1. tz
  2. Sport
  3. FC Bayern

Urteil nach Skandalspiel: Geisterspiel sowie Strafen für FC Bayern II und Türkgücü

Erstellt:

Von: Jacob Alschner

Kommentare

Pfefferspray und Schlagstock: Die Polizei holte beim Regionalliga-Derby zwischen Türkgücü München und dem FC Bayern II eine wohl verbotene Fahne aus dem Gästeblock.
Pfefferspray und Schlagstock: Die Polizei holte beim Regionalliga-Derby zwischen Türkgücü München und dem FC Bayern II eine wohl verbotene Fahne aus dem Gästeblock. © IMAGO/BEAUTIFUL SPORTS/Goldberg

Das Derby zwischen Türkgücü und dem FC Bayern II endet vorzeitig durch Spielabbruch. Jetzt sprach der BFV sein Urteil – und bestrafte beide Vereine.

München - Wie lang doch eine Minute und dreißig Sekunden sein können. Am 19. November hatte Schiedsrichter Simon Schreiner das Stadtduell zwischen Türkgücü München und der zweiten Mannschaft des FC Bayern im Sportpark Heimstetten angepfiffen, da war es nach nicht einmal zwei Minuten auch schon wieder vorbei. Bayern-Fans hatten ein Banner mit der Aufschrift „FC Bayern Fanclub Kurdistan“ ausgerollt. Die Polizei griff ein, setzte Tränengas und Schlagstöcke ein, es kam zu Tumulten. Die traurige Bilanz: Zwanzig verletzte Fans, zehn verletzte Beamte.

Spielabbruch bei Regionalliga-Derby zwischen Türkgücü und FC Bayern II – BFV spricht Urteil

Was nun am Freitagabend (2. Dezember) vor dem Verbands-Sportgericht des Bayerischen Fußball-Verbands (BFV) in Anwesenheit Vertreter beider Vereine geklärt werden sollte: Wer hat den Spielabbruch schuldhaft verantwortet? Türkgücü aufgrund etwaiger lascher Einlasskontrollen? Der FC Bayern, weil es Ihre Fans waren, die das Bahner aufhingen? Oder keiner von beiden Klubs, eher die Polizei, die unverhältnismäßig hart einschritt? Es wurde ein zähes Ringen über (inklusive Beratungsunterbrechung) geschlagene vier Stunden und 51 Minuten. Am Ende stand: Neuansetzung der Partie als Geisterspiel, 3000 Euro Strafe für den FCB und 1500 Euro für Türkgücü.

Rückblick: Das Banner hatten die Bayern-Fans schon im Hinspiel gegen Türkgücü ausgerollt, damals hatte der Migranten-Verein sich dem nach Aussage des Vorsitzenden Taskin Akkay als Gastmannschaft aber fügen mussten. Vor dem Rückspiel bestand wieder die Gefahr, dass das Banner wieder an den Zaun gehangen werden würde – diesmal in der Heimspielstätte Türkgücüs. „Ich habe Herrn Dremmler im Vorfeld darüber informiert, dass das Banner nicht zulässig sein würde.“ Sebastian Dremmler, Nachwuchskoordinator des FC Bayern, bestätigte das. Und trotzdem tauchte das berüchtigte Stück Stoff schon nach wenigen Sekunden am Spielfeldrand auf. Eine Provokation in den Augen einiger Türkgücü-Fans.

Wieso eigentlich? Das wollte Emanuel Beierlein, Leiter der Verhandlung, wissen: „Zuerst einmal war das Plakat nicht angemeldet gewesen“ sagte Akkay. Aber das nur nebenbei. „Ich persönlich habe mich von dem Banner überhaupt nicht provoziert gefühlt. Aber meine Bemühung ist, dass bei diesen Veranstaltungen nichts passiert“ fuhr er fort. „Deshalb wollten das Banner deshalb entfernen lassen. Um eine Provokation unserer Fans zu vermeiden.“

Türkgücü erläutern Problem mit Banner des FCB-Fanclubs – „Impliziert eine Provokation“

Auf Beierleins Bitte, die Problematik noch einmal zu konkretisieren, antworteten dann Türkgücüs Anwälte. Sie wiesen erstens auf das Problem hin, dass es nicht „kurdischer Fanclub“, sondern „Fanclub Kurdistan“ heiße. Allein die Verwendung des Wortes „Kurdistan“ insinuiere Gebietsansprüche der kurdischen Bevölkerungsgruppe an die Türkei und sei damit eine politische Äußerung. Zweitens: „Die Farben, die den Schriftzug umranden (grün, gelb und rot) sind die Farben der verbotenen PKK. Dass die Bayernfans das Banner nur in Spielen gegen Türkgücü zeigen, impliziert eine Provokation“, lautete die Begründung der Türkgücü-Delegation, die auch an den Anschlag in Istanbul erinnert, für den die PKK verantwortlich gemacht wird.

Ein Vorwurf, den die Bayern-Seite nicht auf sich sitzen lassen wollte: „Unsere Fans gehören ganz sicher nicht in die Nähe einer terroristischen Organisation gerückt“, sagte FCB-Chefjurist Dr. Michael Gerlinger. Überhaupt habe man schon nach dem Hinspiel mit der Polizei besprochen, wie in Zukunft mit dem Banner zu verfahren sei. Gerlinger dazu: „Uns wurde ausdrücklich mitgeteilt, dass das Banner keinen rechtswidrigen Inhalt hat.“

Die entscheidende Frage des Abends kristallisierte sich mehr und mehr heraus: Wann und aus welchem Anlass wurde das Spiel abgebrochen? Simon Schreiner, Schiedsrichter des abgesprochenen Spiels und per Video-Anruf als Zeuge zugeschaltet, konnte zumindest für etwas Klarheit sorgen: „Das Spiel wurde auf Basis der Einschätzung der Einsatzkräfte abgebrochen, dass eine ordnungsgemäße Fortsetzung nicht mehr möglich sei.“

Derby zwischen Türkgücü und FC Bayern II eskaliert auf den Rängen – Polizei-Einsatz in der Kritik

Der Punkt, bei dem sich alle Parteien einig waren: Die Entscheidung über einen Spielabbruch, die zwischen den Unparteiischen, Bayerns Dremmler und einem Vertreter Türkgücüs getroffen wurde, fiel in Unkenntnis der zeitgleich stattfindenden körperlichen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Bayern-Fans draußen auf der Tribüne. Auf die Entscheidung, das Spiel abzubrechen, hatten die Handgreiflichkeiten keinen Einfluss. Schiedsrichter Schreiners letzter Stand war gewesen, dass sich die Beamten „nur“ am Spielfeldrand vor der Gästetribüne aufgereiht hatten. „Ich bin für die Sicherheit aller Spieler verantwortlich“, sagte Schreiner. Mit Polizisten an der Seitenlinie sei die „nicht mehr gewährleistet gewesen.“ Und eine Spielfortsetzung nicht möglich.

Nach Schreiners Aussage verabschiedeten sich Vereinsvertreter in Verhandlungen auf die Flure der Sportschule. Wofür Vorsitzender Beierlein grob „fünfzehn, zwanzig Minuten“ angeschlagen hatte, brauchte es am Ende eine Stunde und einundvierzig Minuten.

Dann Beierleins Erklärung: „Beide Vereine haben eingesehen, dass die Spieldurchführung nicht optimal gelaufen ist und beide Vereine wollen die Entscheidung nicht dem Sportgericht überlassen, sondern auf sportlichem Wege eine Entscheidung herbeiführen.“ Eine Neuansetzung als Wunsch, dem auch das Gericht folgte – nur eben ohne Zuschauer. Zusätzlich hagelte es 3000 Euro Strafe für den FC Bayern und 1500 Euro für Türkgücü. Die Begründung des Gerichts: Keinem Verein war schuldhaftes Verhalten nachzuweisen. „Die Kosten des Verfahrens tragen beide Vereine zu gleichen Teilen“, schloss Beierlein die Sitzung. Endlich weißer Rauch über dem winterlichen Oberhaching.

Auch interessant

Kommentare