Er zieht für die tz um die Welt

Formel-1-Reporter Ralf Bach: Mein Leben im Zirkus

tz-Reporter Bach in Abu Dhabi. Den Bass hatte ihm Sebastian Vettel von Paul McCartney organisiert.

München - Ralf Bachs Zuhause ist der Formel-1-Zirkus, für die tz zieht der Reporter um die Welt. Hier schildert er, wie die Protagonisten ticken - und wie er selbst den Rummel erlebt.

Der größte Deutschland-Fan in der Formel 1 ist Brite, 84 Jahre alt und circa 1,58 Meter klein. Dabei bewundert F1-Boss Bernie Ecclestone weniger das Multikulti-Deutschland der Gegenwart mit Meinungsfreiheit und freien Wahlen. Ecclestone ist ein bekennender Hardcorefan des Deutschlands vor 80 Jahren – als die Arbeit noch frei machte und einige wenige für den Rest entschieden, was gut ist und was schlecht. Sein Formel-1-Reich, das es gefühlt schon tausend Jahre gibt, führt er dabei genau nach diesem Vorbild. Er fühlt sich bei seinem Gedankengut bedingungslos im Recht und macht auch keinen Hehl draus, wo – zumindest seine geistige – Heimat liegt. Knapp vier Wochen ist es her, dass er schmunzelnd seine Meinung zum gefährdeten Deutschland-GP kundtat: „Deutschland hat doch schon ein Rennen. Das in Österreich!“

Dieses Foto entstand am Rande des Circuit de Catalunya in Montmelo bei Barcelona, Spanien.

Spricht man mit ihm über das vereinigte Königreich, zieht er nur die Augenbrauen hoch. Bei großen Fußballturnieren wünscht er sich, dass die Engländer so schnell wie möglich rausfliegen – damit die Zeitungen mehr Platz für Formel-1-Berichterstattung haben. Ecclestone repräsentiert sie am besten, die Formel 1-Gaukler, die um die Welt ziehen und alle 14 Tage woanders ihr Zirkuszelt aufbauen. Die Manager der Formel 1 sind Zigeuner, die öfters in Hotels nächtigen als zu Hause. Das Fahrerlager ist ihre Manege und nur hier fühlen sie sich sicher und akzeptiert. Und ist nicht der Ort, an dem man sich sicher fühlt und akzeptiert, so was wie Heimat?

Die Fahrer sind da anders. Sie zeigen ganz offen, wo ihre Heimat ist. Besonders, wenn es im Fahrerlager die Übertragung von Fußballturnieren gibt. Dann malen sie sich ihre Wangen in ihren Landesfarben an und zeigen wahren Heimatstolz. Selbst ein Fußball-Analphabet wie der Franzose Romain Grosjean wird bei diesen Anlässen zum Zorro – mit Tricolore als Umhang und Baskenmütze als Hut. Da ist auch egal, dass der eingefleischte Rugby-Fan bis heute nicht versteht, warum seinen Franzosen kein Tor zugesprochen wird, wenn sie den Ball – und das kommt ja öfters vor – übers Gebälk jagen.

Mit unseren drei Piloten habe ich schon oft über Heimat gesprochen. Sie fühlen sich dabei alle als Deutsche, auch wenn sie in anderen Gegenden und unter anderen Voraussetzungen aufgewachsen sind. Nico Rosberg ist in Monaco groß geworden, zwischen Häuserschluchten und Luxusyachten. Sein Vater ist Finne, seine Mutter Deutsche. Sie hätte ihn geprägt, sagt er, „ich denke und fühle deutsch. Ich mag Nürnberger Rostbratwürste mit Rösti. Die Nationalelf liebe ich natürlich. Und den FC Bayern.“ Er nennt typisch deutsche Eigenschaften sein Eigen: „Diszipliniert, geordnet und sorgfältig.“

Nico Hülkenberg ist in Emmerich nahe der holländischen Grenze aufgewachsen. Deshalb spricht er die Sprache des Nachbarn fließend und ist auch mit Witzen vertraut, die viel mit seiner Heimat zu tun haben. „Warum?“, lacht er, „haben die holländischen Kinder so große Ohren? Antwort: Weil ihre Väter sie immer an der Grenze hochhalten und sagen: Guck mal, da drüben wohnt der Weltmeister!“ Am meisten schätzt er die technischen Innovationen, die aus Deutschland kommen. Die Automobilfirmen, aber auch andere Hightech-Konzerne.

Sebastian Vettel ist zuerst mal Hesse und dann erst Deutscher. Er liebt seine hessische Heimat über alles und zeigt das auch. So klebte er sich beim Rennen 2014 in Sao Paulo persönlich das Wappen seiner Heimatregion auf seinen Helm. Selbstredend, dass der Heppenheimer Fan von Eintracht Frankfurt ist und den FC Bayern nur dann mag, wenn er mit seinen Nationalspielern Deutschland zu Siegen verhilft. Im Moment fühlt er sich in der Schweiz zu Hause, wo er in der Nähe des Bodensees in einem umgebauten Bauernhof wohnt. „Viele Leute wundern sich, wenn ich mich am Ende des Jahres genau auf diesen Urlaub zu Hause freue: Mal im eigenen Bett schlafen zu können und sich selbst das Frühstück machen.“

Interessant ist, dass ihn gerade seine deutsche Heimat in dieser Saison bei Ferrari gewaltig unter Druck setzt. Was Schumacher schaffte, erwartet man in Italien nämlich auch von Vettel: Dass er wie Schumi mit deutschem Ehrgeiz und Perfektionismus die Emotionen und den Enthusiasmus der Italiener in die richtige Richtung lenkt. Ob man Ferrari-Mechaniker fragt, Techniker, den Pfarrer von Maranello oder Ferrari-Edelfans wie Kultwirtin Mama Rosella, die seit Jahrzehnten das kleine Restaurant neben der Teststrecke in Fiorano führt und schon Enzo Ferrari persönlich die Pasta servierte: Die Tendenz der Antworten ist immer die gleiche. Vettel gilt nicht nur als Hoffnungsträger, mehr noch: Er wird als neuer Messias angesehen. Und das mehr wegen seines Passes als wegen seiner Erfolge. Das Deutsche in ihm zählt mehr als seine vier WM-Titel. Denn auch die Italiener haben ihre Ur-Ängste. Die nämlich vor den gnadenlos perfektionistischen Deutschen, die mit ihrer Technik und Organisation alles überrollen. Und die durch die Mercedes-Überlegenheit 2014 größer wurde als je zuvor. Kein Spanier kann Ferrari zum Titel führen, kein Finne, kein Brasilianer, kein Brite, ein Italiener schon mal gar nicht. Nein, so fühlt die italienische Seele: Nur mit einem Deutschen kann man Deutsche besiegen.

Übrigens: Einige Formel 1-Berichterstatter sind genauso merkwürdige Lebewesen wie die weiter oben beschriebenen Gaukler, denen sie nachreisen. Selbstmitleidig beschweren sie sich, schon wieder unterwegs zu sein. Schon wieder mit Jetlag zu kämpfen. Schon wieder Worte ohne großen Wert in die Welt streuen zu müssen. Und doch, so habe ich mir sagen lassen, fängt das Fernweh bei diesen Zeitgenossen schon zwei Wochen nach dem letzten Rennen des Jahres an und sie wissen nicht so recht, wie sie ihre Entzugserscheinungen bis zum Saisonbeginn bekämpfen können. Ich zähle mich nicht dazu. Das Reisen macht mir Spaß, meistens jedenfalls, das Nachhausekommen ebenso. Eins habe ich auf meinen Reisen aber festgestellt. Es ist praktisch die Umkehr der Weisheit, dass der Prophet nichts im eigenen Land zählt: Je mehr man herumkommt, desto mehr schätzt man das Land seiner Herkunft.

Eine stille Freude überkommt mich jedes Mal, wenn ich mich im Anflug auf Frankfurt befinde. Wenn ich die Hochhäuser der Stadtmitte seh’ und den Taunus mit seinen Wäldern am Horizont. Oder wenn ich in Hamburg gelandet bin und sogar den Regen dort mag, weil er durch die Nähe der See irgendwie salzig schmeckt. Und egal, wo ich auch bin, in Melbourne, Monaco oder Montreal: Wenn ich daran denke, fühle ich mich gleich wohler und dann weiß ich, dass das Lebensgefühl in Deutschland gar nicht so schlecht ist und ich nirgendwo anders zuHause sein will.

Ralf Bach

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