tz-Interview mit dem Bayern-Coach

Zuerst will Heynckes nichts verraten - dann wird es richtig interessant

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Jupp Heynckes über sein Traineramt: „Der Job kostet ein großes Stück Lebensqualität“.

Im Teil 1 des tz-Interviews verrät Jupp Heynckes (72), warum er konkrete Aussagen zum Ende seiner vierten Bayern-Amtszeit vermeidet und weshalb er kürzlich offensiv die Werbetrommel für Thomas Tuchel gerührt hat.

Herr Heynckes, Sie haben in dieser Woche eine Lanze für Thomas Tuchel gebrochen. Ist er Ihr Nachfolger als Trainer des FC Bayern?

Jupp Heynckes: Habe ich das? Zu Thomas Tuchel hatte ich schon immer eine sehr positive Meinung. Bevor er nach Dortmund gegangen ist, haben wir uns auf einem Geburtstag von Charly Körbel (ehemaliger Spieler von Eintracht Frankfurt, d. Red.) getroffen. Am Tag danach haben wir uns verabredet und lange, sehr lange über Fußball diskutiert und gesprochen. Da habe ich einen sehr guten Eindruck von ihm gewonnen.

Er hat es in Dortmund geschafft, junge Talente wie Weigl, Dembélé oder Pulisic innerhalb kürzester Zeit in einer qualitativ hochwertigen Mannschaft zu integrieren. Da wäre dieser Mann doch prädestiniert für Ihre Nachfolge beim FC Bayern.

„Intern werde ich meine Meinung zu der Gesamtsituation sagen“

Ich weiß nicht, was im Sommer ist. Deswegen müssen wir alle abwarten. Intern werde ich meine Meinung zu der Gesamtsituation sagen. Über Thomas Tuchel habe ich gesprochen, weil ich gefragt wurde. Und weil von ihm nach draußen ein Zerrbild gezeichnet wird. Manchmal hat man es als Trainer in Klubs nicht ganz so einfach. Vor allem wenn man innovativ, ehrgeizig und dazu noch besessen ist, wie es bei Thomas der Fall ist.

Fachlich arbeitet Tuchel auf einem außergewöhnlich hohen Niveau, heißt es.

Ja, aber er führt Mannschaften auch gut! Das ist ja das: Als junger Trainer will man vieles erzwingen, da hat man manchmal keine Geduld. Und dann korrigierst du alles, jede Kleinigkeit – dass das dem einen oder anderen Spieler nicht unbedingt gefällt, ist nachvollziehbar. Da bin ich heute auch anders: Jetzt sehe ich auch mal bewusst über die kleinen Schwächen einzelner Spieler hinweg. So sind wir Menschen: Wir sind nicht alle gleich.

Heynckes über den Ex-BVB-Coach: „Von Thomas Tuchel wurde ein Zerrbild gezeichnet“.

Sie sprechen aus Erfahrung?

Ja, das habe ich auch schon erlebt, dass andere nicht verstanden haben, was ich wollte. Lassen Sie uns die Politik als Beispiel nehmen: Wir haben ein halbes Jahr gebraucht, um eine Große Koalition zu bekommen, das muss man sich mal vorstellen! Und so ist es manchmal im Fußball auch: Es sind unterschiedliche Ansichten und Meinungen vorhanden. Der eine ist einfach viel tiefer in der Materie drin, viel kreativer, viel kompetenter. Und wenn das kollidiert mit anderen Meinungen, dann wird es nicht einfach. Ich finde den Thomas Tuchel richtig gut. Wer weiß, vielleicht wird er irgendwann mal den FC Bayern trainieren.

Sie sprechen über die Zukunft des FC Bayern, die Sie nicht mehr aktiv begleiten werden.

Wissen Sie das?

Es las sich so in den letzten Tagen.

Sie können es versuchen, aus allen Richtungen – aber ich werde es auch Ihnen nicht sagen (lacht).

Sie haben von einem Nachfolger gesprochen.

Von einem möglichen Nachfolger und nicht von einem Zeitpunkt der Nachfolge. Ich bleibe aber dabei: Ich sage nichts Definitives dazu, weil ich weiß, wie die Öffentlichkeit darauf reagiert. Und wir müssen noch mal ein bisschen Ruhe haben, um unsere Träume vielleicht wahr werden lassen zu können. Da braucht man auch ein ruhiges Umfeld, das ist hier nicht immer ganz einfach.

Wäre Ruhe nicht einfacher zu bekommen, wenn man die Thematik schnell löst?

Das mag sein, aber es ist, wie es ist. Deswegen müssen wir alle warten. Sie und ich.

Augen zu und durch! Jupp stand tz-Reporter Manuel Bonke Rede und Antwort.

Die Charme-Offensive von Uli Hoeneß ist zumindest abgeebbt. Wie haben Sie sie erlebt? Links rein, rechts raus? Oder genervt?

Die Abstimmung beim Fanclub fand ich zu dem Zeitpunkt nicht ganz glücklich, ich mochte das nicht. Aber das ist Uli Hoeneß, wie er leibt und lebt. Ein emotionaler Mensch, der eine Vorstellung hat, wie es weitergehen soll. Er möchte mich halten, das kann man ihm glauben. Mittlerweile ist die ganze Offensive aber vergessen, ad acta gelegt. Und dem Uli kann ich einfach nicht böse sein.

Mit welchen Argumenten wollte er Sie überzeugen?

Wissen Sie, Halbfinals gegen Real, Finals – das habe ich doch alles schon gehabt. Ich bin im Mai 73 Jahre alt und dann so einen Job hier machen? Der ist sehr intensiv, und ich sage ehrlich: Das kostet Sie ein großes Stück Ihrer Lebensqualität. Ich bin von morgens bis abends mit dem FC Bayern, dem Fußball, meiner Mannschaft beschäftigt. Ich bin alleine hier, habe kein Privatleben. Die Gesamtentwicklung im Profifußball und das damit verbundene Anspruchsniveau wird immer komplexer und damit für einen Trainer auch immer schwieriger, alle Bereich abzudecken.

Schreckt das machtvolle Führungs-Duo Rummenigge/Hoeneß vielleicht potenzielle Trainer ab? Es hat ja nicht jeder so viel Erfahrung wie Sie…

Nein, das sehe ich nicht als Problematik. Wenn der FC Bayern einen Trainer verpflichten würde, der beispielsweise schon in Dortmund, Leipzig oder bei anderen Klubs verantwortlich war, hat derjenige doch ganz klare Vorstellungen. Dann geht es lediglich darum, den Ansprüchen des Klubs gerecht zu werden und miteinander Erfolg zu haben. Und darum, dass er das Kerngeschäft versteht, Fußballkompetenz hat, die notwendige Autorität besitzt und eine Mannschaft führen kann. Soll ich Ihnen etwas über die jungen Trainer verraten?

„Da wird alles zerpflückt“

Ja, bitte!

Die dürfen ja keine Fehler machen, weil die Medien-Situation eine ganz andere geworden ist. Da wird alles zerpflückt und bis auf das Kleinste rausgefiltert.

Rote Mäntel zum Beispiel…

So ein Schwachsinn! Entschuldigen Sie, dass ich das sage. Das war früher nicht der Fall. Darum haben es die jungen Trainer schon schwerer in dieser Beziehung. Man darf aber nicht alles an sich heranlassen. Man muss das Wichtige vom Unwichtigen trennen können.

Heynckes über Sprachprobleme: „James versteht beispielsweise noch nicht viel“.

Ab wann ist man prädestiniert, eine Mannschaft wie den FC Bayern zu trainieren?

Das ist die Frage. Heute ist es üblich, ein Persönlichkeitsprofil zu erstellen, so wie man das bei Spielern auch macht. Das war früher nicht der Fall, auch nicht beim FC Bayern. Pep und Carlo sind so verpflichtet worden: Beide haben die Champions League gewonnen, sie haben Barcelona, Madrid oder Chelsea trainiert. Das macht Hasan Salihamidzic in meinen Augen jetzt ganz hervorragend: Er macht sich sehr viele Gedanken, er hat einen ganz klar strukturierten Plan, wie er hier vieles verändern will. Und er hat auch Persönlichkeits-Portraits, wenn er Spieler verpflichtet – und unter Umständen auch, wenn irgendwann mal ein Trainer verpflichtet werden muss (schmunzelt).

„Trainer weiß ich nicht, braucht er ja im Moment nicht“

Herr Heynckes, kennen Sie die aktuelle Trainerliste des FC Bayern?

(Lacht laut): Ja, Hasan und ich haben ein sehr offenes und ehrliches Verhältnis. Ich weiß Spielerlisten…

Trainerlisten?

Trainer weiß ich nicht, braucht er ja im Moment nicht (lacht wieder).

Muss man als Bayern-Trainer Fremdsprachen beherrschen?

Es sind viele Spanisch sprechende Spieler, für sie ist es sicher von Vorteil, wenn der Trainer ihre Muttersprache spricht. Dann ist die Konversation leichter, auch bei den Besprechungen. James versteht beispielsweise noch nicht viel. Vor den Sitzungen erkläre ich ihm, was die Inhalte sind. Dem Team erläutere ich die Taktik dann mit einer Powerpoint-Präsentation, also visuell.

Also ist es trotzdem gut, dass der FC Bayern den neuen Trainer im deutsch-sprachigen Bereich sucht?

Das ist ja auch für die Medien gut, das habe ich gemerkt. Für die Repräsentation nach außen und die Kommunikation nach innen ist es schon wichtig, dass der Trainer die deutsche Sprache beherrscht. Aber den ausländischen Trainern will ich keinen Vorwurf machen: Ich bin damals nach Bilbao gegangen und habe kein Wort Spanisch gesprochen. Vier Monate vorher hatte ich Italienisch gelernt, weil Italien in Sachen Fußball führend war. Das war 1991/92. Dann kam die Anfrage von Bilbao und ich habe Spanisch gelernt. Das war für die Trainingsgestaltung und die Spieler-Kommunikation natürlich nicht ausreichend.

Und dann?

Habe ich mir einen Dolmetscher genommen – das war viel besser. Der Otto hat von Fußball nichts verstanden, aber er konnte die Sprache besser als 95 Prozent der Spanier. Ein hochintelligenter Mann.

Herr Heynckes, was ist eigentlich das Erste, was Sie machen, wenn Sie wieder ganz zu Hause sind?

Ich war ja neulich erst nach dem Berlin-Spiel zu Hause. Es war sehr kalt zu der Zeit, da habe ich am Montagabend den Kamin angemacht, eine wunderbare Flasche französischen Rotwein geöffnet, etwas Musik gehört und wunderbare Gespräche mit meiner Frau geführt.

Wenn Sie wieder einen Koikarpfen von der Mannschaft kriegen, wie 2013 – hätten Sie einen Namen? Frankie wäre schön.

Oder Robbery. Ja, das war eine tolle Idee von den Jungs. Als er den Geist aufgab, war ich damals auf Sylt, da rief unser Gärtner an: „Eine schlechte Nachricht!“ Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Da sind bestimmt 30! Ausgerechnet unser Philippo!

Und es besteht kein Zweifel, dass er es war?

Ja, natürlich. Man erkannte ihn sofort. Er hatte die Vereinsfarben.

Im zweiten Teil des Interviews lesen Sie warum Heynckes die aktuellen Entwicklungen im Spitzenfußball kritisch sieht und was er dem FCB für die Zukunft rät.

Lesen Sie auch: Heynckes pro Tuchel: Was spricht für den Ex-Dortmunder?

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