Das große Basketball-Interview

Hoeneß: “Sticheleien gehören dazu - das ist mir sogar viel zu selten“

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Chefsache: Seit seiner Rückkehr auf den FC Bayern-Thron hat Uli Hoeneß Basketball in seiner Verantwortung.

Im ausführlichen Interview übt Bayern-Boss Uli Hoeneß Kritik an der Organisation im deutschen Basketball und erklärt, in welchen Punkten Verbesserungspotenzial herrscht.

Deutschlands Steckenpferd in Sachen Sportarten ist und bleibt der Fußball. Rekordmeister FC Bayern hat allerdings auch ein anderes Revier für sich entdeckt: Im Basketball gehören die Münchner längst ebenfalls zur Riege der deutschen Topklubs und konnten nach 1954 und 1955 im Jahr 2014 wieder einen den Meistertitel an die Isar holen. Im Interview mit Uli Hoeneß sprechen wir über das Entwicklungspotenzial des deutschen Basketballs, die Ambitionen des FC Bayern in dieser Sportart und die neue Multifunktions-Arena mit Partner Red Bull. Außerdem beschwört der FCB-Vereinspräsident die Abteilung „Hollywood“...

Herr Hoeneß, Sie sind seit fast genau einem Jahr wieder Bayern-Präsident. Sind Sie nun ein anderer Präsident als vor 2014?

Uli Hoeneß: Naja, es gab schon eine Übergangsphase. Ich bin zweieinhalb Jahre weg gewesen, andere haben die Arbeit gemacht. Gerade mit meinem Hintergrund, wenn man aus dem Gefängnis kommt, muss man Überzeugungsarbeit leisten, sich zurücknehmen und anpassen. Und da sein, wenn man gebraucht wird. Aber irgendwann hatte ich das Gefühl, dass das alles überwunden ist und ich wieder so agieren kann wie vorher.

Zuletzt gestalteten Sie auffällig aktiv mit.

Hoeneß: Es waren jetzt natürlich auch Phasen, in denen ich nicht nur als Uli Hoeneß, sondern auch als Aufsichtsratsvorsitzender gefragt war. Die Entlassung des Trainers, ein neuer Trainer, und im Basketball war es ja genauso: Da waren wir im Gegensatz zu den vergangenen Jahren deutlich aktiver auf dem Transfermarkt. Früher hat man gesagt: Ihr habt dieses Geld, holt neue Spieler. Jetzt habe ich gesagt: Ihr holt die Spieler und ich besorge das Geld.

Sie sind angetreten, ihre Basketballer auf eine neue Ebene zu heben. Welche Rolle spielt denn dabei die neue Halle, die Red Bull bauen will?

Hoeneß: Wir haben Basketball in den letzten Jahren schon sehr weit gebracht. Aber wenn man mittelfristig sehr erfolgreich sein will, dann braucht man Kapazitäten um die 8000 bis 10 000 Zuschauer. Und da kam es natürlich sehr zupass, dass mit Red Bull eine zweite Kraft in die Stadt kam, die hochprofessionellen Sport aufziehen will und die in der Lage ist, so ein Projekt zu stemmen, ohne in die Kreditabteilung einer Bank gehen zu müssen. Wir hätten es als Verein nicht hinbekommen, solche Summen aus dem Basketball zu generieren. Wichtig war, dass die Halle nicht den Namen Red Bull Arena trägt, weil wir auf die Empfindlichkeiten bestimmter Fangruppen unbedingt Rücksicht nehmen wollten.

Trotz neuer Arena: FC Bayern plant weiter mit Audi Dome

Das ist gelungen...

Hoeneß: Ja, wir übernehmen das Naming right und es ist uns auch gelungen, dass ein sehr namhaftes Unternehmen zugesagt hat. Mehr werden vielleicht schon in den nächsten Wochen bekannt geben. Auf jeden Fall ist das ein schöner Weg, einen Teil unserer Miete zu refinanzieren.

Stammt der Partner aus dem Kreis der bisherigen Bayern-Geldgeber?

Hoeneß: Es ist keine Firma aus der ersten Reihe. Aber ein Unternehmen, das zu einem hochtechnologischen Projekt sehr gut passt. Die Laufzeit der Vereinbarung wird zwischen 15 und 20 Jahren liegen.

FCB-Vereinsboss Uli Hoeneß im Gespräch mit Merkur-Reporter Patrick Reichelt.

Zuletzt war zu hören, dass die letzten Probleme beseitigt sind. Dann könnte der Bau bald beginnen?

Hoeneß: Ich war zuletzt bei einer Sitzung bei der Bürgermeisterin dabei und es ist so, dass die Verhandlungen in den letzten Zügen sind. Wenn wir Glück haben, wird die Halle gegen Ende 2020 fertig sein, ansonsten Ende 2021.

Klar ist aber auch: Der Audi Dome bleibt.

Hoeneß: Ja, es ist nicht vorgesehen, dass wir mit Haut und Haaren umziehen. Ich gehe mal davon aus, dass wir auch in der Euroleague irgendwann eine etwas größere Rolle spielen. Das heißt ja, dass man dann etwa 50 Heimspiele im Jahr hat. Wir planen jetzt erst mal mit 20 bis 30 Spielen in der neuen Halle, so dass wir also für weitere 20 Spiele den Audi Dome weiterhin brauchen. Entsprechend haben wir der Stadt auch signalisiert, dass wir die nächsten drei Jahre sowieso und dann auch mindestens drei bis vier weitere Jahre im Audi Dome weitermachen wollen.

Sind die Ausbaupläne für den Audi Dome damit aber vom Tisch?

Hoeneß: Wir führen natürlich alle nötigen Maßnahmen durch wie Reparaturen oder Brandschutzmaßnahmen. Die größeren Themen wie die Kapazitätsausweitung werden aber nicht forciert. Es wäre ja geradezu grotesk, da viele Millionen in die Hand zu nehmen, wenn die andere Halle eine Kapazität von 11 000 hat. Es gibt genug Spiele, in denen man mit 6500 Plätzen eine gute Stimmung bekommt. Das muss die Aufgabe sein – die Leute müssen Spaß haben, drüben wie dort.

Was auch von den Namen der Gegner abhängen dürfte. Der Eurocup etwa ist kein Selbstläufer.

Hoeneß: Ach, ich finde schon, dass er ganz gut angenommen wird. In München gibt es viele junge Leute, die hier arbeiten und am Wochenende zuhause sind. Die gehen am Mittwoch zum Basketball. Das ist eine eigene Klientel, aber das wollten wir ja auch: eine Klientel für Basketball schaffen. Grundsätzlich ist mir jeder willkommen. Das einzige, was ich nicht in der Halle brauche, ist Gewalt.

Und doch streben Sie zu den großen Namen. In die Euroleague führt unter anderem der Weg über eine A-Lizenz. Euroleague-Chef Bertomeu sagte kürzlich, dass er gerne mit dem FC Bayern Gespräche über eine solche führen würde.

Hoeneß: . . . und diese werden wir auch führen. Ich kann mir vorstellen, dass die Marke FC Bayern für diesen Wettbewerb sehr attraktiv ist. Wir sind bereit in den nächsten Monaten auszuloten, welche Möglichkeiten es gibt. Ich weiß, dass in Bamberg auch nachgedacht wird. Aber wir streben auf jeden Fall eine gewisse Planungssicherheit an. Diese benötigen wir gerade mit der neuen Halle. Und du kriegst einfach viele Spieler nur, wenn du Euroleague spielst.

Deutschland ist ein traditioneller Sportmarkt. Denken sie, dass das System der Euroleague angenommen wird?

Hoeneß: Ich war vor ein paar Jahren mal in Moskau bei einem Champions League-Spiel. Da hat mir der zuständige Innenminister gesagt: Seine Leidenschaft ist eigentlich Basketball. Im Gespräch mit ihm ist mir klargeworden: Die nationale Liga gibt es dort im Grunde nicht, die interessiert nicht – dort ist die Euroleague das Maß aller Dinge. Ähnlich ist es ja auch in der Türkei und Griechenland. Diese Strukturen werden wir nicht ändern, also müssen wir mit den Wölfen heulen und können nicht sagen: Wir wollen Chancengleichheit und nur den dabeihaben, der sich sportlich qualifiziert hat. Damit muss man zumindest in den nächsten Jahren leben.

Hoeneß: „Es muss in Deutschland noch ein paar andere Sportarten geben“

Kritiker befürchten, dass die Bundesliga auch abgewertet wird, wenn sich die Topmannschaften am Europa orientieren.

Hoeneß: Darüber wird im Fußball ja auch schon lange diskutiert. Auch Karl-Heinz Rummenigge und ich haben uns oft damit beschäftigt, als wir uns noch aktiv in der G14 mitgearbeitet haben. Aber wir sind uns einig, dass es fatal wäre, wenn ein Verein wie der FC Bayern sagen würde: Mich interessiert der nationale Sport gar nicht mehr, ich orientiere mich nur nach Europa. Wir haben auch den Auftrag, die Sportart im Heimatland zu fördern und nach vorne zu bringen. Und nicht nur den Fußball. Ich liebe den Fußball, aber ich bin auch der Meinung, dass es in Deutschland noch ein paar andere Sportarten geben muss.

Zum Beispiel Basketball.

Hoeneß: Der Basketball hat gute Chancen und wir werden auf lange Sicht für die nationale Liga plädieren. Man wird sicher über eine kleine Reduzierung auf 16 Teams nachdenken müssen, weil die Anforderungen entsprechend sind. Sie sehen ja, wie es in dieser Woche Bamberg ergeht: Sie spielen am Mittwoch gegen Barcelona, am Freitag in Mailand und am Sonntag in München. Das ist nicht in Ordnung. Wir spielen zuhause gegen Istanbul und können warten, bis die kommen. Das ist nicht fair. Da fehlt das Fingerspitzengefühl.

Uli Hoeneß im Jahr 2016 im Dominik-Brunner-Haus der Johanniter in der Görzer Straße.

Zumal in einem Schlüsselspiel.

Hoeneß: Ja, wenn wir das gewinnen sollten, wären wir in einer sehr guten Position in Richtung Playoffs. Dennoch, so eine Planung ist sehr amateurhaft. Das ist dasselbe wie bei meinem Steckenpferd Pokal-Top-4: Da hätte man mal die Chance, ein ganzes Wochenende Basketball zu präsentieren - aber sie gehen grundsätzlich auf ein Wochenende, an dem auch Fußball-Bundesliga gespielt wird. Der Hammer war ja: Letztes Mal war das Turnier in Berlin - und wir spielten am selben Tag, an dem auch die Fußballer in Berlin gespielt haben! Das sind Dinge, die nicht professionell sind.

Also das Top-4 am Länderspielwochenende?

Hoeneß: Länderspiele sind jetzt ja am Freitag und am Dienstag. Da hätte man eine tolle Möglichkeit, ein Wochenende für den Basketball zu organisieren. Vielleicht wären sogar die öffentlich-rechtlichen Sender dabei, die immer mehr Probleme haben, Spitzensport zu bekommen. Aber nein, man hat das nicht geschafft. Das muss anders werden.

Wobei es ja durchaus öffentlich-rechtliche Versuchsballons gab. Große Erfolge waren das nicht.

Hoeneß: Nein, aber das liegt auch daran, dass sie leider nur in Quoten denken. Sie haben ihren Auftrag, für alle etwas im Portfolio zu haben, ein bisschen vergessen: Wenn die Quoten nicht passen, dann lässt man es bleiben. Das finde ich falsch. Und warum packen sie Basketball nicht in ihre dritten Programme, die es flächendeckend gibt? Die Telekom macht es ja vor. Das ist zwar eine andere Art, aber die Qualität ist sehr hoch und man ist dort mit der Entwicklung sehr zufrieden. Wir sehen das auch hier im FC Bayern TV: Unsere Leute sagen, dass die Basketballspiele, die dort live übertragen werden, die Quotenrenner sind.

Das Produkt hat also die nötige Attraktivität?

Hoeneß: Meine Hoffnung ist, dass die ein oder andere große Stadt Basketball für sich entdeckt. Köln oder Hamburg, wo auch gerade was entsteht. Die haben auch eine Super-Halle, mit die schönste in Deutschland, aber keine Mannschaft. Stellen sie sich mal Spiele Bayern gegen Hamburg vor – das wäre eine ganz andere Situation. Ich will keinem zu nahetreten, aber es gibt schon ein paar, die von der Attraktivität her kein Renner sind.

Was kann man als FC Bayern tun?

Hoeneß: Naja, alleine dass wir da mitspielen, hat den Sport nach Ansicht von allen schon verändert. Wo wir hinkommen, sind ja die Hallen ausverkauft. Wir müssen halt auch zusehen, dass wir eine entsprechend attraktive Mannschaft haben, die die Leute hier sehen wollen. Dann spielt der Gegner gar keine so große Rolle mehr. Gerade Basketball, wo man so nah am Geschehen dran ist, kann die Leute auch begeistern, wenn man mal klar mit 30 Punkten gewinnt.

Wenn es um eine attraktive Mannschaft geht - in diesem Jahr fällt auf, dass sie zwar wenige, dafür aber hochklassige Verstärkungen an Bord geholt haben – eine neue Linie.

Hoeneß: Wir wollen Kontinuität haben und nicht Spieler, die mal für zwei, drei Monate geholt werden. Unsere Spieler sollen Zwei- oder Dreijahresverträge haben, dass sich der Fan auch auf etwas einstellen kann. Wenn er das Trikot von einem Cunningham kauft, dann sollte er wissen, dass der auch nächstes Jahr noch da ist. Und nicht eine vorübergehende Episode wie Rice oder Delaney, die wir nicht lange halten konnten.

...auch weil andernorts mehr zu verdienen war.

Hoeneß: Schon. Aber bis jetzt ist Basketball ja noch sehr regional. Wenn man dann viele Spiele in ganz Europa hat, kann man ganz anders mit Sponsoren arbeiten. Und dann sind wir wieder bei der neuen Halle, die mit Logen und tollen Business Seats schon Möglichkeiten bieten wird. Naja, und irgendwann werden Vereine wie Real Madrid oder Barcelona vielleicht auch mal weniger Schulden der Basketballer übernehmen und ich hoffe, dass dann die griechischen und türkischen Klubs auch mal richtig Steuern zahlen. So dass wir dahin kommen werden, auch hier eine größere Wettbewerbsgleichheit zu haben.

“Sticheleien gehören dazu. Das ist mir sogar viel zu selten“

Aber der Trend im Basketball ist trotzdem die kurze Vertragslaufzeit.

Hoeneß: Ja, viele Basketballer sind wie Nomaden. Man spielt, dann zieht man weiter. Davon müssen wir weg. Aber ich denke, wir sind auf einem guten Weg. Ich habe das Gefühl, dass sich die Spieler fühlen wohl fühlen. Sie schätzen das Familiäre und da müssen wir hin: Die Leute sollen sich wohl fühlen, ich will zufriedene Menschen haben. Dass jemand auch sagt: Was bringen mir 100 000 Euro mehr, wenn ich dafür ein Mist-Jahr habe?!

Aber entscheidet am Ende bei Topspielern wie eben Jared Cunningham nicht doch das Geld?

Hoeneß: Ich sage ihnen etwas: Cunningham hat den Justin Cobbs angerufen, der ja nur kurz bei uns war und nicht so glücklich gespielt hat. Er hat ihn gefragt, wie es so bei Bayern sei. Und Cobbs hat ihm gesagt: Nimm deinen Rucksack und gehe hin! So haben wir das auch im Fußball oft gemacht. Als wir Ribéry verpflichtet haben, habe ich den Willy Sagnol und den Bixente Lizarazu anrufen lassen. Das sind die besten Botschafter. So möchte ich das haben. Generell gilt: Wir müssen versuchen, wenn die Fans einen Spieler sehen wollen, finanziell zumindest im europäischen Bereich mitzuhalten.

Würde es einen besonderen Spaß bereiten, einen Spieler des Konkurrenten Bamberg zu holen?

Hoeneß: Ach, nein. Ich habe mit dem Herrn Stoschek ein gutes Verhältnis. Wir werden uns immer fetzen, denn er ist ein sehr ehrgeiziger Mann und ich ja auch in gewissem Sinne. Da wird es immer mal pfeffern. Aber wir werden stets versuchen, das auf eine sehr faire Art auszutragen. Die Sticheleien gehören dazu. Das ist mir sogar viel zu selten, deswegen ist der Basketball nicht im Gespräch. Bis jetzt wird nur über den Sport geschrieben. Das ist mir zu wenig.

In dieser Saison hat sich Michael Stoschek mehrfach über die Wirtschaftsmacht des FC Bayern ausgelassen.

Hoeneß: Da könnte ich schon eine Antwort geben . . . Aber naja, den Herrn Baiesi (neuer Sportdirektor; Anm.d.Red.) zum Beispiel haben wir ja nicht dort weggeholt: Er hatte gekündigt und war auf dem Markt. Baiesi zu holen, war für mich eine sehr gute Sache, mit seinem Netzwerk kann er dem FC Bayern sehr helfen. So einen Spieler wie Cunningham hätten wir ohne ihn vermutlich nicht gekriegt. Ich habe mich immer wieder gewundert, woher die Bamberger bestimmte Spieler bringen, die bei uns nicht so bekannt waren. Doch ein Marko Pesic hatte eben bei der Organisation des Vereins auch viele andere Sachen zu tun. Für ein Butterbrot spielen die übrigens in Bamberg alle nicht: Wir kennen ungefähr ihre Gehaltsliste - die ist höher und da braucht sich wirklich niemand über unsere Wirtschaftsmacht auslassen.

Interview: Patrick Reichelt

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