"Wann liefern Sie den nächsten Alaba, Herr Vogel?"

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„Jeden Tag eine Spritze mit 100 Milliliter ,Mia san mia’ – so funktioniert es nicht“: U-23-Coach Heiko Vogel.

München - Im Juniorenbereich des FC Bayern hat sich in den vergangenen Wochen viel getan. Seit David Alaba, der 2010 zu den Profis aufstieg, konnte sich kein Talent mehr in der ersten Mannschaft etablieren.

Das muss sich ändern – und Heiko Vogel hat nun die Aufsicht über die drei Teams, in denen es ernst wird mit der Rekrutierung für die Profis. Im Interview spricht Heiko Vogel über Bayerns Jugendarbeit, die Anatomie großer Teams, Millionen für Paul Pogba, Spielkonsolen und Dürrenmatts „Physiker“.

Heiko Vogel (39) erscheint – natürlich – in Trainingskleidung zum Gespräch. „Was, Sie haben einen Fotografen dabei – hätte ich das gewusst, hätte ich mich noch gekämmt“, sagt er. Und grinst. Klar: ein Scherz. Vogel ist als Mann der Tat in Trainingsklamotten am besten aufgehoben. Wobei er in neuer Funktion beim FC Bayern künftig auch öfter mal am Schreibtisch sitzt. Er wurde aufgewertet, ist nun Chef der U 23 sowie zusätzlich für die Koordination von U 19 und U 17 verantwortlich. Im Juniorenbereich soll sich viel tun. Was, sagt er im Interview.

Herr Vogel, hatten Sie dieses Jahr eigentlich eine Pause zwischen Saisonende und U-23-Auftakt?

Ja, die habe ich mir bewusst genommen, weil es ja immer gut ist, gerade Vorgänge, die intensiv sind, mit einem gewissen Abstand zu bewerten. Ich bin jetzt vollaufgetankt zurück.

Was ergab denn die Analyse mit Abstand?

Die entscheidende Analyse habe ich nicht allein gemacht. Es gab da viele Gespräche mit Uli Hoeneß, Matthias Sammer, alle an einem Tisch. Es ist ganz klar, dass wir dem Nachwuchs beim FC Bayern wieder neue Impulse geben wollen. Daran arbeiten wir auf Hochtouren.

Wie sollen diese Impulse denn konkret aussehen?

Wenn ich hier jetzt konkret ins Detail gehe, säßen wir noch Übermorgen hier. Aber es ist klar, dass wir uns wünschen, wieder mehr Talente für die Profimannschaft zu rekrutieren. Das ist eine große Aufgabe, sie beginnt früh bei der Selektion der Spieler und erfordert viel Knowhow, um die selektierten Spieler dann an die Profis heranzuführen. Der Prozess dauert Jahre, man kann das nicht oft genug betonen, weil im Umfeld da doch oft die Geduld fehlt. Für erstklassige Ausbildung ist Zeit unabdingbar. Intern wissen wir das.

Intern gab es aber auch viele Umstrukturierungen: Die Trainerposten der U 17, U 19 und U 23 wurden neu besetzt, Sie sind nun nicht nur Chef der U 23, sondern auch für die Entwicklung aller drei Teams verantwortlich. Wie läuft Ihr Tag jetzt?

Jetzt wieder schöner als in den letzten Wochen, weil wir in der U 23 die Vorbereitung gestartet haben und ich es genieße, auf dem Platz zu stehen. Die Arbeit mit meiner Mannschaft ist das Highlight des Tages. Darüberhinaus führe ich viele Gespräche: Sichtung von Talenten, Konzepte, Trainingssteuerung, Kommunikation. Ich sage nicht, dass wir die Sichtung intensivieren müssen – aber dass Spieler, die bei einer Sichtung entdeckt wurden, wieder öfter den Sprung zu den Profis schaffen müssen. Das ist sehr schwer. Denn der Anspruch des FC Bayern ist nicht verhandelbar. Er lautet ganz einfach: Weltklasse. Das hört sich dramatisch für Nachwuchsarbeit an – aber es ist der Anspruch, den auch wir erfüllen müssen.

"Kein Einzelner hier ist größer als der Verein."

Es klingt aber tatsächlich dramatisch: Weltklasse – schwerer geht es nicht . . .

Das stimmt. Schwerer geht es nicht. Aber wir sind nicht für leichte Aufgaben bei Bayern.

Noch einmal zurück zu Ihrem Tagesablauf – auch Ihr Tag hat nur 24 Stunden.

Die reichen aus, die reichen aus. Ich bin jetzt zwar federführend für drei Teams zuständig, aber es hört sich gewaltiger an, als es ist. Wir haben ja unsere Trainer, dazu begleitet Michael Tarnat den Juniorenbereich mit wachen Augen. Ich sehe mich als sportlicher Leiter nicht als Bewacher oder Observierer, sondern als ein Ansprechpartner, der die Zahnräder zusammenzuführen versucht. Am ganz großen Zahnrad dreht Pep Guardiola mit seiner Philosophie, hinter der wir alle stehen. Ein weiteres ist etwa unser „Mia san mia“, das ein Leitmotiv ist, das wir unseren Talenten permanent vorleben sollten. Kein Einzelner hier ist größer als der Verein.

„Vogelperspektive“ ist ab sofort doppeldeutig.

(lacht) Zumindest eine schöne Metapher, stimmt.

Ist der Ton im Frühjahr rauer gewesen, hat es beim Umbau auch mal gekracht?

Nein, es lief alles sachlich ab. Wir haben ja nicht aus einer negativen Haltung heraus diese ganzen Veränderungen angestrebt, sondern es herrscht hier eine große Aufbruchstimmung.

Abteilungsleiter Wolfgang Dremmler platzt der Kragen, wenn Leute sagen, Bayerns Juniorenarbeit habe seit Jahren nichts mehr hervorgebracht. Wie reagieren Sie auf diesen Vorwurf?

Jeder darf seine Meinung haben, und ich muss nicht mit jeder konform gehen. Es ist eigentlich schön, wenn außen so hohe Ansprüche bestehen. Das bedeutet ja, dass man Maßstäbe gesetzt hat. Denen müssen wir uns stellen, aber es ist nun einmal für ein Talent immens schwer geworden, bei unseren Profis Fuß zu fassen. Ohne despektierlich zu sein – bei anderen Klubs kriegt ein 17-Jähriger eher eine Chance als bei uns, wo wie im letzten Sommer mal nebenbei ein Weltstar wie Xabi Alonso nachverpflichtet wird. Links spielt ein Ribery, rechts ein Robben – es ist schwer.

"Schalke, Wolfsburg, Hoffenheim, Leipzig – alle machen gute Arbeit."

Ist es schwerer denn je, Talente zu etablieren?

Schwerer als noch vor einigen Jahren, sicher. „Denn je“ hört sich zu ultimativ an. Die Zeiten haben sich generell geändert, dazu gehört auch, dass man in der deutschen Nachwuchsarbeit näher zusammengerückt ist. Schalke, Wolfsburg, Hoffenheim, Leipzig – alle machen gute Arbeit. Zuletzt hat Karlsruhe eine tolle Entwicklung genommen. Die deutsche Nachwuchsarbeit ist insgesamt herausragend, und wenn es heißt, der FC Bayern hinke hinterher, nehme ich das gerne als Ansporn. Mein Streben ist, dass wir die Spitze sein müssen.

Dann mal eine provokante Frage: Wann liefern Sie Pep Guardiola denn den nächsten David Alaba?

Da muss man erst einmal das Talent von Alaba herausheben – einen zweiten Alaba wird es nie geben. Ich weiß das, ich habe ihn damals bei Austria Wien als einer der Ersten erlebt. Wir reden jetzt über herausragende Talente – die gibt es nicht wie Sand am Meer, das müssen die Leute mal begreifen. Deshalb ist die Frage tatsächlich provokant, etwas unfair – ein Talent wie Alaba zu finden, ist sehr schwer. Also werde ich mich nie festlegen, wie lange es dauert, so ein Kaliber auszubilden.

Dem FC Bayern helfen eigentlich nur Stars wirklich weiter. Die Preise für Top-Profis werden aber immer irrwitziger. Eigene Talente heranzuführen, ist wichtiger als jemals zuvor . . .

Was habe ich erst in dieser Woche gelesen über Paul Pogba? Manchester City soll 114 Millionen Euro bieten . . .

 . . . ist er das wert?

Schwer zu sagen. Pogba ist ein herausragendes Talent, keine Frage, und er wird noch besser. Aber sollte er 114 Millionen wert sein – wo liegt dann der Wert von Lionel Messi, Neymar, Arjen Robben und Franck Ribery? Wissen Sie, was hier zu oft übersehen wird?

Was denn, bitte?

Dass Nachwuchsspieler, die bei einem großen Verein bereits in jungen Jahren dazugestoßen sind und dann bei den Profis in Führungspositionen wachsen, unbezahlbar sind. Oder zumindest kostengünstiger. Da könnte ManCity einen Pogba für 114 Millionen kaufen – Profis, die Identität und Niveau in sich vereinen, waren in der Regel schon immer ein Garant für Erfolge. Sie sind nicht nur für die Wirkung nach außen und für die Fans wichtig. Sondern auch wegen ihrer Wirkung innerhalb des Teams.

Ist so eine Nibelungentreue als Gütesiegel denn wirklich noch zeitgemäß?

War es immer, wird es immer sein. Schauen Sie die Anatomie großer Mannschaften an – meistens steckt dahinter ein Kern, der es aus eigenen Reihen geschafft hat. Der FC Barcelona ist ein Paradebeispiel, und wir müssen uns mit unseren vielen Weltmeistern auch nicht verstecken. Manchester United 1999 mit Ryan Giggs, David Beckham und Paul Scholes war so ein Team, auch der AC Mailand mit Franco Baresi, Paolo Maldini gehört in diese Liste, die sich fortsetzen ließe, die ganze Geschichte des Fußballs hindurch. Es ist eklatant, dass dieses Modell doch sehr oft belohnt wurde. Du hast damit Vorteile gegenüber sogenannten Söldnerteams.

Hier finden Sie Teil zwei des großen Interviews mit Heiko Vogel.

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