tz-Experten-Kolumne von Eduard Kinzerskiy

"Das ist eine schwere psychische Belastung"

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Eduard Kinzerskiy.

München - Was bedeutet der Ukraine-Konflikt für Bayerns Champions-League-Gegner Donezk? Der Journalist Eduard Kinzerskiy fasst dies in seiner tz-Experten-Kolumne zusammen.

Seit einem halben Jahr muss Schachtar aus Donezk, das am Dienstag gegen den FC Bayern antritt, ein Nomadenleben führen. Der Krieg in der Ostukraine zwang den neunmaligen Landesmeister, seine Heimat zu verlassen, sein Trainingszentrum Kirscha und sein ultramodernes Stadion Donbas Arena. Vor der Saison zogen sie nach Kiew, wo sie jetzt leben und trainieren.

Als Zwischenlösung für den Klub dient seither das Hotel Opera, Eigentum vom Präsident Rinat Akhmetov. Dort finden Teammeetings statt, Pressekonferenzen, Anschauungsunterricht. Außerdem wohnen dort einige Stars, unter anderem Kapitän ­Srna. Die Mehrheit der Spieler hat Wohnungen in der Hauptstadt angemietet. Trainiert wird auf verschiedenen Plätzen, verteilt in ganz Kiew, seine Spiele aber trägt Schachtar in Lemberg aus – 1000 Kilometer westlich von Donezk.

Warum dort? Zum einen hat der Fußball in der Region um die größte Stadt der Westukraine eine lange Tradition. Und praktischerweise steht dort ein topmodernes Stadion, das nicht genutzt wird. Die Lwiw-Arena wurde 2012 zur EM gebaut, der Heimatverein Karpaty aber will seine Spiele lieber in seinem eigenen, traditionsreichen Stadion austragen. Deswegen hat Schachtar die Arena gemietet. Schließlich dürfen gemäß der Entscheidung der UEFA ukrainische Mannschaften europäische Pokalspiele derzeit nur in den zwei Städten spielen: Kiew und Lemberg. Und mal im Ernst: Können Sie sich vorstellen, dass Real Madrid seine Gegner in Barcelona in Empfang nimmt? Ziemlicher Unsinn, nicht wahr? Daher wurde die Möglichkeit mit Kiew schnell ausgeschlossen, der Heimat von Rivale Dynamo. Also müssen die Spieler und wir Reporter ständig aus dem Koffer leben, sind immer auf Achse zwischen Kiew und Lemberg. „Es ist physisch und psychisch anstrengend, aber leider haben wir keine andere Wahl“, sagt Sergei Palkin, Generaldirektor von Schachtar.

Und in Donezk, also vor Ort? Da denkt man gerade gar nicht an Fußball. Das größte Industriezentrum der Ukraine verwandelt sich langsam in ein ukrainisches Sarajevo. Als Ergebnis von mehreren Monaten des unaufhörlichen Beschusses wurden Dutzende von Gebäuden zerstört, Hunderte von Menschen getötet oder verwundet, fast die Hälfte der Metropole – über eine Million Menschen – ist geflüchtet.

Die Infrastruktur des Vereins wurde auch beschädigt: Das Trainingszentrum ist nach der Bombardierung teilweise verbrannt, an der Arena wurde die Fassade schwer beschädigt.

Obwohl die Spieler immer wiederholen, dass sie nur an ihr Spiel denken, stecken sie im Status des Wander-Teams, das von ihren Fans isoliert ist und fast jeden Tag traurige Nachrichten aus Donezk bekommt. Das ist eine schwere psychische Belastung.

Auch deswegen steht Schachtar nicht so überzeugend da wie die letzten Jahre. Zwölf Spieltage vor Ende der Meisterschaft liegt das Team von Mircea Lucescu fünf Punkte hinter Kiew. Wichtiger ist derzeit aber, dass es der Vereinsführung und dem Trainer gelungen ist, den Rücktritt der wichtigsten Spieler zu verhindern – obwohl es zwischendurch danach aussah, dass die Mannschaft auseinanderbricht. Im Sommer haben fünf Spieler, Douglas Costa, Alex Teixeira, Dentinho, Ismaily und Fred – beeinflusst durch ihre Berater –, aus Sicherheitsgründen abgelehnt, in die Ukraine zurückzukommen. Mit großer Mühe gelang es, sie zu überzeugen, dass sie in Kiew und Lemberg keiner Bedrohung ausgesetzt sind. In der Winterpause hat sich dieses Szenario nicht wiederholt. „Ich habe von niemandem gehört, dass er weggehen will”, sagt Torschützenkönig Luiz Adriano.

Die Vorbereitung für die Spiele gegen Bayern hat Donezk in Brasilien abgehalten, wo fünf Tests gegen Topklubs gespielt wurden. Letztlich sprang nur ein Sieg raus, die Spieler waren dennoch zufrieden. „Wir entwickeln uns Tag für Tag besser – und Lucescu weiß genau, was wir zu tun haben. Ich fühle mich fit für Bayern“, sagte Douglas Costa.

Dennoch, in der Ukraine versteht jeder, dass Bayern der haushohe Favorit ist, aber man nimmt es wie der berühmteste Bewohner von Donezk – Sergei Bubka. Er weiß, dass es sich immer lohnt zu kämpfen. Und Schachtar ist nicht das Team, das ohne Kampf aufgibt.

Von Eduard Kinzerskiy, ­Journalist bei ­Segodnya

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