Wo die Marke FCB ihren Ursprung hat

FC Bayern, „Fritzle“ und die Kommerzialisierung - Hoeneß-Interview vor dem Südderby gegen den VfB

Vor dem Duell zwischen Bayern München und dem VfB Stuttgart werden bei Dieter Hoeneß Erinnerungen wach. Er spricht über Bruder Uli und legendäre Jahre, als der Erfolg zum FCB kam.

VfB-Manager Dieter Hoeneß mit Maskottchen Fritzle, Torsten Kracht und Christoph Daum.

München - Er spielte für den FC Bayern und den VfB Stuttgart – das Duell am Samstag verfolgt Dieter Hoeneß (68), inzwischen als Spielervermittler aktiv, ganz entspannt als Zuschauer. Das tz-Interview mit dem Bruder von FCB-Klublegende Uli Hoeneß:

Herr Hoeneß, vor dem Duell gegen Bayern ist der VfB als Aufsteiger frei von Abstiegsängsten. Sind Sie überrascht?
Hoeneß: Ich habe schon damit gerechnet, dass die Mannschaft mit dem Abstieg nichts zu tun haben wird. Die sportlich Verantwortlichen haben gute Leute geholt. Aber dass das junge Team jetzt auch noch im Kampf um die Europa-League-Plätze mitmischen kann, war nicht zu erwarten.
Erkennen Sie Parallelen zur Saison 1977/78, als Sie selbst Teil eines aufstrebenden VfB-Teams waren?
Hoeneß: Ja schon. Es war eine fantastische Zeit. Wir spielten einen begeisternden Fußball, hatten viele junge Spieler in unseren Reihen – die Förster-Brüder und Hansi Müller, um nur ein paar Namen zu nennen. Ich selbst war mit 24 nicht mehr ganz so jung. Die Mischung war einfach gut – so wie heute. Am Ende wurden wir als Aufsteiger Vierter und in der Folgesaison Vizemeister – beide Male vor Bayern.
Ihr Debüt gaben Sie gegen die Bayern, mit Ihrem Bruder in den gegnerischen Reihen. Ein ganz besonderes Spiel?
Hoeneß: Wir haben ja nicht direkt gegeneinander gespielt, weil wir ja beide Stürmer waren. Es war für mich ein besonderes Spiel, weil es mein erstes in der Bundesliga war. Aber es gab danach viele Highlights.

FC Bayern und die Hoeneß-Brüder: „Wer weiß, wie sich der Klub entwickelt hätte...“

Bei Ihrem Wechsel 1979 nach München hatte Ihr Bruder beim FC Bayern seine Manager-Karriere bereits gestartet. Das muss doch seltsam gewesen sein, mit dem Bruder Vertragsverhandlungen zu führen…
Hoeneß: Ich habe mit den Präsidiumsmitgliedern verhandelt. Bei den ersten Gesprächen war Uli noch nicht offiziell Bayern-Manager. Aber auch später habe ich immer mit dem Präsidenten die Verträge ausgehandelt. Wir wollten keine Vetternwirtschaft haben. Bei meinem Wechsel zum FC Bayern hatte Uli aber schon eine wichtige Funktion. Er soll schauen, dass sein Bruder zu Bayern und nicht zu einem Liga-Konkurrenten geht, lautete der Auftrag des damaligen Präsidenten Neudecker. Ich hatte viele interessante Angebote und Bayern München besaß nicht die Strahlkraft heutiger Tage. Später hat mir Neudecker mal erzählt, dass er den Uli nicht zum Manager gemacht hätte, wenn es ihm nicht gelungen wäre, mich zu holen. Wer weiß, wie sich der FC Bayern dann weiterentwickelt hätte…
Kann man sagen, dass Ihr Bruder in den 80er-Jahren die Grundlage für die spätere Bayern-Dominanz gelegt hat?
Hoeneß: Ja, kann man. Die Marke FC Bayern hat ihren Ursprung in der Mannschaft der 70er-Jahre mit Beckenbauer, Maier, Müller etc. Als ich kam, war der FC Bayern sportlich auf dem absteigenden Ast und hochverschuldet. Die damaligen Transferausgaben bewegten sich auf sehr bescheidenem Niveau. Uli hat dann als Manager sehr klug eingekauft. Und tatsächlich wurden wir gleich Meister. In gewisser Weise war das schon der Start der Bayern-Dominanz.
Sie selbst begannen drei Jahre nach Ende der Profi-Karriere selbst als Manager beim VfB. Was haben Sie vom FC Bayern gelernt?
Hoeneß: Ich habe aus allen möglichen Quellen Ideen gezogen. Ganz besonders hat mir da mein vorheriger Job als Leiter des Bereichs Sportmarketing beim Computer-Hersteller Commodore geholfen. Das war damals im Fußball die Zeit des Übergangs vom Mäzenatentum zum professionellen Sportsponsoring.

„FC Bayern hat das als Erstes begriffen“ - Hoeneß über „Fritzle“ und Kommerzialisierung

Sie führten beim VfB Begriffe wie Event und Merchandising ein, was für viele im Verein sicher befremdlich war.
Hoeneß: Das kann man so sagen. Nur ein kleines Beispiel: Wir waren einer der ersten Bundesliga-Vereine mit Maskottchen – das Krokodil Fritzle, als Identifikationsfigur vor allem für unsere kleinsten Fans. Ich weiß noch, wie unser Merchandising-Chef 20.000 dieser Plüschkrokodile geordert hat. Der spinnt komplett, dachten viele im Verein. Aber in wenigen Wochen waren die Krokodile ausverkauft. Die Idee war, den Verein wirtschaftlich auf mehrere Beine zu stellen und ihn dadurch stabiler zu machen. Insgesamt war es eine fantastische Zeit. Wir wurden 1992 deutscher Meister, was dem VfB ja in seiner Geschichte nicht so oft gelungen ist.
Heute wird die Kommerzialisierung des Fußballs beklagt. Fühlen Sie sich mitverantwortlich?
Hoeneß: Die war seinerzeit schon nicht mehr aufzuhalten. England hatte uns das damals vorgemacht, zum Beispiel was die Auslandsvermarktung angeht. Wenn man international mithalten will, muss man auf unterschiedliche Weise Einnahmen generieren. In Deutschland hat das Bayern München als Erstes begriffen. Manchmal ist schon eine gewisse Scheinheiligkeit im Spiel. Es gibt Vereine wie St. Pauli, Union Berlin oder Freiburg, da steht der sportliche Erfolg nicht über allem. Aber bei 90 Prozent der Klubs funktioniert das nicht. Da wird von allen Seiten – auch von den Fans – erwartet, dass man so erfolgreich wie möglich ist. Und das funktioniert nur mit einer optimalen Vermarktung. Aber es gibt eine ganz klare Grenze: Wenn die Emotionen und die Werte verloren gehen, dann wird auch der Fußball verlieren. Diesen Spagat zu meistern, ist eine große Herausforderung – besonders in der Corona-Krise.

Interview: Roland Wiedemann

Rubriklistenbild: © imago/Pressefoto Baumann

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