Basketball-Sportdirektor im Interview

Marko Pesic: "Das Team zu kontrollieren, ist nicht leicht"

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Bayern-Baskets-Sportdirektor Marko Pesic.

München - Basketball-Sportdirektor Marko Pesic spricht im Merkur-Interview über die schwierige Saison des FC Bayern – und Besuch aus der NBA in der Arena.

Die Hauptrunde der BBL ist Vergangenheit, mit dem ersten Viertelfinale gegen Frankfurt (20.30 Uhr/Sport1) an diesem Samstag beginnt sie also auch für den FC Bayern, die „geilste Zeit des Jahres“, wie die Marketingspezialisten des Vereins die Playoffs tauften. Bayerns Sportchef Marko Pesic spricht im Interview über die Situation seines Klubs.

Wo werden sie den 21. Juni verbringen?

Das mögliche fünfte Finale? Hm, in diesem Jahr ist es ein bisschen schwierig vorherzusagen. Ich glaube, wir haben einen Vorteil im Gegensatz zur letzten Saison. Damals haben wir mit Ausnahme des Pokalturniers in Ulm eigentlich eine perfekte Saison gespielt, ohne große Schwierigkeiten. In diesem Jahr hatten wir jedoch immer irgendwelche Probleme zu lösen: Verletzte, komisch verlorene Spiele – wir haben bis auf ganz kurze Phasen alles Negative mitgenommen. Mein Gefühl in den letzten Tagen ist, dass uns das alles ein bisschen stärker gemacht hat.

Vergangenes Jahr haben sie viel aus den Viertelfinals gezogen. Die Verletzungen von Paul Zipser und Nihad Djedovic, dann das Wiederholungsspiel...

Ja, es sind immer die negativen Dinge, die eine Mannschaft wachsen lassen. Aber das was wir damals kompakt in drei, vier Tagen erlebt haben, jetzt war es über die ganze Saison verteilt.

Ist die Mannschaft also weiter als im letzten Jahr?

Sie ist auf jeden Fall um einiges an Erfahrung reicher. Aber man weiß nie, was in den Playoffs passiert. Wichtig wäre, dass wir gesund bleiben. Im Moment ist das so, das haben wir die ganze Saison über nie gehabt und das ist jetzt unser großer Vorteil. Mich stört allerdings, dass wir ein bisschen unterschätzt werden. Die einen sagen, wir sind nicht gut genug besetzt, die anderen, wir sind nicht athletisch genug...

Wobei diese Saison bislang atmosphärisch ruhiger wirkt. Täuscht der Eindruck, dass das Gift der Konkurrenz weniger wird?

Ich glaube, das stimmt. Wahrscheinlich, weil wir Meister sind. Einige haben doch immer gesagt: ’Mal sehen, wie lange UIi Hoeneß Lust dazu hat. Wenn er keine mehr hat, dann macht man uns wieder zu.‘ Jetzt merken die Leute, dass wir hier keine Märchen erzählt haben, dass es ein langfristiges Projekt ist. Wir sind Meister, haben eine gute Saison in der Euroleague gespielt, haben gut gewirtschaftet. Da fehlen den Leuten wohl die Argumente. Was nicht heißt, dass das Gerede nicht wieder kommen kann.

Haben sie also das Gefühl, der FC Bayern wird nun auch als Basketball-Marke ernster genommen?

Ich glaube, wir sind immer ernst genommen worden. Auch wenn Leute über dich sprechen: ’Hey, die bekommen ihr Geld dorther oder sie nehmen uns die Spieler weg’, dann ist das für mich ein Zeichen dass du ernst genommen wirst. Berlin hat sein 25. Jubiläum, Bonn gerade sein 20. – wenn solche Vereine uns wahrnehmen, die wir gerade erst drei Jahre dabei sind, dann nehmen sie uns richtig ernst. Ich hatte nur das Gefühl, dass man die Personen, die im Verein arbeiten nicht ernst genommen hat.

Kann das nicht auch ein Vorteil sein?

Wenn man Motivation daraus zieht. Das gilt jetzt genauso für die Mannschaft. Sie muss jetzt zusammenrücken. Und das wird sie. Wir werden gut sein, da habe ich ein gutes Gefühl. Ich selber habe das erlebt: 2003 sind wir in Berlin nach der Hauptrunde Fünfter geworden und haben dann kein Spiel mehr verloren. Da zeigt sich, aus welchen Charakteren ein Team gebaut ist, was für eine DNA die Spieler haben. Ich habe ein gutes Gefühl bei unseren Jungs.

In manchen Spielen schien ein Spieler für kritische Momente zu fehlen.

Sicher ist: Typen wie Tyrese Rice oder Malcolm Delaney haben wir nicht. Aber das sind Ausnahmespieler, solche sehe ich in der ganzen Liga nicht. Vielleicht Alex Renfroe (Berlin, d. Red.), der in entscheidenden Phasen die Verantwortung übernimmt. Für uns kann es ein Vorteil sein, dass die Verantwortung jetzt auf mehrere Schultern verteilt ist. Sicher, es gab Spiele, in denen wir am Ende nicht gut ausgesehen haben. Allerdings haben wir gerade zwei knappe Spiele gegen Bamberg und Berlin mit unserer Team-Leistung gewonnen. Ich mache mir keine Gedanken.

Ihr Vater Svetislav allerdings hat sich aktuell kritisch über die Leistung und Einstellung der deutschen Spieler geäußert.

In der Sache gebe ich ihm Recht, auch mir fehlt da ein wenig die Entwicklung, doch das ist vor allem auf die Nationalmannschaft bezogen. Ich bin mir zum Beispiel sicher, dass sich gerade unsere Jungs in den Playoffs noch beweisen wollen und werden. Unsere Spieler stehen noch mehr im Fokus, weil sie hier Spielzeit erhalten und Verantwortung übernehmen müssen. Aber mal ehrlich: Unsere Trainer sind dafür bekannt, dass die deutschen Spieler ein wichtige Rolle in unserem Konzept gespielt haben. Das wird so bleiben.

Was passiert denn, wenn es nicht erneut zum Titel reichen sollte?

Man kann aus dieser Saison viel mehr mitnehmen als aus der letzten. Auch aus der Spielzeit davor hat der Verein viel mehr profitiert als aus der Meistersaison. Klar, für die Außendarstellung waren der Titel und der starke Euroleague-Auftritt großartig. Aber wir wachsen vor allem, indem wir Probleme meistern. Als wir mehrere Niederlagen kassierten, haben die Leute im Hintergrund, die Geschäftsstelle das Zusammenrücken vorgelebt. Das ist wichtig.

Was haben Sie selbst gelernt?

Naja, man darf nicht in Euphorie verfallen, wenn man gewinnt – und andererseits auch nicht in Depression, wenn man verliert. Und gerade das ist bei Bayern München extrem schwer, da die Erwartungshaltung von außen wie manchmal auch innerhalb des Vereins nicht immer zur Realität passt. Ich habe gelernt: Ruhig bleiben, ruhig bleiben – in zwei Wochen kann sich schon alles ändern. Wobei ruhig bleiben nicht heißt: Wir setzen uns jetzt hin und warten. Sondern: Analysieren und schauen, was man besser machen kann.

Das klingt einfach.

Ist es aber nicht. Wir sind ein junges, enthusiastisches Team. Da ist es nicht immer leicht, das unter Kontrolle zu halten. Wir haben beispielsweise kürzlich in Bonn eine katastrophale erste Halbzeit gespielt, da hätte ich mich am liebsten ins Auto gesetzt und wäre nach Hause gefahren. Eine halbe Stunde später führen wir mit vier Punkten – und verlierst dann doch noch! Dann kommst du hierher und spielst 35 Minuten ein richtig schlechtes Spiel gegen Berlin – und gewinnst noch! Damit umzugehen, das ist nicht immer einfach.

Gab es echte Krisenmomente in dieser Saison?

Sicher. Du verlierst zum Beispiel mit dem letzten Wurf in Mailand, dann fährst du nach Trier, führst mit 15 Punkten – und verlierst doch. In Trier. Das war eine schwierige Phase. Und dann ist am nächsten Tag Weihnachtsfeier . . . Aber wir sind hier in der Lage, uns die Meinung sagen zu können, damit es wieder vorangeht. Das ist unsere Stärke.

War es hilfreich, dass ihr Vater damals die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat – mit der Diskussion um seine Zukunft?

Manchmal denkt man sich bei ihm ja: Warum sagt er das? Tatsache ist: Natürlich ist so etwas bei ihm oft emotional – aber es ist nie unkalkuliert, und das gilt sicher jetzt auch für die Kritik an deutschen Spielern. Sehr oft schützt er aber auch die Spieler durch seine Art. Weil alle über ihn diskutieren, damit sind sie aus dem Fokus. Er hat halt auch einen unfassbaren Erfahrungsschatz. Ich bekomme das ja auch zu spüren – eigentlich hatte er immer Recht. Im Fall von Paul Zipser zum Beispiel: Ich habe mich mit ihm gestritten ohne Ende, und er sagte: ,Entweder bist du Trainer oder ich. Ich weiß schon, wie ich Zipser zu einem Spieler mache.‘ Zwei, drei Wochen später hatte Paul seine ersten Großauftritte. Man muss bei meinem Vater nur verstehen, dass er seine Anliegen manchmal durch einen Konflikt löst und nicht Konflikte schürt.

Ein anderer Gradmesser in der Entwicklung ihres Vereins ist der Zuschauerzuspruch. Der ist trotz des Titels bestenfalls konstant. Eine Enttäuschung?

Nein, wir haben eine sehr gute Unterstützung. Klar: Wir müssen einiges tun, müssen in die Halle investieren, vielleicht wieder neue Dinge ausprobieren. Ein Problem bleibt aber: Es sind viele Spiele. 30 bis 35 Heimspiele sind schon anspruchsvoll in einer Stadt, in der es ein großes Fußballangebot gibt. Es ist eine Leistung, dort 6000 Leute in die Halle zu kriegen oder 6100 in der Euroleague, wo wir uns ja sogar gesteigert haben.

Es fällt allerdings auf, dass sie sich aus der Region entfernt haben. Selbst getestet wurde allesamt in der Fremde. Zufall?

Eigentlich schon. Ein Saisonauftaktspiel beispielsweise ist bei uns fest eingeplant. Das war in diesem Jahr nicht möglich, weil wir den Champions Cup gespielt haben. Der hätte ja auch eigentlich bei uns stattfinden müssen, weil wir der Meister waren. Aber es geht nicht, weil du hier in München das Oktoberfest hast. Da kriegst du schon die nötigen Hotelzimmer nicht oder eben für immense Preise.

Womit also auch ein Spiel gegen ein NBA-Team kaum zu realisieren wäre.

Das ist etwas ganz anderes. Da bräuchten wir uns um den Zuspruch bestimmt keine Sorgen machen. Ich bin der Überzeugung, dass man dann sogar 70 000 Menschen in die Allianz Arena locken könnte.

Das klingt nach mehr als einem Gedankenspiel.

Ja, wir denken darüber sehr konkret nach. Es gibt bei Spielen in einem offenen Stadion jedoch das Problem, dass sich Feuchtigkeit auf der Spielfläche ansammelt. Wenn es dafür eine Lösung gäbe, dann würde so einem Ereignis nichts im Weg stehen.

Interview: Patrick Reichelt

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