FC Bayern startet in Basketball-Saison

Svetislav Pesic: „Deutsche müssen ihr Denken ändern“

Ein Stück Münchnerischer: Pesic geht in seine dritte Saison an der Isar.

München - Svetislav Pesic, Trainer der FC Bayern Basketballer, spricht im Interview über die Bürde des Titelverteidigers, Irrwege in Richtung NBA und sein Ziel mit Enkel Luka.

Donnerstagabend nimmt sie nun also ihren Anfang, die neue Saison der BBL. Und mit der Partie gegen den Mitteldeutschen BC (20.30 Uhr/Sport1) beginnt für Trainer Svetislav Pesic und seinen FC Bayern die Mission Titelverteidigung. In ihr sieht der 65-Jährige aber nur eine Etappe in der weiteren Entwicklung des Vereins.

Im Sommer war zu lesen, Sie seien zum Saisonende „leer“ gewesen. Hat diese Meisterschaft mit dem FC Bayern besonders viel Substanz gekostet?

Die Saison war lang. Wir hatten so viele Spiele, insgesamt 75, das ist Rekord, dazu die vielen Reisen. Alleine wenn du in der Europaliga in die Top-16 kommst, dann hast du 24 Spiele. Das ist wie eine nationale Liga. Als Trainer hat man die besondere Situation, dass man eigentlich keinen freien Tag hat. Du musst Spiele analysieren, Meetings vorbereiten. Natürlich könntest du Automatismen nutzen, aber dann bist du kein guter Trainer mehr. Aber wenn mir das schwer fallen würde, dann würde ich das nicht machen. Noch bin ich mit voller Pulle im Basketball. Und ich hoffe, das bleibt noch so. Ich will noch meinen Enkel Luka trainieren. Er ist jetzt acht, da müssen wir also noch ein bisschen warten.

Gibt es für Sie Tage ohne Basketball?

Naja, ich verbringe zwei, drei Tage, eine Woche ohne Basketball, dann geht es wieder los. Du musst die Saison analysieren; mit den Spielern sprechen, an was sie arbeiten sollen. Die neue Saison planen. Aber so ist das eben. Viele stellen sich vor, dass man als Trainer abwartet, bis die Spieler kommen und dann arbeitet man. So ist das nicht. Der Trainerjob ist so vielfältig, das begleitet dich immer.

Welches Gewicht hat für Sie ein Titel wie der mit dem FC Bayern?

Für den Verein war der Titel sicher wichtig, weil sich die Erwartungen an die Fußballer auch auf Basketball übertragen. Und wir sind ja sogar zweimal Meister geworden, in der normalen Saison und in den Playoffs. Aber sagen wir so: Ich bin schon beruhigt, wenn ich merke, dass ein Spieler sich verbessert hat. Weil ich weiß, dass wir gut gearbeitet haben. Aber wenn dazu ein sportliches Resultat kommt, dann ist das natürlich ein sehr gutes Gefühl, keine Frage. Das bringt Motivation, aber auch Verantwortung.

Weil nun weitere Erfolge erwartet werden. . .

Ja, von außen kommt da gerade in einer Sportstadt wie München sehr viel. Aber irgendwann kommt das auch im Inneren an. Die Rede ist ja immer von Geld: Bayern hat viel gekauft, sie werden das gewinnen. Aber soweit sind wir nicht. Vielleicht haben wir das größte Gesamtbudget in der Liga, aber bei uns wird immer sehr viel davon in die Halle und in die Organisation fließen. Im reinen Budget sind wir auf dem Level der anderen deutschen Spitzenmannschaften. Wäre das anders, dann könnten wir jetzt wohl schon mit europäischen Spitzenspielern arbeiten.

Neuzugang Vladimir Stimac meinte, die Organisation FC Bayern habe NBA-Level. Jetzt schon?

Die Organisation ist gut. Aber wenn wir jetzt schon mit den besten Mannschaften in Europa mitspielen wollen, brauchen wir noch bessere Trainingsbedingungen. Denn unsere Chance ist es, durch perfektes Training besser zu werden. Damit man mich nicht falsch versteht: Die Reiseorganisation, die Ausrüstung, die medizinische Versorgung, unser Trainerstab, alles ist auf hohem Niveau. Trotzdem müssen wir uns bei all diesen Dingen noch steigern. Denn du brauchst perfekte Bedingungen, damit du perfekt wirst. Andere Klubs investieren mehr Geld in die Mannschaft, weniger in die Struktur. Unsere mangelnde Erfahrung und den Verzicht auf die teuersten Spieler Europas können wir am besten wettmachen, wenn wir unsere Arbeitsbedingungen weiter verbessern. Wir müssen weiter eine nachhaltige Basis schaffen. Aber in allen Bereichen – Mannschaft, Organisation, Nachwuchsarbeit – Spitze zu sein, das geht nicht einfach so. Das ist ein Prozess.

Viele warten nach der Meisterschaft auf einen Erfolg in Europa.

Ja, auch die Fans fragen natürlich, wann gewinnt ihr die Euroleague. Aber das geht nicht so schnell. Wir haben uns ja noch nicht mal dauerhaft in der Bundesliga etabliert, das müssen wir erst schaffen. Und nehmen Sie den FC Barcelona: Der hat das 30 Jahre versucht und musste bis 2003 warten, bis er mal gewonnen hat. Es kann passieren, dass man die Europaliga gewinnt, aber dann ist das nicht das Produkt einer kontinuierlichen, seriösen Arbeit, sondern viel Zufall.

Zur Aktualität: Ihr Sohn Marko hat im Sommer geklagt, dass Klubs aus der Türkei und Russland die Preise für Spieler nach oben treiben. Ist Einkaufen schwieriger geworden?

Für uns ist es das ohnehin. Weil einige andere Länder ein ganz anderes Steuersystem haben. Wenn bei uns ein Spieler 100 000 Euro verdient, dann kostet er den Klub 225 000 Euro. In Serbien kostet er den Klub 120 000. Wenn diese Vereine Geld drauflegen, dann gehen Spieler eben dorthin. Für sie ist wichtig, dass sie Geld verdienen, ein Auto haben, eine schöne Wohnung. Wo, ist oft egal. Vor allem bei den Amerikanern ist das so. Warum sollte ein Malcolm Delaney motiviert sein, in München zu spielen wenn er in Russland so viel mehr verdienen kann?

Er könnte perspektivisch denken . . .

Genau. Aber wenn er jetzt schon so viel Geld bekommen kann, sagt er: Schade München, eine schöne Stadt. Aber ok, in Russland kann ich mich auch weiterentwickeln und habe in zwei Jahren über zwei Millionen netto mehr. So denken die Leute.

Sein Nachfolger Vasilije Micic aber offenbar nicht. Er hätte lukrativere Angebote gehabt, aber er unterschrieb hier. Warum?

Zunächst einmal will ich betonen, dass Vasilije Micic nicht Delaneys Nachfolger ist. Er ist erst 20 Jahre alt. Er ist ein sehr großes Talent, vom Spielverständnis besser als Delaney. Aber er steht noch am Anfang. Er weiß jedoch, dass hier ein Trainer ist, den er kennt. Dazu eine Stadt wie München, er sieht, dass alles da ist, was er für seine Entwicklung braucht. Europäer denken da ein bisschen anders. Und noch dazu: Europäer wissen genau, wer der FC Bayern ist. Amerikaner bekommen erst eine Ahnung davon, wenn sie schon hier sind. Umso glücklicher sind wir darüber, wie zum Beispiel Bryce Taylor denkt. Natürlich könnte er in der Türkei oder Spanien mehr verdienen. Aber ihm gefällt das Umfeld. Nicht auszuschließen, dass Delaney oder Thompson in zwei Jahren wieder kommen, weil sie dann die Vorteile von Deutschland erkennen.

Eine Karriere systematisch zu planen ist also etwas Europäisches?

Ich glaube schon. Micic hat noch dazu Beispiele von jugoslawischen Spitzenspielern vor sich. Leute wie Vlade Divac oder Toni Kukoc, die erst in Europa auf einem hohen Niveau gespielt haben, bevor sie in die NBA gegangen sind. Diese Leute haben gesagt: Ich will in der NBA spielen. Ich will nicht nur einen Vertrag – so wie die meisten deutschen Spieler jetzt denken. Einen Vertrag zu bekommen, ist eine Sache – in der NBA zu spielen eine andere.

Einige Deutsche haben in der Summerleague der NBA vorgespielt. . .

Ja, und das wird so beschrieben, als ob das ein Erfolg wäre. Jeder Spieler kann in der Sommerliga spielen, egal wie. Aber wenn in Europa die Saison beginnt, dann sind die Agenten hier. Das heißt: Die deutschen Spieler brauchen gar nicht Summerleague zu spielen. Die sollten sich besser darauf konzentrieren, in ihrem Verein und in der Nationalmannschaft gut zu spielen. Es ist legitim und gut, dass ein deutscher Spieler sich das Ziel setzt, in der NBA zu spielen. Aber man sollte Folgendes wissen: Während der Sommerliga, sind die meisten Besucher aus Europa, die nach Spielern für die neue Saison suchen. Andererseits hat jeder NBA-Verein Agenten, die hier in Europa leben. Während wir hier in der Bundesliga oder Europaliga spielen, dann sitzen mindestens drei, manchmal sechs Scouts in der Halle, die in ihre Zentrale berichten.

Können Sie Spieler verstehen, die den Weg in die Summerleague wählen?

Ich kenne keinen einzigen NBA-Spieler, der über die Summerleague zum NBA-Spieler geworden ist. Nehmen Sie Nowitzki, er hat den Weg über den Verein, die Nationalmannschaft gewählt – er ist eingeladen worden, ein Turnier zu spielen. Divac, Kukoc, Gasol, alle spanischen oder andere europäische Spieler – keiner hat Sommerliga gespielt. Einige deutsche Spieler haben großes Talent und Potential, irgendwann in der NBA zu spielen. Ihr Ziel ist legitim. Aber sie müssen ihr Denken ändern. Denn Erfolg kommt nicht, wenn du deinen Weg abkürzt.

Vasilije Micic geht den langen Weg und ist nun für zwei Jahre Spielmacher ihres Teams ist, in dem viele mehr Qualität sehen als im Meisterteam. Sie auch?

Das weiß man noch nicht, es ist viel zu früh, das schon zu beurteilen. Bis jetzt haben wir trainiert und geschaut, dass jeder in den Testspielen seine Minuten hat. Unser größtes Kapital ist die Kontinuität, die wir jetzt haben. Einige Spieler sind jetzt zwei Jahre mit mir zusammen. Die Mannschaft hat sich nicht komplett verändert, das ist positiv. Neu dazu gekommen sind Talente und Leute mit Erfahrung. Diese Mischung ist gut. Und was mir wichtig war: Wir haben jetzt drei Center mit John Bryant, Yassin Idbihi und Vladimir Stimac.

Die Mannschaft ist europäischer geworden. Hat das Einflüsse auf das Spiel?

Wir haben zwei sehr gute Amerikaner mit John und Bryce Taylor. Und wir werden in der Zukunft sicher weiter amerikanische Spieler oder Profis aus anderen Ländern bei uns haben. Aber sie müssen sich das verdienen. Unser Spiel wird im Wesentlichen das Gleiche sein. Natürlich sind unter den neuen Spielern andere Spielertypen als Delaney, Thompson oder Troutman. Aber sie passen gut in unser System und ich denke nicht, dass die Veränderung große Einflüsse auf unser Spiel haben wird.

Wann wäre die nun beginnende Saison denn für Sie eine gute Saison?

Ich bin Trainer und werde alles unternehmen, dass wir um die Meisterschaft spielen können. Wir wollen Meister werden. Und natürlich wollen wir uns auch in Europa weiter gut präsentieren. Aber wir haben ein gutes Jahr gespielt, für das wir viel Anerkennung bekommen haben, das wollen wir bestätigen.

Das Interview führte Patrick Reichelt.

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