Er spielte bei Bayern und Leverkusen

„Für Havertz ist es die perfekte Bühne“ - Zé Roberto exklusiv über das Pokalfinale

Zé Roberto kickte für Leverkusen und Bayern München. Im Interview verrät er, wem er die Daumen drückt, wenn beide in Berlin aufeinandertreffen.

  • Am Samstag treffen Zé Robertos Ex-Klubs FC Bayern und Bayer Leverkusen im Pokalfinale (live im Ticker) aufeinander.
  • Der Brasilianer fiebert mit, auch wenn er eigentlich nach Berlin reisen wollte.
  • Im Interview verrät Zé, wem er die Daumen drückt, was ihm beide Clubs auch heute noch bedeuten und wie die aktuelle Lage in Brasilien ist.

München – Zé Roberto wollte diesen Samstag eigentlich in Berlin verbringen. Im Olympiastadion stehen sich dort die beiden Ex-Mannschaften des Brasilianers im Duell um den DFB-Pokal gegenüber, doch das Coronavirus zwingt den 45-Jährigen, sich das Finale zwischen den Münchnern (dort kickte er von 2002 bis 2006 sowie von 2007 bis 2009) und Leverkusenern (1998 bis 2002) in seiner Heimat auf der Couch anzusehen. Sei’s drum. Mitgefiebert wird trotzdem. Im Interview verrät Zé, wem er die Daumen drückt, was ihm beide Klubs auch heute noch bedeuten und wie die aktuelle Lage in Brasilien ist.

Zé Roberto, das Wichtigste vorab: Wie ist die Lage in Brasilien? Geht es Ihnen und Ihrer Familie gut?

Das Land ist in von einen Tag auf den anderen zum Stillstand gekommen. In einigen Regionen ist die Ausgangssperre vorbei und die Menschen beginnen langsam wieder mit ihrem Leben, diese Pandemie ist aber noch lange nicht vorbei.

„Brasilien macht dieser Tage eine schwere Phase durch“

Ihre Meinung zur brasilianischen Regierung und ihrem Krisenmanagement?

Brasilien macht dieser Tage eine schwere Phase durch. Und damit meine ich nicht nur das Virus, sondern auch unsere Wirtschaft und Politik. Anstatt eine gemeinsame Linie zu finden, will jeder Politiker seinen eigenen Weg gehen. Wenn der eine etwas sagt, kommt vom anderen das genaue Gegenteil. Gerade in Zeiten wie diesen sollten wir doch alle zusammenstehen, hier bei uns ist das jedoch leider nicht der Fall.

Nein?

Verstehen Sie mich nicht falsch: Politiker sind dafür bekannt, unterschiedliche Meinungen zu haben – die Bevölkerung braucht aber gerade jetzt jemanden, auf dessen Wort sie sich verlassen kann. Einer sagt, dass wir daheim bleiben sollen, andere Minister wiederum sind der Meinung, dass Brasilien wieder auf die Straße muss. Hier gibt es keine einheitliche Linie. Und das macht alles nur noch schwerer.

Zé Roberto ist auch mit 45 noch topfit.

Wie schwer wird es Ihnen fallen, am Samstag nicht im Berliner Olympiastadion beim Duell Ihrer zwei Ex-Clubs dabei zu sein?

Sehr schwer. Es wäre wundervoll gewesen, wenn ich im Stadion hätte dabei sein können, schließlich habe ich viele Jahre meines Lebens in Deutschland verbracht. Ich habe nach wie vor ein großartiges Verhältnis zu Bayer Leverkusen und Bayern München. Das Virus macht es mir unmöglich, nach Berlin zu fahren, aber ich werde es hier in Brasilien im Fernsehen verfolgen.

Bayern gegen Bayer: „Am Samstag wird sich mein Herz in zwei teilen“

Wem drücken Sie die Daumen?

Am Samstag wird sich mein Herz in zwei teilen. Was das Sportliche angeht, so denke ich schon, dass die Bayern einen Hauch besser sind als die Leverkusener. Sie haben erst kürzlich ihre achte Meisterschaft in Folge gewonnen, sind auch spielerisch einen Deut besser und reisen mit enormem Selbstvertrauen an. Und das ändert sich auch nicht, wenn der Trainer während einer Partie Wechsel vornehmen muss, denn die Mannschaft baut nie ab. Ich werde beide anfeuern, die Bayern werden es aber wohl machen.

Zé Roberto im Trikot von Bayer 04.

Dabei steht Kai Havertz vor seiner ersten großen Fußballnacht.

Und er hat auch das Potenzial, das hat er trotz seines jungen Alters bereits die komplette Saison unter Beweis gestellt. Dass halb Europa ein Auge auf Havertz geworfen hat, ist ja kein Zufall. Für ihn ist es am Samstag die perfekte Bühne, um der Welt zu zeigen, dass er den Unterschied ausmachen kann.

Darf Bayern über das Triple sprechen?

Aber natürlich. Würde die Champions League nächste Woche losgehen, wären die Bayern mindestens eine Stufe über dem Rest. Körperlich wie spielerisch kann dieser Mannschaft meiner Meinung nach aktuell keiner das Wasser reichen. Jetzt, wo die anderen Teams langsam in den Liga-Endspurt kommen, haben die Bayern Urlaub. Mal sehen, wie sich das auswirkt.

„Als Flick übernahm, sind beide wie ein Phönix aus der Asche auferstanden“

Was hat Hansi Flick besser gemacht als Niko Kovac?

Er hat verstanden, dass er einigen Spielern erst wieder neues Selbstvertrauen einimpfen musste. Thomas Müller ist hier das perfekte Beispiel: Unter Kovac war er demotiviert, schließlich hat er auch so gut wie nie gespielt. Dasselbe gilt für Jerome Boateng. Als Flick übernahm, sind beide wie ein Phönix aus der Asche auferstanden. Oft bringen einem Spieler solcher Qualität nichts, wenn du es als Trainer nicht verstehst, ihnen das nötige Selbstvertrauen zu vermitteln. Flick war das von der ersten Minute an bewusst. Verfügt der Trainer darüber hinaus noch über das taktische Verständnis, liefert die Mannschaft ab. So wie die Bayern unter Flick.

Philippe Coutinho hat leider nicht geliefert.

Es ist schon seltsam, aber seit er Liverpool verlassen hat, ist er nie wieder derselbe geworden. Bei der Nationalmannschaft hat er das ein oder andere gute Spiel absolviert, das Level von seiner Zeit in Liverpool hat er allerdings nicht noch einmal erreicht. Damals hat man ihm die Lust angemerkt, eines Tages ein ganz Großer werden zu wollen. Er wollte Protagonist sein, hat Tore erzielt und Assists geliefert wie am Fließband. Hiernach habe ich dieses Feuer in ihm nie wieder gesehen. Weder in Barcelona, noch bei Bayern. In meinen Augen ist er durchaus auf Augenhöhe mit Spielern wie Neymar oder Gabriel Jesus, die Säulen unserer Nationalelf. Er ist 28 Jahre alt und im besten Fußballeralter, um wieder an seine Zeit in Liverpool anzuknüpfen. Aber er sollte es bald tun.

Zé Roberto mit dem DFB-Pokal.

Im Gegensatz zu Coutinho ist Ihnen der Durchbruch in der Bundesliga gelungen.

Meine Zeit in Deutschland war entscheidend für meine Karriere, speziell Leverkusen. Der Klub hatte damals bereits ein sehr fortgeschrittenes Scouting-System, das es ihm erlaubte, sich auch in Brasilien die Rosinen unter den Spielern herauszupicken. Auch der Klub selbst war hervorragend aufgebaut. Kaum war ich angekommen, stellte mir Bayer Lehrer und Übersetzer zur Verfügung, damit meiner Integration ja nichts im Weg stand. Das alles hat mir geholfen, um mich auch auf dem Platz entwickeln zu können. In meinem letzten Vertragsjahr war ich auf dem Höhepunkt meiner Schaffenskraft angekommen. Das war die Saison 2001/2002. Wir zogen ins Pokalfinale ein und machten Dortmund die Meisterschaft bis zum Ende streitig. Es war ein Schlüsseljahr, sowohl für den Klub als auch für mich. Es ermöglichte mir den Schritt zu Bayern. Leverkusen bildete mich aus, Bayern gab mir darauf die Titel. Beide waren aber essenziell in meiner Karriere. (Interview: J. Carlos Menzel López)

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