Flüge schon gebucht

50 Bayern-Anhänger trotz Geisterspiels in Moskau

Moskau - ZSKA Moskau muss seine Partie gegen den FC Bayern ohne Zuschauer austragen – die Strafe der UEFA trifft auch Unschuldige: die Allesfahrer unter den Münchner Fans, die gegen ihren Ausschluss vor Ort protestieren.

Sie sind nun doch nach Moskau geflogen, fünfzig Leute, Fans des FC Bayern. Zu einem Spiel, das sie nicht werden sehen können. „Wir wollen einfach mal unser Glück versuchen“, sagt einer von ihnen, der namentlich nicht genannt werden will. Nur so viel: Er ist Mitglied im „Club Nr. 12“, jenem Zusammenschluss von Fan-Clubs, die in München in der Südkurve für Stimmung sorgen und in dem sich auch ein spezieller Typus des Fußballanhängers findet: der Allesfahrer.

Für den harten Kern der Fanszene war mit der Auslosung der Champions-League-Gruppenphase klar, dass man eben auch nach Moskau reisen würde, zum ersten Auswärtsspiel, das für heute (18 Uhr MESZ) angesetzt ist. Umgehend wurden Flüge und Übernachtungsmöglichkeit gebucht. „Erst am Tag nach der Auslosung, so gegen Mittag“, sagt das Club Nr.12-Mitglied, sei die Nachricht angekommen, „dass das Spiel in Moskau ein Geisterspiel sein wird“. Wegen wiederholter rassistischer Ausfälle von Zuschauern, zuletzt 2013 bei Viktoria Pilsen, hatte die UEFA gegen den Moskauer Klub die Sanktion verhängt, dass das nächste Heimspiel in einem europäischen Wettbewerb unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden müsse. Kommuniziert worden sei das schon im Februar, auf der Homepage der UEFA – mitbekommen hatte es in München niemand. Wer dachte auch, dass man in mehr als einem halben Jahr gegen ZSKA spielen könnte?

Beim Schalker Spiel galt noch Kulanz

Nun also: Geisterspiel im Chimki-Stadion. Zugelassen sind nur Medien, ein paar UEFA-Beobachter, die Delegationen der Klubs, ein paar Menschen, die Funktionen erfüllen (wie die Balljungen). „Es wird komisch sein, vor allem für uns. Wir spielen sonst immer vor ausverkauften Haus“, sagt Bayern-Kapitän Philipp Lahm. Er findet es „schade, dass unsere Fans nicht hinkönnen“. Denn sie werden bestraft für die Verfehlung, die andere begangen haben. „Zum Fußball“, findet Arjen Robben, „gehört so etwas nicht. Unsere Supporter folgen uns um die ganze Welt.“

Der Münchner Geisterspiel-Fall beschäftigt auch Daniela Wurbs, die laut dem Magazin „11Freunde“ einflussreichste Frau im deutschen Fußball. Sie führt die Geschäfte der FSE, des Netzwerks „Football Supporters Europe“ mit Mitgliedern in 42 Ländern. Sie hält Kollektivsanktionen für grundsätzlich unangebracht – und hier auch für kontraproduktiv: „Denn es wird jetzt nicht mehr über Rassismus diskutiert“, was das eigentliche Ziel der UEFA sein müsse, „das in der Öffentlichkeit stärkere Thema ist die zu harte Strafe“. Die zudem die Teile der Bayern-Fanszene betrifft, die sich ausdrücklich antirassistisch engagieren. Die Ultra-Gruppierung „Schickeria“ wurde deswegen eben erst vom DFB mit dem Julius-Hirsch-Preis ausgezeichnet, der an den von den Nazis ermordeten jüdischen Fußballer aus Karlsruhe erinnert.

ZSKA Moskau – FC Bayern ist beileibe nicht das erste Geisterspiel. Vorige Saison war Schalke 04 betroffen, das in Thessaloniki vor leeren Rängen antreten musste. „Allerdings war die UEFA da kulanter“, berichtet Daniela Wurbs. Schalker Fans, die schon gebucht hatten, durften ins Stadion. Doch mittlerweile schaltet die Europäische Fußball-Union auf stur – am letzten Donnerstag galt für die Partie der Europa League zwischen Steaua Bukarest und dem dänischen Klub Aalborg kompletter Ausschluss von Publikum. Die UEFA rang sich lediglich zu der Zusage durch, mit der FSE später mal ein Gespräch zu führen. Dänischen Fans half das nicht – sie blieben auf ihren Kosten sitzen.

Die UEFA argumentiert, dass sie die von ihrer Disziplinarkommission ausgesprochenen Strafen strikt durchsetzen müsse. Der Münchner Club Nr. 12 hält sein Argument dagegen: „Die UEFA verschweigt die gerade in den letzten Wochen zu beobachtende Praxis, einmal verhängte Strafen wieder aufzuweichen, wie im Fall der Verstöße gegen das Financial Fairplay von Manchester City oder Paris St. Germain.“

Der Südkurvenrat, eine Art Parlament der aktiven Bayern-Fans, wollte beim Spiel gegen Manchester City mit zwei Bannern protestieren: „Where is your RESPECT, UEFA?“ und „Do you care about away fans?“. Solche Transparente müssen beim FC Bayern angemeldet werden, die UEFA warnte den Verein, dass sie die Äußerungen von den Rängen als „unangebrachtes Fan-Verhalten“ werten würde, sie drohte dem FC Bayern mit einer Geldstrafe, auch eine Sanktion wie eine Sperrung des Fanblocks in einem künftigen Spiel sei nicht ausgeschlossen. Die Südkurve sah daraufhin von ihrer Aktion ab, fühlt sich nun jedoch in ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung beschnitten.

Daniela Wurbs und die FSE wollen mit der UEFA diskutieren. „Es dürfen nicht alle Fans in einen Topf geworfen werden, es muss differenziert werden, ob fünf, fünfzig oder fünfhundert Leute eine Verfehlung begehen.“ Für sinnvoller hält sie es, Vereine dazu zu bewegen, sich an antirassistischen Projekten zu beteiligen. Beim Club Nr. 12 hofft man, „dass durch öffentlichen Druck ein Umdenken bei der UEFA stattfindet. Es sind dort, wie man hört, nicht alle einverstanden mit der derzeitigen Regelung.“ Nächster Auswärtsgegner des FC Bayern ist AS Rom. Auch dort ist eine Platzsperre nicht ausgeschlossen, der italienische Klub hat ein problematisches Umfeld.

Dem FC Bayern käme es ungelegen, wenn er auch noch ein zweites Champions-League-Match ohne Gefolgschaft zu bestreiten hätte. Denn auf den Mannschaftsflieger nimmt das klubeigene Reisebüro gerne Sponsoren und betuchte Anhänger mit, die sich eine Dreitagesreise mit Spiel, Ausflügen und Bankett bis zu 2000 Euro kosten zu lassen bereit sind. Eine Einnahmequelle.

Die aktiven Fans bewegen sich freilich außerhalb dieses Zirkels, sie organisieren die Reisen meist selbst. „Voriges Jahr in Moskau“, erzählt der Club Nr.12-Mann, „haben wir Fans aus München in Moskau den Bayern-Block zu einem Drittel bis zur Hälfte gefüllt“, und im Normalfall wären ungefähr 300 Personen aus München angereist. Auch bei Bayern-Fans aus Russland und der Ukraine ist so ein Spiel gefragt. Die Münchner Bayern-Fans stehen mit russischen Bayern-Fans in engem Kontakt. Die Russen sind im Internet in den ZSKA-Fanforen unterwegs, sie wollen eruieren, wie bei den Moskau-Anhängern die (Stimmungs-)Lage ist.

Gebrochene Nasen in St. Petersburg

„Wir wissen ja nicht, ob, wenn wir ans Stadion kommen, nicht schon einige hundert ZSKAler auf uns warten“, heißt es aus dem Club Nr. 12. Man konnte nicht einschätzen: Welche Art von Sicherheitsmaßnahmen und Schutz wird es überhaupt geben rund um ein Spiel, das für niemanden zugänglich ist?

Fußballreisen nach Russland können gefährlich sein. Diese Erfahrung musste in der vergangenen Saison die Dortmunder machen, als der BVB in St. Petersburg zu spielen hatte. „Wir sind mit einer auffällig hohen Zahl an Nasenbeinbrüchen heimgekommen“, sagt Borussia-Sprecher Sascha Fligge. Etlichen Gruppen Dortmunder Fans, an ihren Trikots leicht zu erkennen, wenn sie aus Kneipen kamen, lauerten Schläger auf: Überraschungsangriff, Hieb ins Gesicht, Griff zur Brieftasche, Abgang. Die fünfzig Bayern-Fans sind heute in Moskau auf einer Abenteuerreise, das ist ihnen bewusst: „Alles kann passieren.“

Günter Klein

 

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Rubriklistenbild: © dpa

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