tz-Interview mit Thomas Ulmer, Präsident von Bayern-Gegner Neckarelz

„Wie einmal in die Südsee fliegen“

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6500 Einwohner, null Chance? Bayern-Gegner Neckarelz

Neckarelz - Vor dem Erstrunden-Hit der SpVgg Neckarelz gegen den FC Bayern treibt das Pokalfieber in der 6500-Einwohner-Gemeinde zwischen Heidelberg und Heilbronn seltsame Blüten.

Der Hotdog bei Metzger Sauer heißt jetzt Pokalknacker, Bäcker Mayer verkauft Fußballer aus Hefeteig, die Mannschaft gibt im Supermarkt eine Autogrammstunde, und die Freundin eines Spielers will sich nackt fotografieren lassen, wenn der Coup gelingt.

Die tz sprach mit Klub-Chef Dr. Thomas Ulmer, im Hauptberuf Arzt und CDU-Europa-Abgeordneter.

Herr Dr. Ulmer, stimmt es, dass Sie mit Ihren Spielern schon über Siegprämien verhandelt haben?

Ulmer: Das ist eine Ente. Jetzt sollen die Jungs erst einmal spielen, und dann sehen wir weiter. Ich habe von den angeblichen Verhandlungen gelesen, wie ein paar besonders schlaue Versicherungsleute offensichtlich auch. Mir ist eine Prämienversicherung angeboten worden. Pro 200.000 Euro Ausschüttung hätte die 7000 Euro gekostet. Ich habe das ­Schreiben gleich weggeschmissen.

Die wertvollsten Bayern-Spieler

Strecke

Der FC Bayern macht unter van Gaal einen starken Eindruck. Haben Sie Angst, unter die Räder zu kommen?

Ulmer: Nein, ich bin an und für sich nicht schreckhaft. Wir haben talentierte Spieler, darunter auch welche, die früher in den Jugendteams von Bundesligisten spielten. Bayern-Scout Egon Coordes hat sich am Sonntag unser Pokalspiel gegen Allfeld angeschaut. Er war fleißig am Schreiben. Wir haben 10:0 gewonnen. Die SpVgg Neckarelz ist nicht irgendeine Dorfmannschaft. Mit Peter Hogen haben wir zudem einen sehr engagierten Trainer. Jeden Tag ist trainiert worden. Ein viertägiges Trainingslager gab es auch.

Die SpVgg bezog dabei das gleiche Hotel wie der FV 09 Weinheim, jener Oberligist, der vor 19 Jahren den FC Bayern aus dem Pokal warf…

Ulmer: Das ist reiner Zufall. Wir hatten das Quartier schon vor der Auslosung gebucht.

Ist aber doch ein gutes Omen…

Ulmer: Ich messe dem keine tiefere Bedeutung zu.

Für Weinheim begann nach der Pokalsensation die Talfahrt, zuerst der Abstieg in derselben Saison und ein paar Jahre später der Konkurs. So ein Pokal-Hype kann auch gefährlich sein.

Ulmer: Die ganze Region fiebert dem Spiel entgegen. Insbesondere für die Spieler ist es ein einmaliges Erlebnis. Aber alle wissen, dass am 3. August der Alltag weitergeht. Das ist wie einmal in die Südsee fliegen und Urlaub machen. Das muss man genießen und dann geht es wieder an die Arbeit.

Wenn Bundesliga-Stars abstürzen ...

Strecke

Der Ausflug in die große Fußballwelt kostet nichts, sondern spült an die 250.000 Euro in die Vereinskasse. Was machen Sie mit dem Geld?

Ulmer: Aufheben. Das ist eine Rücklage, falls mal schlechtere Zeiten kommen. Wir werden keine Exoten aus Brasilien oder sonst woher holen. Das wäre schon jenen Spielern gegenüber unfair, die den Verein im Pokal soweit gebracht haben.

Interview: Roland Wiedemann

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