Briatore: Schumi kann nicht mehr mithalten

Flavio Briatore ist eine der schillerndsten Figuren rund um die Formel 1
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Flavio Briatore ist eine der schillerndsten Figuren rund um die Formel 1

Suzuka - Viele Leute sagen, dass mit Flavio Briatore der Spaß aus der Formel 1 verschwunden ist. Dank seiner neuen Distanz nimmt er im großen tz-Interview kein Blatt vor den Mund.

Japan. Die Formel 1 im Land der aufgehenden Sonne – und wir reden mit dem gefallenen Stern der Szene. Mit Flavio Briatore (60) – also jenem Mann, der sich die Position als Ecclestone-Kronprinz selber kaputtmachte, weil er seinem Fahrer befahl, einen Unfall zu bauen.

Jenem Mann, der die Formel 1 jetzt immer noch verfolgt – allerdings mit innerer Distanz. Ganz frei kann er reden. über Vettel, der zu viel nachdenkt – und über Schumi, der zu wenig nachgedacht hat. Das tz-Interview:

Viele Leute sagen: Mit Flavio Briatore ist der Spaß aus der Formel 1 verschwunden…

Briatore: Die vermissen mich wirklich hier? Nett! Ich erinnere mich gerne an diese Zeit. Die Formel 1 war ein großer Teil meines Lebens. Einige Leute habe ich richtig ins Herz geschlossen. Wirklich! Sie schauen so ungläubig… Jetzt schaue ich mir die Rennen eben als normaler Zuschauer an, meistens im Fernsehen.

Und was sehen Sie dann?

Briatore: Formel-1-Rennen sind immer dann spektakulär, wenn etwas Außergewöhnliches passiert. Zum Beispiel im Regen. Dann geht richtig die Post ab. Fehlt dieses Außergewöhnliche, ist es nicht ganz so aufregend. Dann fahren sie vom Start weg meistens hintereinander her und behalten ihre Positionen bis ins Ziel. Das Interessante sind aber einzig und alleine die Rennen, der Kampf der Piloten um ihre Positionen. Die technische Entwicklung, die Arbeit der Ingenieure: Das zieht wirklich nicht den Hund vom Herd weg. Die Leute sehen doch nicht, dass man 600 Leute braucht und 200 Millionen, um ein Auto einigermaßen vernünftig auf die Startaufstellung zu stellen.

Sie arbeiten mit Mark Webber zusammen, Sie beraten ihn. Wie haben Sie ihn in dieser Saison so stark gemacht?

Briatore: Er war immer schon stark. Er hatte nur nicht immer gute Autos. Gib ihm ein gutes Auto – und er fährt diesen Wagen am Limit. Mit dem Red Bull hat er jetzt einen der besten Wagen. Also ist er stark. Das ist das ganze Geheimnis. Mann, ist das laut hier (Briatore schaut empört, im Hintergrund pfeifen gerade GP2-Autos an Bernie Ecclestones-Hospitality-Zelt vorbei).

Ist das emotional für Sie, wenn Sie Ihren anderen Piloten Fernando Alonso sehen oder ihr ehemaliges Renault-Team?

Briatore: Auf jeden Fall. Ich bin immer noch der Manager sowohl von Mark Webber als auch von Fernando Alonso. Beide werden von meiner Firma beraten. Die Leute, die sie vor Ort betreuen, sind nur für das Tagesgeschäft verantwortlich. Ich rede logischerweise viel mit beiden.

Alonso und Webber haben heuer beide noch Titelchancen. Wie gehen Sie damit um?

Briatore: Beide hätten den Titel verdient, beide sind extrem stark. Ich habe persönlich keinen Favoriten. Für mich zählt nur, dass am Ende einer der beiden Weltmeister wird.

Es war auffallend, wie loyal sich beide Ihnen gegenüber verhalten haben, als Sie wegen der Mauer-Affäre von Singapur heftig in der Kritik standen…

Briatore: Ja.

Wie sehen Sie Alonsos Entwicklung bei Ferrari? Es erscheint uns, als hätte er nach wenigen Monaten schon mehr Einfluss im als Michael Schumacher nach zehn Jahren…

Briatore: Zunächst einmal: Ferrari ist ein ganz besonderes Team. Nirgendwo steht ein Fahrer mehr unter dem Brennglas. Fehler von Ferrari-Piloten werden genauso höher aufgehängt wie Erfolge rauschender gefeiert werden. Fernando ist immer am Limit. Das muss er auch sein, weil das Auto zwar gut ist – aber der Red Bull und der McLaren sind wahrscheinlich noch besser.

Aber was ist denn jetzt der Unterschied zwischen Alonso und Schumacher?

Briatore: Als Michael zu Ferrari kam, war Ferrari kein Siegerteam. Er hatte weniger Druck, man hat ihm alle Zeit der Welt gegeben. Am Ende hat er fünf Jahre gebraucht, um den Titel zu gewinnen. Fernando kann das schon im ersten Jahr bei Ferrari schaffen. Das erwartet man eigentlich auch von ihm, deshalb steht er unter viel größerem Erwartungsdruck als Michael, als der 1996 zu Ferrari kam. Was den Einfluss von Fernando betrifft, nur so viel: Er ist jemand, der ständig Druck macht, jeden Tag das Maximum von allen fordert, des Erfolges wegen.

Wie sehen Michael Schumachers Comeback bei Mercedes. Sie haben ihn heftig kritisiert…

Briatore: Dazu stehe ich auch. Ich glaube, dass er bei seiner Vertragsunterzeichnung wirklich glaubte, dass er mit seiner Rückkehr eine richtige und clevere Entscheidung getroffen hat. Genauso glaube ich, dass er schon bei der ersten ernsthaften Testfahrt merkte, dass er die falsche Entscheidung getroffen hatte. Spätestens da wusste er, wie elendig schnell und motiviert die Jungs um ihn herum heutzutage sind. Michael ist 41, da kann er einfach nicht mehr mit den Rosbergs und den anderen Jungs mithalten.

Wenn Sie Sebastian Vettels Manager wären – was würden Sie ihm jetzt im WM-Kampf raten?

Briatore: Mein Eindruck ist, dass er zu viel nachdenkt und nicht entspannt genug ist. Er ist ein phantastischer Fahrer mit herausragendem Talent. Ich würde ihm also vor jedem Rennen sagen: „Geh raus und hab einfach Spaß." Er ist doch noch so jung und soll sich Zeit geben. Bei seinen Fähigkeiten wird er eines Tages den Titel gewinnen, da habe ich null Zweifel. Im Moment macht er eine normale Entwicklungsphase durch. Er muss halt aus den Fehlern lernen.

Werden wir Sie in irgendeiner Funktion in der Formel 1 wiedersehen?

Briatore: Kaum. Ich habe mit verschiedenen Teams sieben WM-Titel gewonnen und es genossen. Ich will Spaß bei der Arbeit, das ist meine Antriebskraft – und nicht die Notwendigkeit, einen Job zu brauchen. Und im Moment hätte ich in dieser Formel 1 keinen Spaß. Ich bin happy mit dem, was ich gerade mache: Ehemann und Vater sein – und mich um meine ganzen Investments kümmern.

Wie ist denn Ihr Leben als Vater? Flavio Briatore beim Windelnwechseln – das ist eine nette Vorstellung…

Briatore: Ich genieße es. Es ist wunderschön, Vater zu sein. Ich bin entspannter als je zuvor. Das Leben kann doch so schön sein…

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