Münchens größter Volltreffer feiert Zehnjähriges

Allianz Arena: tz zeigt den langen Weg zum Neubau

München - Happy Birthday, Allianz Arena! Schon seit zehn Jahren kicken Münchens große Vereine FC Bayern und 1860 in Fröttmaning. Dorthin war es aber ein langer Weg. Ein Rückblick.

Das Ziel funkelt in der Ferne. Das Kribbeln kommt schon beim Anstieg auf der Esplanade. Die Arena saugt alle ins Dunkel der Gänge. Und plötzlich: Stimmen, Farben, Weite – Gänsehaut! Der Weg in die Ränge der Allianz Arena lässt keinen kalt. Eine große Gefühlsmaschine, eine Fußball-Kathedrale, ein perfektes Stadion. Vor zehn Jahren wurde es eröffnet: Die tz bringt heute die politische Vorgeschichte und morgen die sportliche Bilanz. Kaum zu glauben, dass es die Arena gar nicht geben sollte!

Bei den Bayern-Heimspielen ist die Arena stets ausverkauft.

Über Jahre hatten Stadt und Freistaat eine Verhinderungsdebatte geführt: Kickt doch weiter im Olympiastadion! Noch heute hängen viele Fans an dieser alten Heimat, in deren ganz weiten Rund sich jede Stimmung in Luft auflöst – unter dem Zeltdach und erst recht daneben, weil es nur das halbe Stadion überspannt. Darum drohte der FC Bayern immer mit einem Neubau, auch außerhalb der Stadt. FC Bayern Poing! Kritik gab es, weil der Steuerzahler über 200 Millionen Euro für U-Bahn und Straßen beisteuerte. Letztlich war es Olystadion-Schöpfer Günter Behnisch, der mit seinem Nein zum Umbau den Weg zum Neubau frei machte.

Das Stadion ist nicht nur dem Namen nach eine Arena geworden: Immer ausverkauft, zweimal erweitert auf jetzt 75.000 Plätze, FCB-Finanzvorstand Jan-Christian Dreesen träumt von einem vierten über den bestehenden drei Rängen …

Die Arena wurde in nur zweieinhalb Jahren fertiggestellt.

Apropos Bayern: Der 340-Millionen-Euro-Bau begann als Gemeinschaftsprojekt von FCB und TSV 1860. Bis heute darf man sich fragen, was die Löwen und ihren Boss Karl-Heinz Wildmoser seinerzeit dazu trieb, bei einem Zuschauerschnitt von nichtmal 30 000, den Bayern die halben Kosten des Mega-Stadions abzunehmen. Den unrühmlichen Höhepunkt erlebte die Vorgeschichte mit der Verhaftung der Wildmosers – während der Vater nach drei Tagen frei kam, wurde der Sohn zu viereinhalb Jahren Knast verurteilt. Er hatte nach Überzeugung des Gerichts der Baufirma Alpine Tipps zur Ausschreibung gegeben – und 2,8 Millionen Euro Schmiergeld kassiert.

Heute haben die Löwen ihre Anteile an die Bayern verkauft. Überhaupt steht die Allianz Arena für den Aufstieg des FCB bis zum Triple – während die Löwen vor leeren Rängen der dritten Liga entgegentrudeln.

Allianz Arena: Zahlen und Fakten

Die Allianz Arena – ein Volltreffer. Hier die spannendsten Fakten zu unserem Stadion:

  • Kapazitat: 75.024 Plätze
  • Baukosten: 340 Millionen Euro
  • Neigungswinkel: 24 Grad im unteren Rang, über 30 Grad im mittleren und 34 Grad im oberen Rang
  • Entfernung zum Marienplatz: 9,8 Kilometer
  • Parkhaus: rund 11.000 Stellplätze (eines der größten in Europa)
  • Umfang der Arena: 840 Meter
  • Höhe: 50 Meter, Länge: 258 Meter, Breite: 227 Meter
  • Rasenfläche: knapp 8000 Quadratmeter
  • 54 Kartenschalter an fünf Eingängen
  • Das Dach besteht aus 2874 Luftkissen (Gesamtfläche: 64.000 Quadratmeter)

Allianz Arena: Die Jahre bis zur Entscheidung

  • 25. September 1997: Der Verwaltungsbeirat des FC Bayern München stimmt unter Vorsitz von Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) für den Bau eines Stadions – veranschlagt werden 500 Millionen Mark.
  • 1997 bis 1999: Zwei Jahre diskutiert ganz München durcheinander. Erst will der FCB einen Neubau in Riem. Die Stadt favorisiert einen Umbau des Olympiastadions. Dann einigen sich Stadt, FCB und Löwen doch auf einen Neubau in Riem, der wegen der Verkehrsanbindung scheitert.
  • 24. Januar 2000: Der erste Stadion-Gipfel bei Stoiber ergibt doch wieder einen Umbau des Olympiastadions.
  • 20. Juli 2000: Beim zweiten Stadion-Gipfel teilen sich Stadt und Freistaat die Umbau-Kosten.
  • 6. Dezember 2000: Paukenschlag! Das Architekturbüro Behnisch erklärt den Oly-Umbau unter dem Zeltdach für technisch unmöglich.
  • 2001: Standort-Suche für einen Neubau. Von 14 Stellen bleiben Fröttmaning, das Gelände des Zentralen Hochschulsports und der Süden des Olympiaparks übrig.
  • 11. Juli 2001: Der Stadtrat legt sich auf Fröttmaning fest.
  • 21. Oktober 2001: Beim Bürger­entscheid stimmen 66 Prozent der Münchner pro Neubau.
  • 8. Februar 2002: Auswahl des Entwurfs von Herzog/de Meuron.
  • 21. Oktober 2002: Grundsteinlegung.
  • 9. März 2004: Wildmoser senior und junior werden verhaftet – verurteilt wird nur der Sohn, weil er 2,8 Millionen Euro Schmiergeld kassiert hat.
  • 30. Mai 2005: Eröffnungsspiel der Löwen gegen 1. FC Nürnberg.

Der Streit um Um- und Neubau

Franz Beckenbauer, Monika Hohlmeier, Christian Ude und Karl-Heinz Wildmoser vor dem Modell der Allianz Arena (Archivbild vom 8. Februar 2002).

Der Bau ist eine einzige Geschichte aus Irrungen und Wirrungen – zwischen FCB und Löwen, Stadt und Freistaat, Denkmalschützern und Verwaltung, CSU und SPD, Befürwortern und Gegnern. OB Christian Ude (SPD) wettert noch im September 1997 gegen die „unerwünschte Konkurrenz“ eines Bayern-Stadions. Kultus-Staatssekretärin Monika Hohlmeier (CSU) wirft ihm ein „populistisches Volksschauspiel“ vor, wenn er mit einem Bürgerentscheid dagegen drohe. Wobei selbst Ministerpräsident Edmund Stoiber zunächst für einen Umbau des Olympiastadions plädiert, was ein Bürgerentscheid verhindern will. Franz Beckenbauer hält dagegen: Ein richtiges Fußballstadion gibt es nur, wenn vorher „das ganze Graffel weggesprengt“ wird. Karl-Heinz Wildmoser sagt später, wer gegen einen Neubau stimmt „versündigt sich an der nächsten Generation“.

Bilder: Das sind Münchens große Stadien

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Ex-Oberbürgermeister Ude: "Ein überwältigendes Stadion"

Herr Ude, wann waren Sie zuletzt in der Allianz Arena?

Christian Ude: Im vergangenen Jahr bei einem FC Bayern-Spiel: Es ist für mich ein überwältigendes Stadion.

Warum wollten Sie den Bau erst verhindern und das Olympiastadion umbauen?

Christian Ude: Am meisten wundere ich mich über die Geschichtsklitterung. Beide Vereine kamen mit dem Wunsch, das Olympiastadion weltmeisterschaftstauglich umzubauen. Aber dann schwenkte der FC Bayern auf einen Neubau um. Das stieß in der Politik auf Ablehnung, bis sich am 6. Dezember 2000 im Stadtrat herausstellte, dass der Umbau nicht gelingen könne. Am selben Tag haben Stoiber und ich uns verständigt, dass es keine Alternative zum Neubau gibt.

Wie hart waren die Gespräche hinter den Kulissen?

Christian Ude: Die waren nicht anders als davor, weil der FC Bayern erstmal alles öffentlich gesagt hat, bevor es der OB erfahren konnte. Die haben plötzlich gesagt: Wir gehen nach Poing! Dann: Wir gehen nach Riem! Dann: Wir bleiben im Olympiapark! Hinterher haben sie zugegeben, dass es eine Schnapsidee war, um die Diskussion zu beleben.

Waren Sie sicher, den Bürgerentscheid zu gewinnen?

Christian Ude: Wir dachten, wenn Bayern und Löwen einen Hexenkessel wollen, dann sieht das ganz München so. Durch Umfragen haben wir herausgefunden, dass es auf der Kippe steht. Da sind Stoiber und ich in einen richtigen Wahlkampf eingestiegen. Ich habe einmal im Leben von der Macht des FC Bayern profitiert, weil er mich in alle Zeitungen und Sender gebracht hat. Das konnte sonst keiner machen, weil keiner Münchner war und alle nicht stimmberechtigt waren – weder Beckenbauer, noch Wildmoser oder Stoiber.

Ums Olympiastadion ist es tatsächlich still geworden.

Christian Ude: Natürlich ist es unmöglich, ein Stadion mit Leichtathletik voll auszuschöpfen. Insofern hat es einen zunehmend musealen Charakter.

Was sagen Sie den Löwen, die von der Arena ins Grünwalder wollen?

Christian Ude: Den Löwen fehlt der sportliche Erfolg und nicht das Stadion. Wenn die Löwen nach einem Abstieg, den sie hoffentlich abwenden können, ins Grünwalder zurück möchten, werden sich auch da finanzielle Fragen stellen, die erst einmal beantwortet werden müssen.

David Costanzo

Rubriklistenbild: © imago sportfotodienst

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