Pesic über Heimat, Traditionen und München

"Ich bleibe Jugoslawe!"

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Svetislav Pesic

München - Svetislav Pesic wurde am 28. August 1949 in Serbien geboren. Seitdem arbeitete der Erfolgstrainer für die unterschiedlichsten Vereine in den unterschiedlichsten Ländern. In der tz spricht er über seine Heimat.

Svetislav Pesic wurde am 28. August 1949 in Serbien geboren. Seitdem arbeitete der Erfolgstrainer für die unterschiedlichsten Vereine in den unterschiedlichsten Ländern. Da waren Stationen in Serbien, Deutschland, Spanien und Italien. Momentan lebt der 65-Jährige bekanntlich in München, gewann in der vergangenen Saison mit dem FC Bayern die Meisterschaft. In der tz erklärt Pesic, was Heimat für ihn bedeutet, warum er sich noch immer als Jugoslawe bezeichnet – und was er von bayerischen Traditionen hält.

Herr Pesic, was bedeutet Heimat für Sie?

Pesic: Heimat bedeutet für mich Zugehörigkeit. Du gehörst zu etwas, du gehörst wohin. Das heißt nicht, dass Heimat ausschließlich an einen Ort gebunden ist, sondern sie beinhaltet vielmehr auch die Menschen dort und ein Gemeinschaftsgefühl. Ich selbst bin in Serbien geboren, habe mich aber immer generell als Jugoslawe gefühlt und bezeichnet. Und das tue ich auch weiterhin – auch, wenn es Jugoslawien politisch gesehen nicht mehr gibt. Für mich existiert dieses Gemeinschaftsgefühl noch immer.

Mittlerweile wohnen Sie seit drei Jahren in München, davor in Barcelona. Fehlt Ihnen Ihre Heimat?

Pesic: Natürlich. Wenn man sich im Leben für eine Sache entscheidet, in meinem Fall momentan das Leben und Arbeiten in Deutschland, muss man auf eine andere Sache verzichten. Mir fehlen zwei Dinge: Zum einen meine Heimat und zum anderen meine Eltern, die beide verstorben sind.

Deshalb verbringen Sie die Sommerzeit in Serbien, oder?

Pesic: Richtig. Nach dem Tod meiner Eltern haben meine Frau Vera und ich mein Elternhaus renovieren lassen. Im Sommer trifft sich dort dann immer die gesamte Familie: Mein Sohn Marko (Pesic, d. Red.), meine Tochter Ivana und meine Enkel. Auch Jan (Jagla, d. Red.) war schon da! Dann gibt es serbischen Rosé – dafür ist unsere Region bekannt. Und natürlich das serbische Essen. Da um unsere Stadt herum sehr viele ­Seen und Flüsse liegen, gibt es häufig gegrillte Forelle, oder landestypisch: Cevapcici. Ich genieße die Zeit dort sehr. Immer wenn ich in meine Stadt (Pirot, d. Red.) komme, in dem Haus Urlaub mache, in dem ich aufgewachsen bin, dann habe ich das Gefühl: Hier gehöre ich wirklich zu hundert Prozent hin.

Es gibt auch ein dunkles Kapitel in der Geschichte Ihrer Heimat: Die Jugoslawienkriege in den 90er-Jahren. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Pesic: Das war eine sehr schwere Zeit für alle. Als die Kriege ausbrachen, war ich gerade deutscher Nationaltrainer und lebte in Herdecke, das ist zwischen Hagen und Dortmund. Dort hatten meine Frau und ich ein Haus gekauft. Wir haben in dieser Zeit so viele Freunde und Familienangehörige, die aus Jugoslawien geflohen waren, wie möglich aufgenommen. Das Haus war immer voll. Ich war gerade in den Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona. Natürlich haben wir immer die Nachrichten verfolgt und es war schrecklich, was man da aus der Heimat hörte. Wir haben viele Freunde in den Kriegen verloren. Es war wirklich eine sehr schwere Zeit. In einem Interview während Olympia hat mich der Moderator Dieter Kürten im „Sportstudio“ damals gefragt: „Was sind Sie?“ Ich antwortete: „Wie meinen Sie das?“ Und er sagte: „Na, Serbe, Kroate oder Slowene?“ Ich habe geantwortet: „Ich bin Jugoslawe.“ Und das bleibt, wie gesagt, auch weiterhin so.

Trotzdem haben Sie auch schon von Deutschland als Ihrer zweiten Heimat gesprochen…

Pesic: Richtig. Ich habe viele Jahre in Berlin gelebt und nun in München. Mir gefällt es hier. Auch, wenn ich, um ehrlich zu sein, noch nicht alles von München sehen konnte. Mein Leben dreht sich eben hauptsächlich um Basketball, insofern bleibt nicht viel Zeit, um mir meine Umgebung anzuschauen. Aber das, was ich kenne, gefällt mir gut! Ich bin vom Sternzeichen Jungfrau – und denen wird nachgesagt, Wasser um sich herum zu brauchen, um glücklich zu sein. Und das ist hier in München mit der Isar und dem Eisbach ja geboten. Ich bin gern im Englischen Garten, fahre dort Rad oder spiele mit meinem Enkel Luka Fußball. Insgesamt habe ich das Gefühl, dass die Menschen hier entspannter sind.

Und was halten Sie von den typisch bayerischen Dingen wie Lederhosen, Oktoberfest & Co.?

Pesic (lacht): Lederhosen hatte ich zwar schon einmal an, auf dem Oktoberfest war ich aber noch nie. Das habe ich bis jetzt ausgelassen.

Mögen Sie denn kein Bier?

Pesic: Ich trinke wirklich sehr selten Bier – und wenn, dann nur Weißbier, das ist ja auch hier in München häufig zu finden. Wenn Sie mich aber zwischen einem Glas Wein oder einem Bier wählen lassen, würde ich immer den Wein bevorzugen.

Und wie sieht’s mit dem typisch bayerischen Essen aus?

Pesic (lacht): Das Gesündeste für einen Sportler ist es zwar nicht, aber es ist es auf jeden Fall wert, probiert zu werden!

Interview: Lena Meyer

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