Wegen van Gaal: Ajax-Trainer drohen mit Rücktritt

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Das Verhältnis von Ex-Bayern Coach Louis van Gaal und Ajax-Aufsichtsratmitglied Johan Cruyff ist mehr als angespannt.

Amsterdam - Der Zoff bei Ajax Amsterdam um die bevorstehende Verpflichtung von Louis van Gaal geht weiter. Aufsichtsrat Mitlied Johan Cruyff fühlt sich übergangen. Zu wem die Ajax-Fans halten:

Der Machtkampf beim niederländischen Rekordmeister Ajax Amsterdam geht in die nächste Runde: Nach der Verpflichtung von Louis van Gaal als Generaldirektor droht fast der gesamte Trainerstab den amtierenden Meister zu verlassen. In einem offenen Brief erklärte die sportliche Leitung mit den Coaches Frank de Boer, Dennis Bergkamp und Wim Jonk, dass alle Trainer der Ajax-Fußballschule „De Toekomst“ den für fußballerische Angelegenheiten zuständigen Aufsichtsrat „König Johan“ Cruyff unterstützen.

Denn schon im Juni 2011 sei mit der Umsetzung der vom Aufsichtsrat beschlossenen und von Cruyff entwickelten Reformen begonnen worden, so die Trainer. Mit großem Erstaunen habe man deshalb die Entscheidung der vier Aufsichtsräte pro van Gaal zur Kenntnis genommen.

„Wir sind an dem Entscheidungsprozess überhaupt nicht beteiligt gewesen und haben alles aus den Medien erfahren. Das ist unseriös und nicht zu akzeptieren. Darum distanzieren wir uns von dieser Handlungsweise und rufen die vier Aufsichtsräte auf, dieses Thema mit uns intern zu besprechen“, hieß es in dem Brief.

Ronald de Boer sprach von einem „Dolch in den Rücken von Cruyff“. Auch Ex-Nationalspieler Marc Overmars hat sich auf Cruyffs Seite gestellt. Dieser zeigte sich besonders verärgert über seinen Aufsichtsratkollegen Edgar Davids, der gemeinsam mit den anderen Mitgliedern Paul Römer, Marjan Olfers und Steven ten Have heimlich Gespräche mit Ex-Bayern-Trainer van Gaal geführt hatte. „Er ist ein seltsamer Stümper. Als Praktikant in der Jugendausbildung arbeitet er täglich mit den Trainern zusammen, und hinter unserem Rücken macht er sich für ein anderes System stark. Das geht gar nicht“, wetterte Cruyff.

Der Aufsichtratsvorsitzende ten Have bestätigte der Tageszeitung AD Sportwereld, dass das Quartett auf Initiative von Davids vier bis fünf intensive Gespräche mit van Gaal geführt habe. Einen Vertrag habe dieser noch nicht unterschrieben, es seien jedoch verbindliche mündliche Zusagen getroffen worden. Angeblich soll der ehemalige Chefcoach von Rekordmeister FC Bayern einen Fünfjahresvertrag erhalten.

"Menschlich eine Katastrophe": Die schärfsten Kritiken an Louis van Gaal

"Menschlich eine Katastrophe": Die schärfsten Kritiken an Louis van Gaal

"Hätte van Gaal in seiner ersten Saison nicht das letzte Gruppenspiel in der Champions League gegen Juventus Turin gewonnen, hätte er schon damals nicht die Winterpause überlebt. Aber dann ging es plötzlich. Leider waren die anschließenden Erfolge mit dem Double und dem Erreichen des Finales in der Champions League offenbar für van Gaal der Startschuss zum 'Take over Bayern München'." © getty
Uli Hoeneß: "Unter Louis van Gaal habe ich eines gelernt: Du kannst den besten Fachmann haben. Aber wenn es keinen Spaß macht, dann will ich ihn nicht. Ich will Erfolg für den Klub haben, aber noch mehr will ich Spaß am Fußball und an der täglichen Arbeit haben. Der darf darunter nicht leiden. Wenn ich keinen Spaß habe, habe ich auch keinen Erfolg." © getty
"Die Mannschaft war zweifellos zu lieb. Wir hatten ja kaum Gelbe Karten oder harte Fouls. Das lag aber nicht an den Spielern, sondern am System. Louis van Gaal hat ja geglaubt, man könne dem Gegner den Ball weggucken." © dpa
"Mit van Gaal haben wir das Double geholt und standen im Champions-League-Finale. Dass der menschlich eine Katastrophe war, steht auf einem anderen Blatt." © dpa
Karl-Heinz Rummenigge: "Van Gaal ist kein Mensch, der auch nur einen Prozentpunkt Kompromisse eingeht. In der Rückrunde der vergangenen Saison haben wir zügig bemerkt, dass es schwierig wird. Die Entscheidungen von Kraft angefangen bis zu van Bommel, und viele andere Dinge, trugen dazu bei. Einen solchen Stil kann man pflegen, doch man muss dann Erfolg haben." © dpa
Philipp Lahm: Der Kapitän hatte rückblickend geäußert, nach der starken ersten Saison mit dem Double-Gewinn und dem Sprung ins Finale der Champions League habe sich van Gaal in der zweiten Spielzeit "schlicht geweigert, die Mängel seiner Philosophie zur Kenntnis zu nehmen und zu beseitigen". © Sampics
Franck Ribéry: "Es ist kein Geheimnis, dass Louis van Gaal und ich keine Freunde waren. Wir hatten manchmal Stress. Zwei Jahre lang lang habe ich keinen Spaß gehabt. Diese Zeit hat mich mehr als angekotzt." © getty
Jörg Butt: "Es kann nicht sein, dass ein leitender Angestellter in einem funktionierenden Verein alles umwerfen will. Der FC Bayern hat eine sportliche Linie gesucht - niemanden, der den Verein übernehmen will. Das Problem war, dass er nicht bereit war, die Identität des Vereins anzunehmen. Er hat den Erfolg vielleicht ein bisschen sehr auf sich bezogen." © ap
Hamit Altintop (jetzt Real Madrid): "Van Gaal hat mich absolut ignoriert, obwohl ich Vollgas gegeben habe. Ich hatte nicht die hundertprozentige Unterstützung des Trainers. Ich war immer auf der Kippe." © dpa
Martin Demichelis (jetzt FC Malaga): "Seit dem ersten Augenblick, als Louis van Gaal kam, fing alles an zu stinken." © getty
Lucio (jetzt Inter Mailand und von van Gaal 2009 weggeschickt): "Ich hätte mir gewünscht, dass der Trainer erst mal mit mir spricht, bevor er sich festlegt. Ich denke einfach, ein bisschen mehr Respekt hätte ich verdient gehabt." © dpa

„Van Gaal steht noch in München bis Ende Juni 2012 unter Vertrag. Wir werden mit den Bayern über eine Vertragsauflösung sprechen. Dann wissen wir mehr“, sagte Aufsichtrat Römer in einer TV-Talkshow. Außerdem habe man es eilig gehabt, weil van Gaal und seine Frau in diesen Tagen eine längere Weltreise antreten, fügte er hinzu. Römer gab zu, dass man Cruyff bewusst nicht informiert habe.

„Ich habe zuerst an einen Scherz gedacht. Aber das war es nicht. Mit ihrer Aktion haben sie Ajax in Brand gesteckt. Das war unter der Gürtellinie“, sagte der 64-Jahre alte Cruyff beim TV-Sender NOS in Barcelona. Er könne nicht begreifen, dass sich Menschen, die schon ewig lange für Ajax tätig sind, von Personen, die erst kurz für den Klub arbeiten, missbrauchen lassen. Römer, ten Have und Olfers waren erst im Sommer zu Ajax gekommen, um Cruyff im Aufsichtsrat in nichtballtechnischen Angelegenheiten zu unterstützen.

Cruyff hatte den Auftrag erhalten, eine neue Direktion zusammenzustellen. Unterdessen haben die vier Aufsichtsräte vom erbosten 24-köpfigen Mitgliederrat für Freitag eine Vorladung erhalten, um ihr Handeln zu erläutern. Kritische Töne kamen derweil auch vom Hauptsponsor, einer Versicherungsgesellschaft (Aegon). „Aus der Sponsorenposition ist klar, dass jegliche Unruhe schädlich ist“, teilte das Unternehmen mit.

Das Ende des Ajax-Theaters ist nicht absehbar. Nur der Mitgliederrat kann jetzt noch die Inthronisierung von van Gaal, der seinen Job spätestens zum 1. Juli 2012 antreten soll, verhindern.

Der Ajax-Aktienkurs reagierte am Donnerstag positiv auf die Verpflichtung van Gaals. Er stieg an der Amsterdamer Börse zwischenzeitlich um 3,9 Prozent auf 6,65 Euro pro Aktie.

sid

Der FC Bayern und Louis van Gaal: Eine Chronik

Der FC Bayern und Louis van Gaal: Eine Chronik

1. Juli 2009: Der erste Arbeitstag „Mia san mia, und ich bin ich. Selbstbewusst, arrogant, ehrlich, innovativ. Aber auch warm und familiär. Diese Kultur passt mir wie ein warmer Mantel“, sagt van Gaal. © Getty
8. August 2009: Das erste Bundesliga-Spiel Die Bayern spielen 1:1 in Hoffenheim. Im Tor steht noch Michael Rensing, in der Abwehr ein gewisser Holger Badstuber. Und in der 73. Minute wechselt Louis van Gaal seine größte Entdeckung ein: Thomas Müller. © Getty
12. September 2009: Ribery „liebt“ van Gaal Die Bayern gewinnen 5:1 bei Borussia Dortmund. Franck Ribery, von van Gaal in seinen ersten Wochen mehrfach erniedrigt, springt dem Trainer nach einem Tor in die Arme. „Er hat gezeigt, dass er diesen Trainer liebt“, sagt van Gaal. © Getty
7. November 2009: Van Gaal sortiert aus Luca Toni verlässt beim Spiel gegen Schalke 04 (1:1) zur Pause das Stadion, gebrochen von van Gaals Missachtung. Später wird der „Tulpen-General“ noch Torwart Jörg Butt, Verteidiger Martin Demichelis und Kapitän Mark van Bommel demontieren. Mario Gomez schaffte er nicht. © Getty
8. Dezember 2009: Turin - die Wende Nach 14 Liga-Spielen haben die Bayern sechs Punkte Rückstand auf Platz eins, in der Champions League droht das Aus. David Trezeguet schießt Juventus Turin in der 19. Minute in Führung, van Gaal ist zu diesem Zeitpunkt entlassen. Doch sein Team gewinnt 4:1 und kommt ins Achtelfinale. © Getty
23. Januar 2010: Robben „stürzt“ van Gaal Arjen Robben trifft bei Werder Bremen zum 3:2 und will mit dem Coach jubeln. Van Gaal flüchtet, strauchelt - stürzt. „Vielleicht hatte er ein bisschen Angst vor mir“, sagt Robben. © Getty
1. Mai 2010: Das Meisterstück Mit dem 3:1 gegen den VfL Bochum sichert sich der FC Bayern am 33. Spieltag faktisch den 22. Meistertitel. „Ich bin ein Feier-Biest“, sagt van Gaal. Der Traum vom Triple lebt. © Getty
9. Mai 2010: Muttertag Van Gaal grüßt vom Meisterbalkon und schickt einen „dicken Kuss“ an alle „Muttis“. Dann sagt er: „Wir sind Meister. Nicht nur von München, sondern auch von Gelsenkirchen. Auch von Bremen, und auch in Hamburg. Wir sind die Besten - von Deutschland. Und vielleicht Europas!“ Das Volk tobt. © Getty
16. Mai 2010: Pokalsieg Van Gaals Elf zerlegt Werder Bremen beim 4:0 nach allen Regeln der Kunst. „Wenn mir das einer vor einem halben Jahr gesagt hätte, hätte ich ihn in die Nervenheilanstalt weitergeleitet“, sagt Franz Beckenbauer. © Getty
21. Mai 2010: Mourinho knackt van Gaal Beim 0:2 im Endspiel der Champions League wird van Gaal von seinem einstigen Schüler Jose Mourinho entzaubert. Das Triple bleibt ein Traum. © Getty
20. August 2010: Saisonstart Die Bayern eröffnen die Bundesliga-Spielzeit mit einem knappen 2: 1 gegen den VfL Wolfsburg. Bastian Schweinsteiger nennt das Team „besser als Real Madrid“. © Getty
12. September 2010: Van Gaal beruhigt Zum 65. Geburtstag von Franz Beckenbauer spielen die Bayern 0:0 gegen Werder Bremen. „Die Preise werden im Mai verteilt“, sagt van Gaal. © Getty
25. September 2010: Mainz Die Bayern verlieren 1:2 gegen Mainz 05. „Mainz kann Meister werden“, sagt van Gaal. Seine von der WM geschlauchte Mannschaft ist davon weit enfternt. © Getty
27. September 2010: Vertragsverlängerung Van Gaals Kontrakt wird bis 2012 ausgedehnt. „Er hat uns eine Philosophie gebracht, die wir fortsetzen möchten“, sagt Sportdirektor Christian Nerlinger. © Getty
4. Oktober 2010: Hoeneß schimpft 0:2 bei Borussia Dortmund. „Es ist der Zeitpunkt gekommen, dass wir den Mantel der Nächstenliebe weglegen“, wettert Präsident Uli Hoeneß. © Getty
6. Oktober 2010: Die Buchvorstellung Van Gaal präsentiert seine Biographie - und sagt zu Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und Hoeneß: „Es ist auch für Sie wichtig, das zu lesen.“ © Getty
31. Oktober 2010: Hoeneß greift an In der TV-Sendung „Sky 90“ nennt Hoeneß van Gaal „beratungsresistent“. Van Gaal ist geschockt. © Getty
2. November 2010: Der „Friede von Cluj“ Am Rande der Champions-League-Reise nach Transsylvanien wird offiziell verlautbart, Rummenigge habe Hoeneß und van Gaal wieder zusammengeführt. © Getty
20. November 2010: Der „Kaiser“ grollt 1:1 bei Bayer Leverkusen. Beckenbauer sieht „Fehler wie im Kindergarten“ und schimpft: „Das ist keine Spitzenmannschaft. Die sind nicht meistertauglich.“ © Getty
5. Februar 2011: Karneval in Köln Die Bayern verspielen beim 2:3 erstmals seit über 13 Jahren eine 2:0-Führung. Van Gaal wackelt. © Getty
26. Februar 2011: Blamage gegen Dortmund Beim 1:3 werden die Bayern vom Tabellenführer phasenweise vorgeführt. „Wir haben an Image verloren“, klagt Rummenigge. © Getty
2. März 2011: Schalke fährt nach Berlin Nach dem 0:1 gegen die Knappen ist auch der zweite Titel futsch. „Die Partie in Hannover ist vielleicht das wichtigste Spiel der ganzen Saison. Da geht es um alles“, sagt Kapitän Philipp Lahm. © Getty
5. März 2011: Die Schmach! Hannover 96 schlägt die Bayern 3:1 - und van Gaals Ende rückt näher. © Getty
7. März 2011: Die Entscheidung:  Van Gaal darf bleiben - aber nur bis zum Saisonende. © ap
15. März 2011: Das Aus im Champions-League-Achtelfinale! Nach dem 1:0-Sieg im Hinspiel setzte es eine 2:3-Niederlage im Rückspiel. © dpa
2. April 2011: Nach dem überraschenden Aus in der Königsklasse folgten zwei knappe Siege gegen den SC Freiburg und Borussia Mönchengladbach. Spielerisch konnte der FC Bayern nicht überzeugen, van Gaal stand weiter in der Kritik © getty
10. April 2011: Van Gaals Zeit bei den Bayern ist abgelaufen: Nach dem 1:1-Unentschieden gegen den 1. FC Nürnberg wird der Holländer vom Verein beurlaubt. © getty
Van Gaal verlässt den FC Bayern auf Tabellenplatz 4. In der Saison 2010/2011 hat er 25 Siege, sieben Unentschieden und zehn Niederlagen zu verzeichnen. © getty

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