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Ehemaliger Bayern-Mitarbeiter packt über Lewandowski-Zukunft aus: „Mein Bauch sagt mir ...“

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Von: Philipp Kessler

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Robert Lewandowski
Der zweimalige Weltfußballer Robert Lewandowski wechselte 2014 vom BVB zum FC Bayern. © Tobias Hase/dpa

Auslaufende Verträge von Topstars sind gerade das große Thema beim FC Bayern. Ex-Kaderplaner Michael Reschke erklärt im Interview, was es mit der Münchner Personalpolitik auf sich hat.

München - Vertragsverlängerungen beim FC Bayern: Über kein Thema wird gerade häufiger diskutiert als über die 2023 auslaufenden Arbeitspapiere von Manuel Neuer (35), Thomas Müller (32) und Robert Lewandowski (32). Der Mann, der die Situation aufgrund seiner Vergangenheit als Technischer Direktor beim deutschen Rekordmeister bestens einschätzen kann: Michael ­Reschke (64), aktuell Head of Europe bei der mächtigen Berater-Agentur ICM Stellar. Das tz-Interview.

Herr Reschke, der Druck auf den FC Bayern, so schnell wie möglich mit den drei Super-Routiniers Manuel Neuer, Thomas Müller und Robert Lewandowski zu verlängern, wächst. Wie sehen Sie die Lage?

Reschke: Die mediale Betrachtung darf und wird keine Rolle spielen, auch wenn es manchmal nervt. Es geht um seriöses, planerisch durchdachtes Handeln, denn als Klubführung ist man für das Gesamtgebilde verantwortlich. Sportliche Zielsetzungen müssen mit den wirtschaftlichen Möglichkeiten optimal harmonieren. Gleich mit drei solchen Identifikationsfiguren im Vertragsring zu stehen, ist natürlich herausfordernd und unglaublich schwierig zu lösen. Wobei jede Personalie einen Einzelfall darstellt, bei dem persönliche Ambitionen und Denkweisen der Spieler natürlich eine ganz entscheidende Rolle spielen.

Es wirkt so, als sei die Lewandows­ki-Zukunftsfrage die komplexeste.

Reschke: Die Situation bei Neuer und Müller wirkt auf jeden Fall klarer. Beide Spieler haben eine Geschichte, eine Legende mit dem FC Bayern geschaffen. Sie sind sehr tief verwurzelt. Es wird Zukunftsgespräche geben, die auf einer sehr partnerschaftlichen Ebene ablaufen. Der FCB wird Angebote unterbreiten, die einerseits der sportlichen Bedeutung von Manu und Thomas gerecht werden und sich gleichzeitig in einem wirtschaftlich korrekten und für den Klub umsetzbaren Rahmen bewegen. Ich glaube nicht, dass es da am Ende des Tages um die letzte Million Euro Gehalt gehen wird. Bei beiden Spielern kann aber auch ein Schweinsteiger-Moment auftauchen. Basti hat sich vor seinem Wechsel zu Manchester United auch gesagt: Ich habe mit dem FC Bayern alles erreicht und München ist meine Heimat, aber mich reizt das Außergewöhnliche. Neuer und Müller werden gewiss vergleichbare Alternativen besitzen, weil sie ebenso herausragende Akteure sind. Spannend.

Michael Reschke über Lewandowski: „Nach wie vor der beste Stürmer der Welt“

Und Lewandowski?

Reschke: Robert ist nach wie vor der beste Stürmer der Welt. Ein Jahrhundertspieler. Selbst die Altersfrage spielt nur eine Teilrolle und ist nicht entscheidend bei ihm. Er ist total auf Leistung und körperliche Fitness fokussiert und wird noch einige Jahre auf diesem unglaublich hohen Niveau agieren. Aber wie er seine Zukunft sieht, ist die Kardinalfrage, die nur Robert selbst beantworten kann: Was will er in seiner Karriere noch erreichen? Will er in München bleiben und sein Denkmal dort weiter vergrößern? Oder will er noch mal woanders Geschichte schreiben? Im Moment hat man den Eindruck, dass er sich zumindest vorstellen kann, eine neue Herausforderung anzugreifen. Ich maße mir aber nicht an, in seinen Kopf hineinschauen zu können.

Manchester United soll an Lewandowski dran sein, auch der FC Barcelona oder Paris haben Interesse.

Reschke: Egal, was er macht, er wird jedem Klub Erfolg garantieren. Er ist eine Lichtgestalt. Wenn er plant zu wechseln, werden sich alle anderen internationalen Topklubs mit ihm beschäftigen.

Michael Reschke
Michael Reschke, der frühere Technische Direktor des FC Bayern München. © Sebastian Gollnow/dpa

Besonders soll es der Goalgetter auf einen wieder erstarkten europäischen Topklub abgesehen haben: FC Barcelona.

FC Bayern: Julian Nagelsmann will Lewandowski halten

Neben den Bayern-Bossen hat auch Trainer Julian Nagelsmann zuletzt betont, dass er Lewandowski halten möchte.

Reschke: Das ist doch völlig klar. Aber eine Entscheidung von einer solchen wirtschaftlichen Tragweite ist so komplex, die wird – bei allem Respekt – nicht vom Willen Nagelsmanns abhängig gemacht werden. Da geht es um kaltes, nüchternes Abwägen. Die Verantwortlichen sind gefordert, im Interesse des Klubs zu entscheiden. Vorstands-Boss Oliver Kahn, Sportvorstand Hasan Salihamidzic und Finanz-Vorstand Jan-Christian Dreesen werden am Ende des Tages die finale Entscheidung treffen müssen. Und vermutlich wird auch der Aufsichtsrat um Herbert Hainer und Uli Hoeneß eine wichtige Rolle spielen.

Wie kann man sich so einen Prozess vorstellen?

Reschke: Der gesamte Abwägungsprozess ist brutal. Ohne absolutes Insiderwissen bin ich überzeugt, dass der FC Bayern alles versuchen wird, um Robert zu behalten. Ein Lewandowski-Transfer wäre zwar wirtschaftlich sehr lukrativ, durch die Gehaltsersparnis und eine hohe Transfereinnahme. Andererseits verliert man seinen wichtigsten Spieler. Eine unglaublich komplexe Situation. Möglich, dass zwischen einem Top-Gehaltsangebot des FC Bayern und den besten wirtschaftlichen Angeboten anderer Klubs ein jährliches Delta sogar im zweistelligen Millionen-Bereich liegt. Sollte es schlussendlich bei Lewy primär um die Finanzen gehen, wird eine Vertragsverlängerung für Bayern kaum lösbar sein. Sie müssten dann vermutlich mit unglaublichen Schmerzen feststellen: Unsere Grenzen sind gesprengt, denn wenn man jeden Preis mitgeht, ist dies nicht nur wirtschaftlich grenzwertig, sondern auch in Sachen Kaderhygiene intern kaum vermittelbar.

Mit welchem Ausgang der Lewandowski-Saga rechnen Sie?

Reschke: Mein Bauch sagt mir, dass die Münchner ihn im Sommer nicht verkaufen werden und sogar bereit sind, das ablösefreie Vertragsende 2023 in Kauf zu nehmen. Sollte Lewy aber unbedingt wechseln wollen und ein interessierter Klub eine sehr hohe Ablösesumme anbieten, könnte es ein Umdenken beim FCB geben und zwar für den Fall, dass man für den Lewandowski-Ertrag – ein paar Millionen rauf oder runter – Haaland verpflichten könnte.

FC Bayern: Michael Reschke zollt „dem Klub größten Respekt“

Der Dortmunder Stürmer wäre im Sommer für eine feste Ablöse von 75 Millionen Euro zu haben.

Reschke: So einfach ist es aber nicht. Der Faktor Zeit ist extrem kompliziert: Wann entscheidet sich Lewan­dows­ki? Vielleicht kommt irgendwann ein Wahnsinns-Angebot, das ihn reizt, aber womöglich hat Haaland zu eben diesem Zeitpunkt schon woanders unterschrieben und Bayern hat keine Chance, einen sportlich sinnvollen Lewandowski-Nachfolger zu verpflichten. Was dann? Hoch komplex. Fakt ist: Für Bayern ist ein Einsteigen in den Haaland-Poker für diesen Sommer wirtschaftlich nur realisierbar und sportlich sinnvoll, wenn Lewandowski, der immer noch einen Tacken besser ist als Haaland, verkauft wird. Beide zusammen passt nicht und ist auch finanziell für den FCB nicht lösbar.

Was glauben Sie: Wofür entscheidet sich Haaland?

Reschke: England wäre der aktuell realistischste Schritt für ihn. Die Wahrscheinlichkeit, dass er wechselt, ist anscheinend groß. Aber es kann für ihn durchaus Sinn machen, noch ein Jahr in Dortmund zu bleiben. Der BVB ist ein toller Klub und eventuell gibt es für Haaland 2023 noch bessere Alternativen als aktuell. Er ist in einer super komfortablen Situation, hat alle Karten in der Hand.

Lewandowski oder Haaland: Haben Sie sich Gedanken gemacht, wie Sie als Bayern-Verantwortlicher entscheiden würden?

Reschke: Mein persönlicher Wunsch wäre, dass neben Neuer und Müller auch Lewandowski in München bleibt. Drei fantastische Spieler und Identifikationsfiguren. Ich bin dem FCB immer noch mit sehr viel Sympathie verbunden und zolle dem Klub größten Respekt. Sportlich und wirtschaftlich arbeiten die Bayern seit Jahren außergewöhnlich kompetent, sachlich und extrem erfolgreich. Im Zehnjahres-Ranking der UEFA belegt der FCB hinter Real Madrid Platz zwei, ohne dass man im Investmentbereich zu den Top 6 in Europa zählt und noch beachtlicher, ohne Schuldenberge angehäuft zu haben, sondern im Gegenteil das Vereinskapital sogar vermehrt hat. Hut ab! Ein fantastische Leistung aller Verantwortlichen.

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