Butt: Der ewige Zweite will endlich einen Titel

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Jörg Butt will endlich einen Titel gewinnen.

Der ewige Zweite Jörg Butt will endlich seinen ersten Titel.

Mit Bayer Leverkusen verlor der Vize-Weltmeister das Champions-League-Finale, die sicher geglaubte Meisterschaft und das DFB-Pokal-Endspiel, als neue Nummer 1 des FC Bayern möchte der 34- Jährige die ersehnte Schale am 23. Mai auf dem Münchner Marienplatz in die Höhe stemmen.

“Deswegen bin ich zum FC Bayern gekommen. Hier hat man die Möglichkeit, in jedem Jahr um die Meisterschaft und in der Champions League zu spielen“, sagte der von Trainer Jürgen Klinsmann beförderte Torhüter. “Wir haben alle Möglichkeiten, deutscher Meister zu werden.“

Dass der langjährige Keeper von Bayer Leverkusen und dem Hamburger SV in der entscheidenden Titelkampfphase eine entscheidende Rolle beim FC Bayern einnehmen würde, daran war vor wenigen Wochen nicht zu denken. “Aber ich bin zum FC Bayern gekommen, um das eine oder andere Spiel zu machen und der Mannschaft in allen Bereichen zu helfen. Ich war froh, als der Trainer vor dem Barcelona-Spiel gesagt hat, dass ich spiele“, sagte Butt, der von Benfica Lissabon zu den Münchnern gewechselt war.

Als erfahrene Nummer 2 sollte er den zum Kahn- Nachfolger erkorenen Michael Rensing in dessen Entwicklung weiterhelfen; nun stoppte er erstmal den Spieldrang des 24-Jährigen. Überraschend hatte Klinsmann den geduldigen Reservisten vor der 0:4-Pleite beim FC Barcelona ins Tor gestellt und damit Rensing “wehgetan“. Die “Ruhe“ und “Gelassenheit“ von Butt, der “aufgrund seines Typs und seines Intellekts einer unserer Leader ist“ seien besonders gefragt.

“Von der Qualität muss Michael noch dahin kommen, wo ein Jörg Butt war oder ist“, sagte der Coach über den Keeper, der im Tor von Bayer Leverkusen von René Adler verdrängt worden war und in Portugal auf der Bank saß.

Die tz macht den Bayern-Test: So schwitzen die Profis

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Er machte im Team mit Mark Verstegen die Nationalmannschaft für die WM 2006 und die Euro 2008 fit. © sampics
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Er half Spitzenathleten, gesund und fit zu sein – unter anderem Maurice Green, Katharina Witt oder Boris Becker. Und er sorgt mit seinen Kollegen vom FC Bayern dafür, dass die Profis genug Power für Klinsis Spielstil haben: Fitness-Coach Oliver Schmidtlein. © sampics
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Berühmt wurde der 43-Jährige durch Gummiband-Übungen, die er in Klinsis Training unterbrachte. Doch Schmidtleins Methoden sind komplexer, vielfältiger. © dpa
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Wie genau ein Fitness-Training von Ribéry, Toni & Co. wirklich aussieht, wollte ich, der tz-Reporter, selbst herausfinden. Und so quälte ich mich über zwei Stunden durch Schmidtleins Fitnessprogramm. © dpa
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Der Treffpunkt: Das eigene Studio des Physiotherapeuten und Fitness-Trainers in der Balanstraße 73. Die Aufgaben: die gleichen wie im Leistungszentrum an der Säbener Straße. © sampics
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Nur die Tests auf dem Trainingsplatz ließen wir bei unserem Programm weg. „Wir bräuchten dazu ein Fußballfeld. Außerdem ist es besser für Sie“, erklärt mir der gebürtige Bamberger gnädig. © sampics
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Der Sinn von Schmidtleins Übungen mit den Spielern des Rekordmeisters „ist nicht, die Spieler schneller zu machen – aber die Bewegung effektiver.“ Ausweichbewegungen sollen erkannt und korrigiert, Verletzungen vorgebeugt und der Bewegungsablauf ökonomischer werden. „Wir sind auch jetzt bei den Profis noch nicht da, wo wir hin wollen“, erklärt der Coach, „jeder Spieler hat ein genetisches Potential – und ungefähr die Hälfte hat dieses Potential noch nicht erreicht.“ © sampics
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Schmidtleins Credo: „Wir können die meisten Spieler nicht schneller machen, aber länger schnell laufen lassen.“ Aber wie hart sind die Übungen wirklich? Welche Ansprüche werden an die Profis gestellt? Der Selbstversuch: Um 8 Uhr in der Früh geht es los. Umziehen im modernen Studio, noch mal durchschnaufen. Der Puls geht hoch in der Erwartung, was auf mich zukommt. Es ist ein Test in fünf Stufen: © sampics
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STUFE 1: Der Functional Movement Screen: Ein vergleichsweise entspannter Start. © sampics
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Sieben Übungen sollen Aufschluss über meine Beweglichkeit und meine Körperstabilität geben. © sampics
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„Mit den Tests werden auch bei den Profis Schwachstellen gefunden, die mit gezielten Übungen korrigiert werden“, erklärt Schmidtlein. © sampics
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Ich muss Kniebeugen oder einen Hürdenschritt machen. Die Beckenbewegung soll so gering wie möglich sein. © sampics
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Schmidtleins Erklärung: „Sie können auch mit einem Auto, das in einem Reifen viel weniger Luft hat als im anderen, 200 km/h fahren. Aber Sie müssen eben Gegenlenken, das kostet Kraft. Dieses unökonomische Arbeiten wollen wir minimieren.“ Für Klinsi & Co. werden jeweils Tabellen erstellt mit Ergebnissen und Korrekturmaßnahmen. © sampics
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STUFE 2: Der Y-Balance-Test: Es wird kniffliger! © sampics
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Auf einem Fuß muss ich mich zentral auf ein großes Y aus Plastik stellen, mit dem anderen Fuß drei Plastikschienen in die verschiedenen Richtungen so weit wie möglich von mir wegdrücken. © sampics
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Der sichere Stand ist Pflicht. © sampics
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Wackler lässt Schmidtlein nicht gelten: „Zählt nicht, nochmal!“ © sampics
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STUFE 3: Die Klimmzug-Übung: Volle Kraft voraus! © sampics
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„Ein Durchgang mit maximalen Wiederholungen“, lautet die Vorgabe. © sampics
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Schmidtlein stellt sich vor mich, sagt schmunzelnd: „Stellen Sie sich vor, ich bin Ihr Trainer und Sie brauchen mindestens fünf Stück, um in den Kader berufen zu werden." © sampics
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Ich schaffe sieben. „Das ist okay“, meint mein Coach. © sampics
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Der Vergleich mit den Bayern-Stars ist jedoch demoralisierend: Landon Donovan schafft locker 20. Schmidtlein: „US-Amerikanische Sportler bekommen, was Athletik angeht, schon im College eine gute Ausbildung.“ © sampics
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STUFE 4: Der Liegestütz-Test: Liegestützen à la FC Bayern: Mit einem Metronom-Geräusch aus dem Computer wird mir der Takt vorgegeben, in dem ich hoch und runter muss. Klack, klack, klack – die Frequenz ist hoch. © sampics
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Schmidtleins Faust liegt unter meinem Brustkorb auf dem Boden, ich muss sie bei jeder Wiederholung berühren. Schummeln gilt nicht! Nach 28 Liegestützen ist Schluss, die Oberkörper-Muskulatur streikt. Fazit: „Ein mittelmäßiger Wert.“ Jeder Bayern-Spieler schafft locker über 35. © sampics
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STUFE 5: Der Ausdauertest: Laufen, bis die Lunge streikt! © sampics
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Erst wird das Tempo, dann die Steigung erhöht. © sampics
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Bei 14,5 km/h und sieben Prozent Steigung kapituliere ich, mein Puls rast auf 199. © sampics
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Bayern-Profis laufen bis 16 km/h und bis zu acht Prozent Steigung. © sampics
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Schweißgebadet steige ich vom Laufband, die Wadln schmerzen – aber der Chef lobt: „Es gibt einen sogenannten ventilatorischen Schwellenwert, der bei Ihnen bei 74 Prozent liegt. Ein guter Wert.“ Ein Profi sollte über 80 Prozent haben, ein sehr fitter Außenverteidiger liegt bei bis zu 90 Prozent. © sampics
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Erklärung: Erst ab 90 Prozent Beanspruchung sind diese Profis im roten Bereich, dann geht es richtig an die Substanz. „Fürs Mannschaftstraining sind Sie noch nicht ganz bereit“, witzelt Schmidtlein. © sampics
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CORRECTIVE EXERCISES: Danach kommen vier Corrective Exercises, sprich: korrigierende Übungen. © sampics
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Was beim Function Movement Screen nicht klappte, soll jetzt anhand von vier Aufgaben verbessert werden. © sampics
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Stichwort: bessere Bewegungsmuster. © sampics
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„Stellen Sie sich vor, Sie machen den Ausdauertest mit einer Jeans, die Ihnen vor zehn Jahren gepasst hat. Sie können laufen, aber sie haben Widerstand, die Hose spannt, die Schritte sind kleiner“, erklärt Schmidtlein. © sampics
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„Übersetzt heißt das: Die Muskulatur ist nicht balanciert. Indem wir das verbessern, wird indirekt beispielsweise auch die Ausdauer besser – ohne dass wir sie spezifisch trainieren.“ © sampics
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Wir korrigieren mit Seilzügen, Hanteln und, ja, mit Gummibändern. © sampics
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Die Kraftreserven gehen zu Ende, aber ich fühle mich den Umständen entsprechend tatsächlich noch gut. © sampics
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Da kommt Schmidtlein auf mich zu und sagt: „So, letzte Übung, noch ein paar Intervalle.“ Letzte Übung – klingt gut. Die Erlösung naht. So kann man sich täuschen… © sampics
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Meine letzten Minuten werden zu den schmerzvollsten meiner kleinen Sportlerlaufbahn. Die Höllenmaschine nennt sich Versa Climber. Ich stehe im Gerät, muss Arme und Beine gegengleich so schnell wie möglich auf und ab bewegen – ein Widerstand erschwert alles. © sampics
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Vier Wiederholungen, erst 30 Sekunden mit über 90 Anschlägen als Ziel, dann dreimal 15 Sekunden mit jeweils 50 Anschlägen. Schmidtlein pusht mich: „Komm, schneller!“ Die letzten Momente kommen mir wie eine Ewigkeit vor, ich taumle vom Gerät, kann mich nicht mehr auf den Füßen halten. © sampics
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Dieser Zustand hält an – eine satte halbe Stunde lang, während mein ganzer Körper rebelliert. Ich fühle mich wie kurz vor dem Kollaps. Jeder Muskel schmerzt, ich bin an meine absolute Leistungsgrenze gegangen – und doch war ich weit weg von dem, was die Bayern-Profis regelmäßig leisten. Zumindest bleibt mir diese Einheit in Erinnerung – allein, weil in den nächsten Tagen beim Aufstehen der Muskelkater grüßt… Text: Tobias Altschäffl © sampics

Butt, der bei der WM 2002 hinter Oliver Kahn und Jens Lehmann als Nummer 3 dabei war, hatte bislang wenig Gelegenheit, die Maßnahme des Trainers zu rechtfertigen. An den insgesamt fünf Gegentoren von Barcelona war er machtlos, gegen Frankfurt beschäftigungslos, in Bielefeld bewahrte er das Team immerhin mit einem tollen Reflex vor einem Rückstand. Stabilität strahlt er aber in jedem Fall aus, vor allem bei Flanken ist er weitaus sicherer als Rensing.

Nebenbei den Paraden im Tor konnte der bislang in drei Champions- League- und zwei Bundesliga-Partien eingesetzte Keeper auch die technischen Qualitäten mit dem Fuß beweisen, beispielsweise als er beim 1:1 im Rückspiel gegen Barcelona Stürmer Samuel Eto'o aussteigen ließ.

“Ich habe sehr lange im Feld gespielt, und spiele im Training gerne draußen. Aber für das Feld wäre ich zu langsam gewesen“, sagte der Torwart im Bayerischen Fernsehen, der trotz seiner Sicherheit vom Elfmeterpunkt am Samstag gegen Schalke nicht von dort schießen dürfte. “Ich glaube, der Franck (Ribéry) lässt mich nicht.“ Und über allem steht ohnehin ein Ziel: Die Wolfsburger und seinen ersten großen Förderer Felix Magath, der ihn zum HSV holte, noch abzufangen.

dpa

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