„Der FC Bayern hat mein Leben enorm geprägt“

Viki Schnaderbeck über das Weibliche in Bayerns "Mia san mia"

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„Zaubertrank“ zum Interview: Viki Schnaderbeck mit Redakteur Andreas Werner am Marienplatz.

München – Eine Tasse Glühwein schlägt sie aus, denn bei Viktoria Schnaderbeck steht ja das Pokalviertelfinale mit dem FC Bayern bei Werder Bremen an (heute, 18 Uhr).

Die Österreicherin, die seit 2007 in München lebt, entscheidet sich lieber für einen „Zaubertrank“ – ohne Alkohol. Mit unserer Zeitung unternahm sie einen Bummel über den Christkindlmarkt am Münchner Marienplatz.

Viki Schnaderbeck – Herbstmeisterin, Glückwunsch! Wie wichtig ist Ihnen dieser Titel, der ja eigentlich kein Titel ist?

Ehrlich gesagt hatte ich es gar nicht gewusst, bis es uns nach dem Spiel jemand gesagt hat. Wir bilden uns darauf nichts ein, mit dem Titel kannst du dir ja in der Tat nichts kaufen. Wir haben noch einige Spiele bis Weihnachten, da vergisst du so einen Herbstmeister-Titel bereits einen Tag danach gleich wieder. Wir können uns noch nicht zurücklehnen.

Obwohl die Herbstmeisterschaft mit Nikolaus zusammenfiel – nicht mal ein kurzes Anstoßen?

Gar nicht. Ich bin mit Freundinnen über das Tollwood geschlendert, alles ganz gemütlich. Da habe ich mir einen Schoko-Döner gegönnt, aber das war es auch wirklich.

Viel Zeit für Zurücklehnen bleibt ja auch tatsächlich nicht. Es steht schon wieder Pokal in Bremen an.

Ja, und da ist uns in der Liga-Hinrunde unser 2:0 schwergefallen. Da fielen beide Tore erst nach der 70. Minute, und damals war ihre meiner Meinung nach beste Stürmerin, Stefanie Sanders, noch gar nicht dabei. Bremen ist offensiv- und konterstark. Wir werden sie nicht unterschätzen.

Sie waren einst beim Pokalsieg 2012 schon bei den Bayern – inwieweit wurde damals der Grundstein der aktuellen Erfolgsgeschichte gelegt? Seitdem ging es stetig bergauf.

Das war ein Grundstein, das stimmt. Damals kam endgültig der Gedanke auf, dass hier im Frauenfußball etwas Interessantes entstehen kann. Danach gab es zwar noch viele Umbrüche, aber die Kurve ist immer nach oben gegangen, bis zur Meisterschaft heuer.

Weihnachten/Silvester ist immer eine Zeit, um mal zurückzuschauen: War 2015 Ihr bisher bestes Jahr, sportlich gesehen?

Auf jeden Fall. Nicht nur wegen der Meisterschaft. Ich bin auch dankbar, dass ich mich von meiner vierten Knie-OP im Frühjahr wieder erholt habe. Es läuft einfach top: Als Mannschaft, für mich persönlich – da kann ich heuer zufrieden Weihnachten feiern.

Sie gehören seit 2007 dem Verein an. Nur Katharina Baunach und Vanessa Bürki sind noch ein Jahr länger dabei. Welches Gefühl umspielt einen da, so eine Entwicklung so lange miterlebt zu haben?

In gewisser Weise Stolz. Man weiß einfach, wie viel Arbeit hinter allem steckt, welchen gewaltigen Prozess wir durchlaufen haben. Wir sind nicht einfach aus dem Himmel gefallen und haben gesagt: Wir sind der FC Bayern, wir mischen alles auf. Ich habe hier alles erlebt, wir standen sogar mal auf einem Abstiegsplatz – und jetzt sind wir an der Spitze, nicht nur für einen Tag, sondern dauerhaft. Ich denke schon immer wieder zurück, was für ein Weg hinter diesem Verein liegt. Und hinter mir selbst. Ich kam als ein kleines Mädchen hier an, mit 16 Jahren. Jetzt werde ich 25, habe hier eine Entwicklung mitgemacht. Der FC Bayern hat mein Leben enorm geprägt.

Was bedeutet Ihnen dieses vielzitierte „Mia san mia“-Mantra der Bayern?

Es ist mehr als nur ein Slogan. Wenn man hier spielt, erfasst einen dieses Alles-Gewinnen-Wollen, das packt einen ganz einfach. Wir in der Frauenabteilung unterstreichen das inzwischen auch mit unserer Arbeit, unseren Erfolgen. Es drückt auch die mannschaftliche Geschlossenheit, die Verbundenheit bei uns aus. Wir leben Selbstbewusstsein aus, das haben wir uns mit den Jahren erarbeitet. Wir verkörpern aber sicherlich auch Bodenständigkeit. Das sind alles Werte, die dem FC Bayern in dieser Kombination gut zu Gesicht stehen.

Eine Art weibliche Komponente des „Mia san mia“ sozusagen . . .

(lächelt) Sozusagen. Genau.

Erfolge sind auch Verpflichtungen, gerade beim FC Bayern. Haben auch Sie stets im Hinterkopf: Immer weiter, immer weiter?

Man kann einen Sieg mal einen Tag genießen. Aber dann geht es weiter. Ich weiß ja, es bringt nichts, sich lange aufzuhalten. Je mehr wir uns in der Spitze etablieren, desto mehr steigt der Druck. Aber das ist okay so. Ich bin Sportlerin, will mich mit den Besten messen. Man will nicht in Watte gepackt werden.

Schnaderbeck: "Ich fühle mich pudelwohl, im Verein wie in der Stadt"

Sie kamen mit 16 aus Graz hierher. Ist München für Sie inzwischen Heimat?

Ja, ist es schon. Ich fühle mich pudelwohl, im Verein wie in der Stadt. Ich bin hier fast wie zuhause, die Mentalität ist ja auch sehr ähnlich. Im Norden würde es mir schwerer fallen.

Sind Sie ein Münchner Kindl geworden?

(lacht) Nein, ich bin schon Österreicherin. Und ich bin ja eigentlich ein richtiges Landei. Da, wo ich aufgewachsen bin, ist weit und breit nichts.

In Ihrer Familie hat Fußball eine große Tradition. Unter anderem ist Sebastian Prödl Ihr Cousin, der lang bei Bremen kickte und im Sommer nach Watford wechselte. Wurde früher dann ständig gekickt, wenn sich die Familie traf?

Mein Bruder David spielt bei Sturm Graz, meine Cousine auch, ein anderer Cousin ist ebenfalls in einer hohen Liga. Früher war bei Familientreffen wirklich immer der Ball dabei. Ob zuhause, in einem Gasthaus, oben am Berg – wir haben immer irgendwo ein Platzerl gefunden und haben uns dann selber Spiele ausgedacht. Da ging es oft zur Sache, manchmal ist es sogar im Krankenhaus geendet, da war nix mit Familienliebe . . .

. . . es ging sogar bis ins Krankenhaus?

Ja, es ging doch um den Sieg (lacht)! Mal waren wir mit einem verstauchten Daumen im Spital, mal mit was anderem. Nichts Schlimmes, aber wir waren halt ehrgeizig. Da kam es schon vor, dass man mal einen Tag nicht mehr miteinander geredet hat, wenn es besonders hitzig wurde.

Und ist der Ball mal in der Torte der Oma gelandet – oder im Fenster?

Einmal haben wir unseren Ur-Opa ins Tor gestellt und leider so fest geschossen, dass ihm die Luft weggeblieben ist. Und irgendwann haben wir einen Strafenkatalog mit unserer Mama eingeführt, weil wir so oft in die Blumen geschossen haben. Pro Schuss ins Beet 50 Cent. Das ging sogar von uns Kindern aus – wir haben uns da doch schlecht gefühlt, wenn die Blumen so leiden mussten (grinst).

Wie lauten Ihre Ziele für 2016?

Persönlich: Dass ich gesund bleibe. Das ist immer oberstes Ziel. Ich möchte meine Position in dieser Mannschaft behaupten. Für das Team wünsche ich mir, dass wir genau so weitermachen wie zuletzt. Und wenn ich jetzt hier gerade am Marienplatz nach oben schaue, rauf zum Rathausbalkon, muss ich sagen: Das war schon schön, da oben mit den Männern und den zwei Meisterschalen – da sage ich nicht Nein, wenn es wieder so kommen sollte. Wenn man sowas mal erlebt hat, will man das immer wieder erleben.

Ihr Vertrag läuft im Sommer aus. Sie sind eine feste Größe in der Abwehr. Wie sind Ihre Pläne für die Zukunft – für immer FC Bayern, wie klänge das?

(lacht) Ich weiß, was ich hier habe und fühle mich absolut wohl. Hier passt alles. Ich denke, wir werden uns in der Winterpause besprechen.

Und was ist Ihr Wunsch ans Christkindl: 2016 mal ein Spiel gegen Deutschland mit Österreich, Sie sind ja die ÖFB-Kapitänin?

Das wäre mal was, das gab es ja bisher noch nie. Ich würde mich sehr freuen. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich gar keine so großen Wünsche ans Christkindl. Wenn alles so ist, wie es dieses Jahr war, bin ich wirklich sehr zufrieden.

Interview: Andreas Werner

Quelle: fussball-vorort.de

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