Ex-Erfolgscoach feiert 70.

Verliert Bayern den Anschluss an Real Madrid und Co.? Ex-FCB-Coach Hitzfeld im ausführlichen Interview

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Ottmar Hitzfeld nach dem CL-Triumph mit dem FC Bayern im Endspiel gegen den FC Valencia (2001).

Ottmar Hitzfeld spricht über die Konkurrenzfähigkeit des FC Bayern, seinen Trainer-Blick und Giovane Elber. Außerdem geht es um eine Phase, die ihn beinahe die Trainerkarriere gekostet hätte.

München – Er ist einer der erfolgreichsten Trainer der Geschichte der Bundesliga: Ottmar Hitzfeld gewann 1997 mit Borussia Dortmund und 2001 mit dem FC Bayern die Champions League, zudem feierte er unter anderem sieben deutsche Meisterschaften. Am Sonntag wird er 70. In unserem Interview blickt Hitzfeld zurück und erzählt, wie er sein Leben heute genießt.

Herr Hitzfeld, Sie blieben auch im Ruhestand immer ein hoch frequentierter Gesprächspartner und Experte. Wie hoch haben sich die Anfragen zu Ihrem Geburtstag aufgetürmt?

Ottmar Hitzfeld: Ach, es kam schon einiges. Aber es ist kein Problem – ich habe ja Zeit (lacht). Beim 50. war das noch anders, da war ich voll im Tagesgeschäft und hatte eine ganz andere Belastung. Jetzt ist das eine schöne Abwechslung. Und ich habe es schon immer so gesehen, dass es zu diesem Beruf und auch zum guten Ton gehört, sich der Öffentlichkeit gegenüber nicht zu verschließen.

Wie geht es Ihnen denn?

Hitzfeld: Seitdem ich nicht mehr als Trainer arbeite, habe ich keinen Stress. Das Leben als Ruheständler läuft sehr geordnet. Stresssituationen waren lange ein prägender Teil meines Lebens. Ich musste immer Ergebnisse liefern, zeitweise ging das zu Lasten meiner Gesundheit. Heute geht es mir gut, meiner Familie, meinen Enkelkindern – ich kann das Leben genießen.

Ottmar Hitzfeld: „Ich kann ausschlafen, das ist ein Privileg“

Wie sieht Ihr Alltag aus – schlafen Sie aus?

Hitzfeld: Ich kann ausschlafen, das ist ein Privileg. Gegen halb neun hole ich mir die Zeitungen, dann greife ich gerne mal zu einem Buch. Ein bisschen Sport im Fitnessbereich bei mir zuhause, im Winter Skifahren, im Sommer ein bisschen Golfen, Ausflüge in die Berge oder nach München, um dort meinen Sohn zu besuchen – Sie sehen, ich kann nicht klagen (lächelt).

„Die Fans sollten sich keine Sorgen um ihren FC Bayern machen“: Das sagt Ottmar Hitzfeld, hier mit dem Champions League-Pokal 2001 auf dem Rathausbalkon.

Und der erste Griff zur Zeitung – was studieren Sie heute als Erstes: Noch immer den Sport, den Fußball, oder doch eher Politik und andere Themen?

Hitzfeld: Fußball wird immer meine Leidenschaft bleiben, da geht der erste Blick hin, obwohl mich Politik auch sehr interessiert. Wenn ich heute die Fußballnachrichten lese, ist das noch immer nicht wie ein Fan. Ich war nie ein Fan, sondern immer ein Teil des Geschehens. Ich überlege auch heute noch, wie ich handeln würde oder zu den Dingen stehe. Jetzt werde ich oft als Experte konsultiert, da muss ich auch wissen, was so läuft.

Wenn Sie Fußball im Fernsehen schauen – ist das immer noch wie als Trainer?

Hitzfeld: Den Trainer-Blick wird man nie mehr los. Das beginnt schon, wenn man die Aufstellung vor dem Spiel anschaut: Viererkette, Dreierkette etc? Das interessiert mich, das hat mich immer interessiert.

Dortmund hatte Sie im Herbst 2017 noch einmal als Nachfolger für Peter Bosz kontaktiert. War das Ihre letzte Anfrage?

Hitzfeld: Nein. Es kommt immer was, viel aus dem Ausland, Asien zum Beispiel. In Deutschland weiß man inzwischen, dass mein Entschluss steht: Ich werde nie mehr Trainer sein. Mein Abschied als Schweizer Coach bei der WM 2014 war ein schöner Abschluss, das war mir sehr wichtig, genauso wie der Abschied 2008 bei Bayern mit dem Double. Man sollte immer zum richtigen Zeitpunkt gehen. Und das ist mir auch immer gelungen.

Was war die kurioseste Anfrage Ihrer Karriere?

Hitzfeld: China sucht nach bekannten Trainer-Figuren, das ist ein neuer Markt. Aber so richtig kuriose Angebote gab es nie. Ich hatte ja auch das Glück, dass ich unter den Top-Adressen von Europa wählen durfte. Als ich 1997 mit dem BVB die Champions League gewonnen hatte, hatte ich ein Treffen mit dem Präsidenten von Real Madrid. Dass mich dieser Verein damals wollte, war eine Ehre, das hat mich ein paar Tage beschäftigt. Ich dachte mir aber dann: Bis ich Spanisch kann, bin ich vielleicht schon entlassen. Das geht ja oft schnell. Und ich finde es wichtig, die Sprache zu sprechen. Darum habe ich Real aus Vernunftsgründen damals abgesagt. Reizvoll wäre es aber schon gewesen.

Was bedeutet für Sie heute Genuss?

Hitzfeld: Als Trainer kannte ich Genuss auch: Erfolg. Allein nur der Moment des Sieges, wenn der Druck abfällt, man das Adrenalin spürt, das ist jedes Mal ein unglaublich emotionaler Moment – leider nur kurz, da spätestens am nächsten Tag wieder alles aufs Neue beginnt. Heute ist Genuss, dass dieser Druck weg ist, dass ich ruhiger schlafen kann, die Zeitung lesen kann, ohne Angst zu haben, dass da etwas drinsteht, was einem schaden kann. Ich kann heute Termine planen, Reisen planen – das ist mein Genuss.

Von FC-Bayern-Stürmer Giovane Elber schwärmt Hitzfeld noch heute

Sind Sie, Hand aufs Herz, froh, nicht mehr aktiver Teil der Szene zu sein, die sich immer rascher zu drehen scheint – oder würde es Sie jederzeit jucken?

Hitzfeld: Alles hat seine Zeit. Das Rad dreht sich tatsächlich immer schneller. Aber beim FC Bayern ist man immer privilegiert, die Möglichkeiten dieses Clubs sind in jedem Zeitfenster reizvoll. Die Fans sollten sich keine Sorgen um ihre Bayern machen, trotz der internationalen Konkurrenz, die mit immer absurderen Unsummen Transfers abwickelt. Bayern wird immer einen Weg finden, mit Real Madrid, Manchester City, Paris im Wettstreit zu stehen – obwohl es keine fairen Bedingungen mehr sind. Heute wäre der Job genauso interessant wie vor zehn, 20 Jahren. Auch wenn sich die Verhältnisse verschoben haben.

Ist es für die Bayern schwerer geworden?

Hitzfeld: Real hatte immer schon andere Möglichkeiten als Bayern. Auch Manchester United oder die italienischen Clubs. Die Ausgangslage hat sich nicht grundlegend verändert.

An Real Madrid biss sich der FC Bayern in der Champions League schon ein ums andere Mal die Zähne aus.

Wer in all den Jahren war Ihr Lieblingsspieler, mit dem Sie gearbeitet haben?

Hitzfeld: Da täte ich allen anderen Unrecht, wenn ich jetzt einen Einzelnen herausheben würde. Es waren so viele Weltstars, ich kann so glücklich sein. Es waren tolle Charaktere, und für mich waren auch die Ersatzspieler stets wichtig. Ich habe immer den Menschen hinter dem Spieler gesehen, wenn ich eine Mannschaft aufgebaut habe. Menschlichkeit ist in diesem harten Geschäft immens wichtig: Ein Spieler merkt sofort, wenn man nicht ehrlich mit ihm umgeht. Als Trainer musst du Härte zeigen, aber auch Empathie besitzen.

Gibt es denn einen Spieler, den Sie gerne einmal trainiert hätten, was Ihnen aber nie vergönnt war?

Hitzfeld: Ich denke, dass Ihnen jeder auf diese Frage Lionel Messi nennen würde. Messi, das wäre ein Traum für mich gewesen. Auch ein Cristiano Ronaldo steht über der Weltspitze. Logisch reizt das jeden Trainer. Für mich war das jedoch nie das Wichtigste – bei Bayern hatten wir auch Weltstars. Ich bin sehr stolz, Bayern und genauso Dortmund trainiert haben zu dürfen. Dass es mit einem Messi oder Ronaldo nie geklappt hat, bedauere ich nicht. Wenn ich alleine an Giovane Elber denke – was für ein Stürmer, was für ein Typ! Ich bin wirklich einer der glücklichsten Trainer und sehr dankbar.

Was viele vergessen haben: Sie begannen ja nicht bei Bayern oder Dortmund, sondern in der Schweiz, abseits der Scheinwerfer. Und wurden anfangs sogar von Ihrem Präsidenten gewürgt.

Hitzfeld: Ja, das stimmt. Heute kann ich darüber lachen. Das war 1983/84, mein erstes Trainerjahr beim SC Zug – und vielleicht auch mein schwerstes. Wenn ich da gleich gefeuert worden wäre, wäre meine Karriere beendet gewesen, bevor es überhaupt losgeht. Es war für mich existenziell. Unser Präsident, ein Bauunternehmer, hatte für viel Geld Spieler gekauft und hörte nicht auf, sich einzumischen. Er kritisierte die Spieler auch immer wieder hart, das konnte ich als Trainer irgendwann nicht mehr zulassen. Ich habe mich immer vor meine Mannschaft gestellt, das sind meine Spieler, die ich schützen muss – auch vor einem Präsidenten, wenn er falsch liegt. Das war eine komplizierte Situation. Als er mich packte, blieb ich ruhig. Er musste dann vier Monate vor dem Saisonende gehen, der restliche Vorstand übernahm. Wir waren zu diesem Zeitpunkt Zweiter, am Ende waren wir Meister. Ohne ihn. Die Spieler konnten sich ohne die Angst im Rücken, die er entfacht hatte, entfalten.

Hitzfeld und der Choleriker: „Ohne ihn wäre mein Leben vielleicht anders gelaufen“

Und für Sie selber war es die Feuertaufe schlechthin, sich als junger Trainer gegen einen so wichtigen Mann wie den Geldgeber zu behaupten.

Hitzfeld: Das war meine Doktorarbeit im Trainerberuf. Ich wusste damals nie, was am nächsten Tag passiert. Da klingelte zuhause das Telefon – Handys gab es noch nicht –, und der Präsident schrie einen wegen einer Bagatelle an. Ein Choleriker. Aber es war meine erste Chance als Trainer, daher bin ich ihm auch dankbar. Ohne ihn wäre mein Leben vielleicht anders gelaufen.

Hatten Sie schon damals im Kopf, mal einen Club wie Bayern zu coachen?

Hitzfeld: Nein. Man kann ja nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen. Ich wollte in die Bundesliga, das war ein Ziel. Und dann auf mich aufmerksam machen, war der Plan.

Auf was in Ihrer Karriere sind Sie stolz?

Hitzfeld: Dass ich die Kraft hatte, so lang als Trainer auf einem hohen Niveau Dinge gestalten zu können. 2004 hatte ich einen Burn-out, da dachte ich zweieinhalb Jahre, ich komme nie wieder als Trainer zurück. Dann bat mich Bayern, einzuspringen, und das war für mich ein sehr wichtiger Test, gesundheitlich wie psychologisch: Kann ich diesem Druck überhaupt je wieder standhalten? Für mich wiegt es fast mehr als jeder Titel, dass ich das geschafft habe.

War es Ihre schwerste Entscheidung, damals zu Bayern zurückzukehren?

Hitzfeld: Ich habe keine Sekunde überlegt. Als mich Uli Hoeneß anrief und fragte, ob ich nach der Entlassung von Felix Magath helfen könnte, war ein Nein keine Option für mich. Wobei wir sagten, wir schauen jetzt erst einmal die Monate bis Saisonende. Für mehrere Jahre hätte ich in meiner damaligen Lage sicher nicht zugesagt. Es war ein Freundschaftsdienst und ein Test für mich, für meine Gesundheit.

Ein Jubilar darf sich ja immer etwas wünschen: Was wünschen Sie sich für den deutschen Fußball?

Hitzfeld: 2018 war für den deutschen Fußball und die Nationalmannschaft ein Jahr des Umdenkens. Man muss neue Wege gehen und sich neu erfinden. Joachim Löw ist bereit, diesen Umbruch zu machen. Er hat eine gute Basis gelegt. Deutschland ist weiter eine Fußball-Macht. Es gibt viele junge, schnelle Spieler, die im heutigen Fußball wichtig sind. Den Fans muss nicht bange sein. In der Bundesliga wird gut gearbeitet. Ich wünsche dem deutschen Fußball, dass er sich freischwimmt. Es fehlt da nicht viel. Leroy Sané, Timo Werner, Leon Goretzka, Serge Gnabry, Joshua Kimmich, Niklas Süle – das Potenzial ist weiter enorm.

Interview: Andreas Werner

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