Bayern-Baskets-Coach im Interview

Pesic: "Es gibt keinen kurzen Weg zum Erfolg"

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Svetislav Pesic.

München - Nun ist die Pause also beendet, seit vergangenem Freitag rüsten sich die Basketballer des FC Bayern für die neue Saison. Pesic spricht über die Lehren aus einer Saison, die in einer knapp verpassten Titelverteidigung gipfelte

In diesen Tagen schwitzen Kapitän Bryce Taylor und Kollegen im Trainingslager am Gardasee. Im Kader fehlen dabei nur die beiden bei der EM benötigten Nationalspieler Paul Zipser und Anton Gavel – sowie die vorerst letzte Verstärkung, die die Münchner noch holen wollen. Trainer Svetislav Pesic spricht im Interview über die Veränderungen und seine hohen Erwartungen an die bevorstehende Heim-EM.

Gut zwei Monate ist jetzt die knapp verpasste Titelverteidigung her. Wie tief sitzt noch der Frust?

Svetislav Pesic: Das hat uns natürlich sehr weh getan. Wir haben so gute Playoffs gespielt und dann so ein knappes Finale . . . Jeder weiß, dass es wahrscheinlich ganz anders ausgegangen wäre, wenn wir nicht das zweite Spiel in der letzten Sekunde verloren hätten. Aber darum geht es nicht mehr. Für uns ging es im Sommer darum, aus dieser Saison zu lernen.

Ihre Lehre daraus?

Pesic: Eine wichtige Sache ist sicher eine bessere medizinische und sportliche Kontrolle während der Sommerzeit. Unser Athletik-Coach war deshalb in Amerika bei unseren amerikanischen Spielern. Er hat sich angeschaut, in welchem Zustand sie sind. Wir haben mit den Spielern sehr genau gesprochen, bevor sie abgereist sind. Natürlich ist der Sommer Zeit für Urlaub, da wollen wir nicht hineinreden. Man muss nicht viel an Basketball denken. Aber sie sollen auf ihre physische Verfassung und ihr Essen achten. Jeder muss verstehen, dass das gut für ihn ist – und die Vorbereitung auf eine lange Saison, in der es keine echten Pausen geben wird.

Heißt das, die Verletzungen der vergangenen Saison wären teilweise vermeidbar gewesen?

Pesic: Die wichtigsten Verletzungen waren unglücklich. Nihad Djedovic und Vasilije Micic etwa sind geschubst worden und haben sich eine schwere Verletzung am Ellenbogen zugezogen. Auch Anton Gavel hat sich bei einem Zusammenprall verletzt und fehlte uns in den Playoff-Endspielen. Bei Bryce Taylor war es sehr interessant. Wir wollten ihn ohne Operation wieder fit bekommen, am Ende haben wir drei Monate verloren. Das war sehr bitter, man hat später gesehen, wie wichtig er für die Mannschaft ist. So oder so haben uns in den wichtigsten Spielen immer wieder Leistungsträger gefehlt. Wir wollten jetzt alles tun, was man tun kann, um so eine Situation nicht mehr zu erleben.

Hatte die Verletzungsserie Auswirkungen auf die Kaderplanung?

Pesic: In erster Linie ging es darum zu sehen, was uns gefehlt hat. Und das war ein bisschen mehr Athletik, mehr Sprungkraft. Vor zwei Jahren waren wir zum Beispiel eine der drei besten Rebound-Mannschaften in Europa. Das war sicher eine Grundlage für unsere gute Saison. Letzte Saison haben wir hier nachgelassen.

Ist die Lücke mit Deon Thompson und Maxi Kleber geschlossen?

Pesic: Thompson und Kleber sind gute Rebounder, ja. Und wir hoffen, dass langsam auch Paul Zipser kommt. Er sollte von den Außenspielern der beste Rebounder sein. Und wir haben auch Alex Renfroe, der in diesem Bereich sehr gut ist, obwohl er Point Guard ist. Bryce Taylor war immer ein guter Rebounder und John Bryant sowieso. Vor allem bei ihm hoffen wir, dass er an die letzte Saison anknüpfen kann, in der er sich körperlich sehr stabilisiert hat.

Auffällig sind die Veränderung auf den deutschen Positionen. Sechs Spieler sind raus, zuletzt Heiko Schaffartzik. Das klingt nicht nach Zufall.

Pesic: Heiko Schaffartzik, Robin Benzing, Lucca Staiger, Yassin Idbihi – bei diesen Spielern sind die Verträge ausgelaufen. Das ist ein Punkt, an dem es auch um persönliche Ziele geht. Robin zum Beispiel hat gesagt, er wolle im Ausland spielen. Auch Heiko hat mir bei unserem ersten Gespräch im Juni gesagt, seine erste Option ist, noch einmal im Ausland zu spielen. Das ist ja auch in Ordnung für einen Spieler mit 31. Klar ist aber: Wenn für einen Spieler der FC Bayern nicht mehr erste Priorität hat, dann spielt er nicht beim FC Bayern. Wir leben auch von der Motivation.

Grundsätzlich waren Sie mit der Entwicklung also zufrieden? Das klang vor den Playoffs anders.

Pesic: Eines muss man natürlich sagen: Unsere Nationalspieler der letzten Jahre sind nicht Weltmeister. Sie sind nicht Neuer, Lahm oder Schweinsteiger. Diese Spieler hatten eine gute, auch eine sehr gute Entwicklung. Sie haben großen Anteil daran gehabt, dass wir Meister wurden. Aber irgendwann kommt immer die Situation, dass ein Spieler nach dem Ende eines Vertrages umdenkt. Das ist ganz normal.

Der FC Bayern war in den letzten Jahren das Team mit den größten deutschen Spielanteilen. Wird sich das nun ändern?

Pesic: Nein, ich habe immer sehr viel auf deutsche Spieler gesetzt und sehr viel verlangt. Ich habe immer gesagt, dass deutsche Spieler mehr arbeiten müssen, um an die Spitze zu kommen, und sie müssen mehr Verantwortung übernehmen. Das wird so bleiben.

An Bord holten Sie neben Maxi Kleber und Andreas Seiferth allerdings vor allem Spieler aus dem eigenen Nachwuchs.

Pesic: Ja, vier Spieler werden mit uns trainieren, drei von ihnen haben Profiverträge, dazu kommt Richard Freudenberg, der ja keinen Vertrag bekommen kann, weil er noch unter 18 ist. Sie werden auch ihre Minuten bekommen.

Wollen Sie durch das frühe Einbinden einen Fall wie von Tim Hasbargen verhindern, der 2014 ans College wechselte?

Pesic: Ich habe prinzipiell nichts gegen einen Wechsel nach Amerika. Aber man muss auch sehen, dass sich das College in den letzten Jahren verändert hat. Früher wurden dort vor allem Spieler produziert, Trainer waren 10 oder 20 Jahre im Amt. Heute geht es auch dort vor allem um das Gewinnen. Aber auch der deutsche Basketball hat sich verändert. Es gibt viel mehr Vereine mit einer besseren Struktur, in denen sehr gut gearbeitet wird. Das macht sich bemerkbar. Ich war gerade bei der U 16-EM. Bosnien hat das Turnier gewonnen, als Team sind sie nicht schlecht. Aber vom Talent gehörte Deutschland zu den besten drei Mannschaften in Europa.

Ist der Karriereweg von Tibor Pleiß also nach Ihrem Geschmack? Er ging von Bamberg über Spanien nun in die NBA.

Pesic: Klar ist: Es gibt keinen kurzen Weg zum Erfolg. Es gibt natürlich Ausnahmespieler. Nowitzki ist ein Ausnahmespieler, auch Kobe Bryant. Er ist vor dem Ende des Colleges NBA-Spieler geworden. Aber selbst Michael Jordan war ein paar Jahre nur Michael, er hat auch sein College beendet, dann wurde er gedraftet und später zu Jordan. Wenn wir auf das ganze Paket schauen: So viele Europäer wurden früh gedraftet, und wo sind sie? Fast alle irgendwo abgetaucht. Pleiß hat gute Stationen gehabt, er wird nun ein guter NBA-Spieler werden.

Wenn der deutsche Nachwuchs so gut ist – steht der deutsche Basketball dann also in den nächsten drei bis fünf Jahren vor einer Rückkehr in die europäische Spitze?

Pesic: Ich glaube schon. Wir haben Talente. Ich habe schon bei der U 16-EM in Litauen zu Journalisten gesagt: Ich würde die deutsche Mannschaft jetzt gerne trainieren. Diese Spieler sind jetzt bereit. Da ist beim Verband in der Sichtung sehr gut gearbeitet worden, alle Positionen sind gut besetzt. Jetzt kommt die Arbeit. Für die braucht man natürlich ein bisschen Geduld.

Kommt die nun anstehende heim-EM also drei bis fünf Jahre zu früh?

Pesic: Die EM ist gut, auch wenn es nur eine Vorrundengruppe ist. Auch wenn ich mir wünschen würde, dass auch entscheidende Spiele hier zuhause sind und nicht in Frankreich. Aber ganz ehrlich: In dieser Gruppe kann alles passieren. Die Türkei, Italien, Spanien, Serbien, Deutschland – alle haben die Chance, Medaillen zu gewinnen. Das ist in anderen Gruppen nicht der Fall.

Sie sehen Deutschland als Medaillenkandidat?

Pesic: Warum nicht? Das kann alles passieren. Natürlich kommt das entscheidende Spiel nach den Gruppenspielen. Dann geht es in einem Spiel um Medaillen oder gar nichts. Aber das einzige, was der Mannschaft fehlt, ist Zeit. Ich glaube, dass diese Mannschaft vom Potenzial und der Qualität vergleichbar ist mit meiner Mannschaft von 1993 . . .

. . . und die wurde immerhin Europameister.

Pesic: Ja, aber unser Vorteil war, dass wir lange zusammen waren. Wir haben 1992 Olympische Spiele gespielt, wir waren bei der Universiade, wo wir Bronze gewonnen haben. Wir haben drei, vier Jahre zusammengespielt. Das war Kontinuität, so sind wir eine Mannschaft geworden. Das ist jetzt anders, die Spieler haben diese Zeit nicht gehabt. Aber vom Potenzial her haben wir lange keine solche Mannschaft gehabt. Das ist nach 1993 und der WM-Bronzemedaille 2002 die dritte Generation, die die Chance hat, schon jetzt etwas Besonderes zu machen. Natürlich fehlen ein paar Spieler. Wie Theis, Harris oder Kleber – aber das ist auch bei den anderen Nationen so.

Wie wichtig wäre die Qualifikation für Olympia?

Pesic: Olympia ist immer wichtig. Dafür musst du ins Finale kommen. Das ist nicht einfach, nicht nur für Deutschland. Für keine Mannschaft, auch für die Favoriten wie Spanien, Serbien und Frankreich nicht. Aber selbst wenn das nicht klappt, wäre es wichtig, das Qualifikationsturnier im nächsten Jahr zu erreichen. Bis dahin hat die Mannschaft noch ein Jahr mehr Erfahrung und wird noch kompletter sein als jetzt.

Wen sehen Sie denn als Hauptrivalen?

Pesic: Spanien ist immer ein Kandidat. Da fehlen auch einige Spieler, aber die kompensieren das. Die haben eher das Problem, dass sie zu viele gute Spieler haben. Auch Serbien ist sehr gut, noch besser als letztes Jahr. Italien wird interessant, sie sind seit langem zum ersten Mal komplett. Dazu Frankreich, diese vier musst du sowieso auf der Rechnung haben. Dazu kommen Türkei, Griechenland, Russland, auch Litauen, das als Mannschaft sehr stark ist. Alles kann passieren.

Vom FC Bayern sind bei normalem Verlauf zwei Nationalspieler mit von der Partie. Einer davon ist Anton Gavel, einer Ihrer Schlüsselspieler. Er war im vergangenen Jahr mehrfach verletzt. Bereitet es Ihnen Sorgen, dass er nun den Sommer durchspielt?

Pesic: Er hat lange nicht gespielt. Der DBB und der Bundestrainer haben mich gefragt und ich habe gesagt, er soll spielen, wenn er fit ist. Wir haben mit ihm eine Untersuchung einen Monat nach dem Saisonende gemacht und es sah gut aus. Ich hoffe sogar, dass ihm der Sommer helfen kann. Nach den vielen Spielen, die er in der Saison verpasst hat. Ich glaube, Gavel und auch Zipser werden sehr von der EM profitieren und wir in dieser Saison auch.

Eine Saison, die Sie allerdings als Zuschauer beginnen werden. Beim Auftakt gegen Oldenburg sind Sie wegen Ihrer Schiedsrichterkritik am Rande des fünften Finalspiels in Bamberg gesperrt. Bitter?

Pesic: Ich sehe diese Strafe negativ und positiv. Negativ für mich und den Verein, dass ich überhaupt in die Situation gekommen bin, dass man mich so bestraft, wie ich es in 35 Jahren nicht erlebt habe. Ich nehme es so hin, dass ich das verdient habe, auch wenn ich es etwas übertrieben finde. Aber ich hatte genug Zeit, nachzudenken und werde meine Konsequenzen ziehen. Auf der anderen Seite hätte ich nie meinen Standpunkt so darlegen können, wie ich es jetzt in meinen Stellungnahmen getan habe. Das war das einzig Positive. Ich habe etwas gelernt, aber ich hoffe, die Verantwortlichen auch.

-Was haben Sie gelernt?

Dass ich ruhiger werden muss. Wir werden sehen, ob der Trainer diese Lektion gelernt hat.

Interview: Patrick Reichelt

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