Müller warnt davor, zu schnell in Sieger-Euphorie zu verfallen.

Video: Glomex

Rubriklistenbild: © dpa

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