Bayerns Frauen-Coach im Interview

Wörle: "Höher, schneller, weiter – ich bin kein Freund davon"

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Seit der Meisterschaft sind die Ansprüche der Fans an Thomas Wörle und seine Spielerinnen gestiegen.

FC Bayern München (Frauen) - Trainer Thomas Wörle spricht im Merkur-Interview über gestiegene Erwartungen an die Bayern-Frauen, Roger Federer, familiäre Gefühle und Abwerbungsversuche.

Das Frauen-Team des FC Bayern ist seit eineinhalb Jahren in der Bundesliga unbesiegt, schaltete zuletzt den Champions League-Sieger 1. FFC Frankfurt im Pokal aus. Besser geht es nicht – abgesehen vom Erstrundenaus in der Königsklasse. Im Interview spricht Trainer Thomas Wörle (33) über den Spagat zwischen gestiegener Erwartung und Bodenhaftung.

Herr Wörle, wie lautet Ihr erstes Zwischenfazit der aktuellen Saison?

Zweigeteilt, aber insgesamt positiv. In der Bundesliga sind wir ungeschlagen Erster, im Pokal im Viertelfinale. Dass wir in der ersten Runde der Champions League die Segel streichen mussten, tat aber weh. Da waren wir in beiden Spielen die Besseren. Wir hatten genügend Torchancen, waren nur nicht abgezockt genug. Enschede war das schwerste Los. Aber so schmerzliche Erfahrungen sind Teil eines Reifeprozesses. Sie sind sehr hilfreich, wenn man bereit ist dazuzulernen. Und genau das ist mein Team. Schon am Tag nach dem Aus haben die Spielerinnen gemeinsam überlegt, wie wir das nutzen, um noch zu wachsen.

Managerin Karin Danner sagt, man war zu brav.

In erster Linie haben wir zwei richtig gute, dominante Spiele abgeliefert. „Brav“ ist vielleicht das falsche Wort. Wir müssen in manchen Situationen cleverer und zudem abgezockter vor dem Tor werden. Wir versuchen grundsätzlich, clever und vorausschauend zu verteidigen, um Fouls in der eigenen Hälfte zu vermeiden und nicht durch Standards unnötig unter Druck zu geraten. Wir waren letztes Jahr nicht umsonst die fairste Mannschaft der Liga. Twente hat robust, eklig, abgezockt und hier und da grenzwertig hart verteidigt. Bei aller internationalen Härte muss ein Schiedsrichtergespann sowas erkennen. Aber nicht falsch verstehen: Wir sind nicht wegen den Schiedsrichtern ausgeschieden. Sondern weil wir nicht effizient genug waren.

Viele sagen, es habe vor allem an Erfahrung gefehlt. Wird das künftig bei Transfers eine größere Rolle spielen? Bisher ging der FC Bayern den Weg, entwicklungsfähige Talente zu holen.

Bisher konnten wir nicht die gestandenen, international erfahrenen Topspielerinnen holen, da es auch eine Frage des Geldes ist. Melanie Behringer war im letzten Jahr die Ausnahme. Heuer kam Vero Boquete dazu. Der Name FC Bayern ist mittlerweile eine Marke, auch im Frauenfußball. Aber Persönlichkeiten, die zu uns passen und weiterhelfen, gibt es nicht wie Sand am Meer. Generell wollen wir unseren nachhaltigen Weg kontinuierlich weitergehen. Dazu gehört auch, talentierten, jungen Spielerinnen wie Melanie Leupolz, Leonie Maier, Lena Lotzen, Sara Däbritz oder Vivianne Miedema Zeit zu geben, um zu Persönlichkeiten zu reifen.

Können Sie verstehen, wenn Fans meckern, weil der FC Bayern schon in der ersten Runde rausfliegt?

Ich kann die Enttäuschung nachvollziehen, denn so erging es uns allen. Wir wollten unbedingt weiterkommen und mehr Erfahrung auf internationaler Bühne sammeln. Aber generell würde ich alle Menschen im Umfeld um eine bodenständige und realistische Einordnung bitten. Wir sind alle sehr stolz darauf, ein Teil des großen Vereins FC Bayern zu sein. Das bedeutet aber nicht, dass wir mit unseren seit Jahrzehnten super erfolgreichen Männern gleichgesetzt werden können. Ebenso wenig können wir mit den seit Jahren national wie international erfolgreichen Frauenfußballklubs aus Frankfurt, Potsdam und Wolfsburg verglichen werden. Frankfurt etwa hat 20 Titel in allen drei Wettbewerben geholt. Wir dagegen haben 2012 überraschend den Pokal und letzte Saison sensationell die Meisterschaft gewonnen. Das ist alles! Ich will damit sagen: Unsere kleine Erfolgsgeschichte ist sehr jung. In den Jahren vor der letzten Saison wurden wir ja weder Erster, Zweiter noch Dritter.

Vor einem Jahr sagten Sie, das „Mia san mia“ müssen man sich erst erarbeiten. Wie weit sind Sie?

Weiß ich nicht. Um eine solche Mentalität zu entwickeln, benötigt man Erfolge. Die Meisterschaft war nach dem Pokalsieg nun ein zweiter Schritt.

Hilft da diese erste Kritik, dieses neue Anspruchsdenken sogar in der Entwicklung? Es sind ja auch die Geister, die man rief...

Das sehe ich nicht so, dass wir sie gerufen haben.

Die Ansprüche sind aber nunmal gestiegen...

Die Erwartungen, ja. So funktioniert das Leben, der Sport, ich weiß. Höher, schneller, weiter! Ich bin kein Freund davon. Wir hatten und haben als Sportler ein hohes Anspruchsdenken an uns. Das ist unsere Triebfeder, aber ich orientiere mich lieber an Inhalten. Also haben wir keine Geister gerufen, sondern nur eine überraschend starke Saison gespielt. Wir gehen unseren Weg konsequent, aber auch bescheiden und bodenständig weiter.

Fühlen Sie sich da ab und zu wie der einsame Rufer in der Wüste?

Vielleicht. Fußball ist nicht nur schwarz-weiß. Auch im Meisterjahr war bei uns nicht alles top. Wenn man gewinnt, war deswegen noch lange nicht alles gut, genauso wenig ist alles schlecht, wenn man mal verliert. Fußball ist mehr als nur das Ergebnis. Mir ist klar, dass ich damit in der Öffentlichkeit keine offenen Türen einrenne.

Wie steht es denn generell um die Wertschätzung im eigenen Verein?

Sie war immer da und ist sicher nochmals gestiegen. Bei unserem Meisterspiel war etwa Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge im Stadion, wir waren auch zu seinem 60. Geburtstag eingeladen. Da durfte ich auch kurz mit Pep Guardiola sprechen. Er hat sich nach unserem verletzten spanischen Neuzugang Vero Boquete erkundigt.

Duzen oder siezen Sie beide sich eigentlich?

Also, ich sieze Pep Guardiola. Ganz klar.

Was haben Sie Guardiola denn so alles erzählt?

Karin Danner und ich haben ihn zur Champions League Spiel eingeladen. Uli Hoeneß war diese Saison schon bei uns im Stadion, in der Champions League war Javi Martinez, im Pokal zuletzt Rafinha da – das hätte es vor ein, zwei Jahren nicht gegeben. Sie sind im Verein wirklich alle sehr gut informiert über unsere Spiele.

Die Meisterfeier am Rathaus in Lederhosen und Dirndln ging um die Welt.

Ja, das war ein Ehre, hautnah die Familie FC Bayern erleben zu dürfen. Die Mädels merken, dass das Interesse steigt, und das motiviert sie zusätzlich. Man fühlt sich immer mehr als Teil dieses großen Klubs.

Erfolg schürt Druck, gerade beim FC Bayern. Ist Ihre Arbeit härter geworden?

Nein. Der Anspruch an uns selbst, gut zu sein und besser zu werden, war ja stets da.

Ist Ihr Job schöner – oder stressiger denn je?

Beides (lacht). Aber ich sehe das nicht als Stress, sondern als Anreiz. Sich auf hohem Niveau immer neu zu beweisen, besser zu werden und gierig zu bleiben, das macht Sport aus. Ich habe großen Respekt vor unserer Männermannschaft, der das sehr gut gelingt. Auch ein Roger Federer imponiert mir, der seit so vielen Jahren im Tennis ganz vorne dabei ist.

Sie wollen eigentlich mal in den Männerbereich. Wie fest ist denn diese Ehe Bayern-Frauen & Wörle?

Ich fühle mich sehr wohl bei diesem großartigen Klub. Die professionelle, lernwillige und zielstrebige Art meiner Spielerinnen motiviert mich zudem. Ich spüre, dass ich mich in diesem Umfeld und in der Zusammenarbeit mit meinem Stab weiterentwickeln kann. Das ist mir wichtig. Ich hatte im Sommer eine interessante Anfrage, aber das war kein Thema. Ich bin hochmotiviert, die Entwicklung unseres Teams in den kommenden Jahren weiter mitgestalten zu dürfen.

Quelle: fussball-vorort.de

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