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Timo Glock: Erst gefeuert, dann gefeiert

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Freute sich über seinen zweiten Platz in Singapur, obwohl er bereits von seiner Kündigung erfahren hatte: Timo Glock. © dpa

Timo Glock wollte nach seiner Triumphfahrt nicht lachen, er wollte trinken. „Gebt mir das größte Glas Bier, das ihr finden könnt“, meinte er – nachdem er sich auf dem Stockerl schon am Schampus gütlich getan hatte.

Kaum zu glauben, aber wahr: Der Rennfahrer aus dem Odenwald musste nach dem besten Rennen seiner Karriere getröstet werden, unter anderem von Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug und Glocks Rennfahrerkumpel und hessischem Landsmann Sebastian Vettel. Die tz erfuhr den Grund: Glocks Toyota-Teamchef John Howett hat ihn am Samstag vor dem Nachtrennen in Malaysia auf die Straße gesetzt!

Glock wurde darüber informiert, dass die Japaner, die ihren Rennstall ja aus der Fabrik in Köln betreiben, keinen neuen Vertrag mehr mit ihm machen wollen. Dies wurde der tz sowohl von einem Toyota-Sprecher als auch von Glock selbst bestätigt.

Glock war entsprechend bedient und traurig – und das, obwohl er eine grandiose Fahrt auf den zweiten Platz hingelegt hatte: „Ich muss mich jetzt umschauen.“ Kumpel Vettel war geschockt, als er davon hörte: „Eine Riesensauerei. Aber Timo hat die richtige Antwort auf der Strecke gegeben.“

In der Szene schüttelt man über die Entscheidung – und den Rennstall insgesamt den Kopf. Der Grund: Jahrelanges Fehlmanagement vom umstrittenen englischen Teamchef John Howett. Die falschen Entscheidungen haben dazu geführt, dass die Japaner mit dem größten Budget von allen Teams dennoch nie über eine Statistenrolle hinauskamen: Ein Sieg gelang Toyota seit dem Einstieg im Jahre 2001 nicht. Nur ein Beispiel für das Missmanagement: Unter anderem kaufte er als technischer Direktor mit dem Franzosen Pascal Vasselon einen Reifenfachmann und keinen Fahrzeugingenieur. Highlights wurden auch deshalb nur auf Strecken gesetzt, auf denen der Fahrer den Unterschied macht, nicht das Auto.

So wie am Sonntag in Singapur – dieses tolle Ergebnis kann Glock jedenfalls völlig zu Recht für sich reklamieren: „Ich wusste, dass auf diesem schwierigen Straßenkurs der Fahrer den Unterschied machen kann – und derjenige eine Chance auf vordere Plätze hat, der fehlerlos bleibt.“ Glock war auf diesem Gebiet der Zweitbeste am Sonntag , nur Weltmeister Lewis Hamilton auf einem am Sonntag unschlagbaren McLaren-Mercedes kam vor ihm ins Ziel.

Aber an dem Desaster der vergangenen Jahre hängt noch viel mehr: Das Versagen der Toyota-Teamführung hat nicht nur die Formel-1-Existenz von Glock und seinem Teamkollegen Jarno Trulli gefährdet, sondern auch die circa 1000 Arbeitsplätze im Kölner Stadtteil Marsdorf.

Die Wirtschaftskrise und besonders die Erfolglosigkeit von John Howett & Co. haben das ehrgeizig gestartete Projekt ins Wanken gebracht. In den nächsten Wochen werden negative Nachrichten aus der Konzernzentrale in Japan erwartet. Es wird spekuliert, dass die Toyota-Bosse die Fabrik in Köln schließen und aus der Formel 1 aussteigen, wenn sich nicht private Investoren finden, die den Rennstall übernehmen.

Glock, den das Team nach der Zieldurchfahrt frenetisch gefeiert hat, trifft sich vor dem Toyota-Heimrennen in Suzuka in Tokio mit den Konzernbossen. Glock: „Mal sehen, was die so sagen und ob vielleicht dann doch noch was geht. Der Erfolg von Singapur kam jedenfalls zum richtigen Zeitpunkt.“ Glocks Hoffnung: Toyota macht doch noch mit ihm weiter und strukturiert das Team um. Mit den alten Piloten – aber mit neuem Management.

von Ralf Bach

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