Von Leukämie geheilt

Hier trifft Udo Bassemir seinen Lebensretter

Freunde für den Rest ihres hoffentlich langen Lebens: Juan Carlos Figueroa (l.) und Udo Bassemir (r.).

München - Ende der 90er Jahre erkrankte der damalige Amateur-Trainer des FC Bayern an Leukämie. Durch eine Knochenmarkspende wurde er gerettet. Jetzt traf er den Spender. Die tz war dabei.

Letzten Sonntag, als sie sich zum ersten Mal getroffen hatten, nach so vielen Jahren des Wartens, da lagen sie sich erst einmal minutenlang in den Armen und ließen sich nicht mehr los. Udo Bassemir aus München, Schwabing. Und Juan Carlos Figueroa aus Tucson, Arizona. Sie hätten erst gar nicht viel geredet, sagt Bassemir. „Wir haben uns nur umarmt, uns gefreut und viel gelacht. Und dann haben wir auch viel geweint. Es war halt ein sehr emotionaler Moment.“ Das war es natürlich, ein einzigartiger und besonderer Augenblick, ein sehr bewegender – als Bassemir, der einst an Leukämie erkrankte Trainer und Jugendbetreuer des FC Bayern, nun in München endlich jenen Mann traf, dem er zu verdanken hat, dass er überhaupt noch am Leben ist. Juan Carlos Figueroa, seinen Knochenmarkspender, seinen Lebensretter aus Amerika.

Rückblende, 2001. Der damals 42-jährige Udo Bassemir, gerade als Amateur-Trainer bei der Zweiten Mannschaft des FC Bayern entlassen, bekommt im August bei einer Routine-Untersuchung im Schwabinger Krankenhaus die niederschmetternde Diagnose: Leukämie. Die einzige Hoffnung zu überleben ist eine Stammzellen-Transplantation, doch einen geeigneten Spender zu finden, dessen Gewebemerkmale identisch übereinstimmen, diese Chance hält selbst Bassemirs Frau Christine für sehr gering: „Das wäre wie ein Sechser im Lotto“, sagt sie damals. Die Suche ist schwierig, Hilfsaktionen des FC Bayern und aus der ganzen Bundesliga bleiben erfolglos. Bis Ende November plötzlich Hoffnung aufkommt. Über die Internationale Knochenmarks-Spenderdatei „Bone Marrow Donors Worldwide“ scheint ein geeigneter Spender gefunden zu sein, ein genetischer Zwilling. Weit weg in Amerika.

Ortswechsel. Tucson, Arizona, Sommer 2001: Juan Carlos Figueroa, 28, Puerto Ricaner, seit drei Jahren lebt er in den USA. Er ist Maschinenbauer, arbeitet bei einem ortsansässigen Unternehmen, eines Tages kommt das Rote Kreuz in die Firma, wirbt für Blutspenden und für den Eintrag in die Knochenmarks-Spenderdatei. Figueroa macht mit. Einige Monate später bekommt er einen Anruf, seine Merkmale würden mit denen eines Leukämiepatienten übereinstimmen, ob er bereit wäre zu einer Spende.

Figueroa lässt sich über den Ablauf aufklären, die Risiken, er sieht ein Video, wie die Stammzellen aus dem Becken des Spenders entnommen werden. Heute sagt er darüber: „Es sah aus wie ein riesiger Korkenzieher, der sich in den Rücken schraubt. Da wurde mir schon mulmig.“

Figueroa berät sich mit seinen Eltern in Puerto Rico, willigt schließlich ein und fragt nach, wer denn der Erkrankte sei, doch er erfährt nur so viel: 42 Jahre alt, männlich, irgendwo in Europa. Am 16. Januar 2002 folgt in Tucson der Eingriff. Als Figueroa eine Stunde nach der problemlos verlaufenden Operation aus der Vollnarkose erwacht, sind seine entnommenen Stammzellen schon in einer Kühlbox unterwegs zum Flughafen, von dort geht es über den Atlantik. Einen Tag später erfolgt im Schwabinger Krankenhaus die Transplantation, mittels Infusion in den Arm bekommt Udo Bassemir das lebensrettende Knochenmark – aber er weiß immer noch nicht, von wem. Weil Figueroa bei der Spende eingewilligt hat, dem Empfänger seine Identität und seine Daten zukommen zu lassen, entsteht nach einigen Monaten ein erster Kontakt.

In der ersten Mail fragt der Puerto-Ricaner launig, ob Bassemir nun mehr Rum trinken und Salsa tanzen würde, jetzt, mit den neuen Stammzellen aus der Karibik. Bassemir wird völlig gesund, er arbeitet wieder beim FC Bayern, erst als Scout, dann als Jugendbetreuer und Internatspädagoge. Seinen Spender trifft er nie, doch der Kontakt wird enger, die Freundschaft immer stärker. Selbst ohne Begegnung.

Figueroa, inzwischen 41, sagt heute, manchmal habe er einfach in den Flieger steigen und bei Bassemirs in Schwabing läuten wollen. Um durch die Tür zu sagen: „Hallo, hier ist der Pizzaservice.“ Aber überrascht war Udo Bassemir jetzt auch so. Perplex, aufgeregt, von Sinnen. Denn dass sein Spender und dessen Gattin Elizabeth (43) jetzt eine Europareise planten, ihre allererste, um nach Kurzstationen in Madrid, Paris, Rom und Verona mit dem Zug für vier Tage nach München zu kommen, das wusste nur Bassemirs Frau Christine, sie hatte alles in die Wege geleitet. Letzten Sonntag saßen die Bassemirs zu Hause, als sie sagte: „Udo, jetzt müssen wir zum Hauptbahnhof. Wir holen den Carlos ab.“ Wenige Tage später sagt Bassemir: „Da wurden meine Knie weich. Ich hab erst mal einen Whisky gebraucht.“

Am Bahnhof dann die Begegnung, Freude, Lachen, Tränen. Vier Tage waren sie unterwegs, Sightseeing durch München mit seinen Sehenswürdigkeiten, eine Führung durch die Allianz-Arena und natürlich auch ein Ausflug zum Bayern-Training an der Säbener Straße. Figueroa sagt, er habe von Anfang an zwar gewusst, dass Bassemir bei einem FC Bayern arbeiten würde, aber Fußball, das habe ihn nie so richtig interessiert, als Puerto-Ricaner mehr so Baseball, Basketball, Boxen. Darum erfuhr er erst vor Kurzem von seinem Schwager, dem Bruder von der Liz, einem eingefleischten FC-Barcelona-Fan, was für ein bedeutender Verein der FC Bayern sei.

Donnerstag flogen die Figue­roas wieder heim. Aber bald wollen sie sich wiedersehen, in München oder in Tucson, und viel lachen – und vielleicht manchmal auch wieder weinen.

Florian Kinast

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