Er war mehr als ein Physiotherapeut

„Atze“ Gebhardt (†65): Ratgeber für Ballack und Wegweiser für Schweini

Atze Gebhardt (li.) war für Michael Ballack in seiner Zeit beim FC Bayern ein wichtiger Ansprechpartner und Ratgeber.
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Atze Gebhardt (li.) war für Michael Ballack in seiner Zeit beim FC Bayern ein wichtiger Ansprechpartner und Ratgeber.

Wolfgang „Atze“ Gebhardt (†65) war der Physio, dem die Bayern-Stars mehr als 20 Jahre vertraut haben. Die Beziehung reichte oft über die medizinische Betreuung hinaus.

München - Wie viele Weltkarrieren hat Wolfgang Gebhardt nachhaltig mitgeprägt oder beeinflusst? In fast 30 Jahren hat er die Kapitäne Lothar Matthäus, Klaus Augenthaler oder Michael Ballack zu 15 großen Triumphen geknetet. 

„Ohne Menschen wie Atze Gebhardt hätte der FC Bayern in seiner Geschichte vermutlich den einen oder anderen Titel weniger gewonnen“, würdigte Karl-Heinz Rummenigge das „Urgestein“ des Rekordmeisters. Von 1986 bis 2007 zählte er zur medizinischen Abteilung der Profis an der Säbener Straße. Mit dem Amtsantritt von Jürgen Klinsmann wechselte er für weitere acht Jahre in den Nachwuchsbereich.

FC Bayern: Atze Gebhardt war Spezialbetreuer für Bastian Schweinsteiger und Ratgeber für Michael Ballack

Gebhardt war viel mehr als nur Physiotherapeut. Als Bastian Schweinsteiger in jungen Jahren wegen einer nicht genehmigten nächtlichen „Familienführung“ an der Säbener Straße in die Schlagzeilen geriet und zum Rapport bei der Führungsetage antreten musste, war es Gebhardt, der von Uli Hoeneß und Co. mit der Betreuung des damals 18-Jährigen beauftragt wurde.

Für Michael Ballack war Gebhardt in seiner Zeit von 2002 bis 2006 an der Isar ein wichtiger Ratgeber und Ansprechpartner. „Wir hatten eine ganz enge Beziehung. Physiotherapeuten sind die engsten Vertrauten, weil man fast täglich auf der Massagebank liegt“, erinnert sich der 98-fache Nationalspieler. „Atze war prädestiniert für den Job, weil er die Spieler emotional mitbetreuen und sich viel anhören musste.“ Er sei ein „wichtiges Bindeglied zwischen Spieler und Trainer“ gewesen, denn „Fußballer sind wie ein Formel-1-Auto, das muss täglich eingestellt werden“.

FC Bayern: Atze Gebhardt war bis zum Schluss seinem Herzensverein verbunden

Mit der Mannschaft hat er ganz Europa bereist und war teilweise rund um die Uhr im Einsatz. „Die Arbeitszeiten waren fließend. Auch wenn nachts mal was war oder gezwickt hat“, sagt Ballack. Gemeinsam mit Kollege und Freund Fredi Binder machte sich der gefürchtete Linksfuß außerdem als Gründungsmitglied der Montagskicker verdient. „Am Anfang haben wir gegen Uli Hoeneß und Markus Hörwick gespielt, das war immer ein Highlight“, erinnert sich Binder.

2011, nach 25 Jahren beim FC Bayern, hatte Gebhardt seinen ersten Herzinfarkt, trotzdem hörte er erst 2015 auf. In seinen letzten Jahren erlebte er dann noch einmal ein großes Glück. Im Dezember 2015 heiratete er seine zweite Frau und Jugendliebe Regina, für die er bereits als 14-jähriger Bursche in Germering geschwärmt hatte. Im Kreise seiner drei Töchter, Stief- und Enkelkinder genoss er das Leben als Rentner – und Fan seines Herzensklubs. Die Jacken, T-Shirts oder Trainingsanzüge mit dem blau-weiß-roten Logo hat er bis zu seinem Tod in der Nacht von Sonntag auf Montag mit Stolz getragen. Leider hörte sein Herz dann auf zu schlagen. 

(JÖRG BULLINGER)

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