tz-Interview

Lemke fordert: Mehr Widerspruch gegenüber dem FC Bayern

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Ein Mann der klaren Worte: Willi Lemke.

München - Willi Lemke war jahrelang Manager des SV Werder Bremen und fiel mit markigen Sprüchen in Richtung FC Bayern auf. Der heutige Aufsichtsrat wünscht sich von der Bundesliga etwas mehr Widerspruch gegenüber dem überragenden Rekordmeister.

Als Manager des FC Bayern bzw. von Werder Bremen haben sich Uli Hoeneß und Willi Lemke viele Jahre lang heftige Verbalduelle geliefert. Inzwischen sind beide aus dem Tagesgeschäft ihrer Vereine verschwunden. Doch neben seiner Rolle als UN-Sonderberater für Sport im Dienste von Frieden und Entwicklung sitzt Lemke nach wie vor im Aufsichtsrat des SV Werder. In der tz spricht der 68-Jährige über die Entwicklung der Liga und fehlenden Widerstand gegenüber den übermächtigen Bayern.

Herr Lemke, gegen Wolfsburg hat Werder zuletzt 3:5 verloren, aber eine großartige Leistung gezeigt. Dürfte man so auch gegen den FCB verlieren?

Lemke: Ich werde jetzt sicher nicht sagen, dass wir gerne gegen die Bayern verlieren. Unser Ziel ist es, unseren Zuschauern ein tolles Spiel zu liefern. So wie gegen Wolfsburg. Da waren wir am Ende traurig, weil wir verloren haben. Aber unsere Fans haben das Stadion trotzdem nicht frustriert verlassen, weil sie ein grandioses Fußballspiel gesehen haben.

Heute kapitulieren viele Vereine schon vor dem Spiel, bedanken sich für Niederlagen. Ist die Bundesliga zu brav?

Lemke: Zu brav würde ich nicht unbedingt sagen. Der Klassenunterschied zwischen dem FC Bayern und den anderen Teams der Bundesliga führt eben dazu, dass viele Mannschaften chancenlos sind. Aber die Liga lebt von ihrer Spannung. Nur leider sehe ich weit und breit keine Mannschaft, die dem FCB in den nächsten Jahren in Deutschland Paroli bieten kann. Gegen diese wirtschaftlichen Voraussetzungen kann kein anderer Verein ankämpfen. Das soll aber kein Jammern sein, die Münchner haben sich ihren Erfolg selbst erarbeitet.

Wieviel Schuld trägt die Konkurrenz bei der Entwicklung?

Lemke: Die Einstellung und das Auftreten gegenüber dem FC Bayern hat sich total verändert. Heute ist man mit einem Punkt schon zufrieden, das war früher noch anders. Fast alle Mannschaften stehen nur noch vor dem eigenen Strafraum, egal ob im Heim- oder Auswärtsspiel. Für den Zuschauer ist es doch furchtbar, wenn sich sein Team im eigenen Stadion einmauert.

Auch neben dem Platz gab es schon mal mehr Gegenwehr. Sie haben sich nie den Mund verbieten lassen, liegen seit Jahrzehnten mit Uli Hoeneß im Streit. Zuletzt haben Sie ihm die Hand gereicht. Hat er sie angenommen?

Lemke: Zu diesem Zeitpunkt möchte ich auf diese Frage nicht antworten – und bitte dabei um Verständnis.

Trotzdem waren Sie jemand, der den Bayern immer die Stirn geboten hat. Das macht heute kaum noch jemand. Fehlt eine gesunde Rivalität?

In den 80ern stießen Lemke und Hoeneß mal miteinander an – bald vielleicht wieder?

Lemke: Sie meinen mein besonderes Verhältnis zum FC Bayern. Da sprechen mich heute immer noch viele Leute drauf an. Und ich kann diejenigen, die etwas mehr Gegenwehr in Richtung München fordern, durchaus verstehen. Aber mittlerweile ist der Erfolg der Bayern bei allen so unglaublich anerkannt, dass kaum jemand noch etwas gegen sie sagt. Wenn ich mir die Spieler, Manager oder Sportdirektoren in der Bundesliga angucke, fast alle träumen sie doch von einem Vertrag beim FC Bayern. Gucken Sie sich Claudio Pizarro an. Einer der zehn genialsten Fußballer, die wir je in Bremen hatten. Bei uns war er der absolute Held, ein Superstar. Aber trotzdem geht er nach München, auch wenn er da nur Ersatzspieler ist und nur selten zum Einsatz kommt. Bei den finanziellen Möglichkeiten können wir nun mal nicht mithalten. Ein bisschen mehr Widerspruch würde trotzdem nicht schaden. Ich würde mich darüber freuen. Es muss ja nicht gleich so heftig ausarten wie bei Uli Hoeneß und mir.

Karl-Heinz Rummenigge hat zuletzt gesagt, der FC Bayern sei sympathisch wie nie. Hat er Recht?

Lemke: Ich glaube schon. Die Bayern haben sich viel Respekt erarbeitet, das muss man zugeben. Und viele ihrer Spieler sind Weltmeister geworden, das honorieren die Zuschauer. Und nicht zuletzt spielen sie nun mal einen großartigen Fußball.

Ein Verein, der weniger Sympathien hat, ist RB Leipzig. In Karlsruhe wurde sogar das Mannschaftshotel gestürmt. Das kann nicht im Sinne des Sports sein…

Lemke: Solche Vorkommnisse verurteile ich absolut. Es muss respektiert werden, dass es verschiedene Formen von Investoren gibt. Egal, ob es Mäzene oder Sponsoren sind. Wenn es unsere Strukturen ermöglichen, Großinvestoren in den Sport zu bekommen, kann es nur förderlich sein, um einer Großmacht wie dem FC Bayern Paroli zu bieten. Ich finde nichts Schlimmes dabei, wenn ein Investor kommt und sich engagieren möchte. Wenn er sein Geld marketingwirksam so anlegen möchte, warum nicht? In Bremen meckern wir auch nicht darüber, dass der VfL Wolfsburg ganz andere Möglichkeiten hat als wir. Im Gegenteil: Ich finde es klasse, dass VW so viel Geld für sein Marketing in der Bundesliga ausgibt. Und genau aus dem Grund habe ich auch nichts dagegen, wenn RB Leipzig sich weiter verstärkt und seine finanziellen Mittel einsetzt.

Das werden einige Fans bestimmt nicht so gerne hören.

Die neue Hoeneß-Lemke-Generation? Sammer (l.) und Eichin lieferten sich ein Verbalduell. Schon als Spieler duellierten sie sich.

Lemke: Dass die Traditionalisten das nicht gut finden, weiß ich. Aber ich vertrete da eine andere Position. Wirtschaftlich funktioniert der Fußball heutzutage hochprofessionell. Und seien wir doch mal ehrlich: Die Spieler gehen nicht dahin, wo das schönste Rathaus steht, oder das tollste Stadion. Sie gehen dahin, wo sie das meiste Geld verdienen können. Fakt ist, dass es Statuten in der Bundesliga gibt. Solange die eingehalten werden, freue ich mich über Mäzene oder Sponsoren, die ihr Geld einsetzen, um die Liga attraktiver zu machen.

Muss die Liga Ihrer Meinung nach dann irgendwann doch ernsthaft über die Abschaffung der 50+1-Regel nachdenken?

Lemke: Das Thema betrifft mich ja nicht unmittelbar. Deswegen möchte ich da keine Diskussion befeuern. Ich kann nur sagen: Solange sich Personen mit ihrem privaten oder Firmenkapital engagieren, sich satzungsgemäß korrekt verhalten und den Sport im Vordergrund lassen, finde ich das in Ordnung. In München zahlt die Allianz auch Millionen Euro, damit der FC Bayern vernünftig spielt. Da meckert auch keiner, da sind es strategische Partnerschaften. Aber es ist nichts anderes als gezieltes, gutes Sponsoring. Ich wünsche mir weitere Großinvestoren in der Bundesliga. Und wenn eines Tages ein großer Sponsor bei uns vor der Tür steht und sagt, dass er gerne in den sympathischen Traditionsklub Werder Bremen richtig investieren will, würde ich sagen: Herzlich willkommen.

Interview: Sven Westerschulze

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