Vizeweltmeister im tz-Interview

Rosberg: "Lewis sagt viel, finden Sie nicht?"

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Neues Jahr, neues Glück: 2016 startet Nico Rosberg den nächsten Angriff auf den WM-Titel.

München - Für Nico Rosberg bestanden die letzten Saisons vor allem aus dem Konkurrenzkampf mit seinem Teamkollegen Lewis Hamilton. Die tz traf den Vizeweltmeister zum Interview.

Herr Rosberg, Weihnachten ist die Zeit der Besinnung. Was macht für Sie das Leben lebenswert?

Nico Rosberg: Meine Familie beispielsweise. Zeit mit ihr verbringen, meiner Tochter das Richtige mit auf den Lebensweg geben. Meinen Eltern Freude bereiten. Sportlicher Erfolg ist auch wichtig. Ich teile meine positiven Gefühle gerne mit anderen.

Sie sind also ein sehr sozialer Mensch…

Rosberg: Mit Freunden teile ich gerne. Ansonsten stelle ich lieber eine Wand auf (lacht).

Das ist eine Anspielung auf Ihren Teamkollegen Lewis Hamilton. Der sagte vor Kurzem, er hätte gerne eine Wand in der Box. Damit Sie nicht ständig mitbekommen, was er an seinem Auto verändern lässt.

Rosberg: Ein Teil von meinem Herzen schlägt natürlich für so etwas. Dann wäre beispielsweise der Sieg in Brasilien einfacher für mich gewesen. Aber andererseits gibt es vereinzelt Momente, wo ich auch mal davon profitiere, dass es keine Wand gibt – und dass wir transparent arbeiten müssen.

Wer hätte denn bei dieser Mauer mehr Vorteile im Team?

Rosberg: Das ist einfach zu theoretisch jetzt. Es wird nie passieren, da es nicht gut fürs Team ist. Wir sind auch dazu da, um für Mercedes Rennen zu gewinnen. Und unter den vom Team geschaffenen Voraussetzungen pushen wir uns halt am meisten gegenseitig, was zu Spannungen führen kann. Aber das Team hat dadurch den größten Nutzen.

Was sind Formel-1-­Piloten: Einzelkämpfer oder Mannschaftssportler?

Rosberg: Ein Kompromiss zwischen beidem. Man fährt einerseits für sein Team, andererseits für sich selbst. Wenn man nur an sich denkt, ist man schneller weg als einem lieb ist.

Aber ist es nicht ein Problem, wenn ein Kompromissrennfahrer wie Sie auf einen Teamkollegen wie Lewis Hamilton trifft, der nur für sich fährt?

Rosberg: Der Eindruck ist nicht ganz richtig. Du brauchst dein Team, um Erfolg zu haben. Wenn das Team merkt, dass du nur an dich denkst, bist du ganz schnell unten durch.

Hamilton sagte auch…

Rosberg: …er sagt viel, finden Sie nicht?

Er hat gesagt, seine härtere Kindheit würde ihm heute helfen. Dreht man diese These um, heißt das doch: Sie als Millionärssohn werden immer den Kürzeren ziehen gegen das Kind der Arbeiterklasse.

Rosberg: Das ist ja echt zu seinem Lieblings­argument geworden. Er erwähnt meine Herkunft alle paar Monate. Die beste Antwort auf solch ein Statement gebe ich aber auf der Rennstrecke. Und da habe ich einen riesen Hunger aufs Gewinnen.

Woher kommt der?

Rosberg: Von meinem Vater wahrscheinlich (Keke Rosberg; Formel-1-Weltmeister 1982; d. Red.). Meine Mutter ist da ganz anders. Es interessiert sie überhaupt nicht, ob der Ball beim Golf reingeht oder nicht. Bei meinem Vater brennen schon mal die Sicherungen durch vor Wut. Das ist dann wohl der finnische Kampfgeist, den sie in Finnland Sisu nennen.

Definieren Sie den Begriff des Gewinners und Verlierers!

Rosberg: Gewinner ist der, der die beste Leistung bringt. Es gibt aber verschiedene Gewinner und Verlierer. Die für einen Tag und die für einen längeren Zeitraum.

Fühlen Sie sich in dieser Saison als Gewinner oder Verlierer?

Rosberg: Ich wollte Weltmeister werden und bin nur Zweiter geworden. Mein Anspruch war ein anderer. Aber zum Glück ist der Sport sehr schnelllebig, daher fühle ich mich gerade als Gewinner. Ich habe die WM schon längst, seit den USA, verdaut.

Hat der Siegeshattrick am Saisonende nicht doch noch für Versöhnung mit Ihrem Spiegelbild gesorgt?

Rosberg: Nach dem Tiefpunkt in Austin hatte ich mir gesagt, dass es so nicht weitergehen kann. Auf jeden Fall hat meine Form am Ende richtig Spaß gemacht!

Sehen wir 2016 einen anderen Nico Rosberg?

Rosberg: Grundsätzlich nicht. Aber es wird einen weiterentwickelten Rosberg geben. Einen, der aus dieser Saison gelernt hat. Und der die Vorteile der letzten Rennen von Anfang an haben will. Für mich hat die neue Saison schon lange begonnen.

Was ist eigentlich so kompliziert daran, eine WM zu gewinnen?

Rosberg: Es muss alles passen, jedes Training, jedes Rennen. Auf jeder Strecke. Das Niveau bei uns ist sehr, sehr hoch. Da kann man sich auch keine kleinen Fehler leisten. Dass ich in den ersten zwei Dritteln hinter Lewis in der Startaufstellung stand, war ein Problem. Keine Frage.

Wissen Sie, warum das so war?

Rosberg: Es war sehr eng. Meistens lag nur ein Zehntel zwischen uns. Am Ende war es umgekehrt. Schwierig, diese Nuancen zu erklären.

Versuchen Sie es! Hat sich das Auto in Ihre Richtung verändert? Hamilton meinte das. 

Rosberg: Definitiv habe ich das Rad nicht neu erfunden. Ich habe vielmehr an 2014 angeknüpft. Vielleicht war ich plötzlich wieder bei 100 Prozent, vorher nur bei 98. Das kann den Unterschied schon ausmachen.

Mercedes-F1-Aufsichtsrat Niki Lauda kritisiert Sie öfters: Wie gehen Sie damit um?

Rosberg: Das sind zwei Paar Schuhe. Im Fernsehen redet er anscheinend oft anders als hinter verschlossenen Türen. Entscheidend für mich ist, was intern passiert. Dort führen Toto Wolff und Paddy Lowe die Geschäfte. Niki fällt eine unterstützende Rolle zu, die ich schätze. Als ehemaliger Rennfahrer versteht er viele Dinge. Und er hat so eine versöhnliche Ader in sich. Er versucht in schwierigen Situationen Menschen wieder zusammenzubringen. Oft hat er Erfolg damit.

Wen würden Sie als Teamchef neben sich selbst verpflichten?

Rosberg: Lewis. Er fährt stark. Und unser Erfolg gibt dem Team Recht.

Das Formel-1-Jahr 2016

20. März: Melbourne.

3. April Bahrain.

17. April: Shanghai.

1. Mai Sotschi.

15. Mai: Barcelona.

29. Mai: Monte Carlo.

12. Juni: Montreal.

19. Juni: ­Baku.

3. Juli: Spielberg.

10. Juli: Silverstone.

24. Juli: Budapest.

31. Juli: Hockenheim.

28. August: Spa-Francorchamps.

4. September: Monza.

18. September: Singapur.

2. Oktober: Sepang.

9. Oktober: Suzuka.

23. Oktober: Austin (abhängig von Vertragseinigung).

30. Oktober: Mexiko-City.

13. November: Sao Paulo.

27. November: Abu Dhabi.

Interview: Ralf Bach

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