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Bottas teilt im tz-Interview gegen Mercedes aus: Kritik am Formel-1-Riesen

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Valtteri Bottas vom Team Alfa Romeo am Rande des Großen Preis von Italien in Monza.
Valtteri Bottas vom Team Alfa Romeo am Rande des Großen Preis von Italien in Monza. © MIGUEL MEDINA/AFP

Seit 2013 fährt Valtteri Bottas in der Formel 1. Im tz-Interview spricht der finnische Rennfahrer über seine Vergangenheit bei Mercedes und die Gegenwart bei Alfa Romeo.

Monza – Valtteri Bottas (33) stand viele Jahre bei Mercedes im Schatten von Lewis Hamilton. Seit seinem Wechsel zu Alfa Romeo blüht der Finne auf.

Herr Bottas, seit Sie Mercedes verlassen haben, wirken Sie entspannter als zuvor. Warum sind Sie so aufgeblüht, seit Sie bei Alfa Romeo fahren?

Bottas: Weil ich hier arbeiten kann, ohne negativen Druck zu verspüren. Fünf Jahre musste ich bei Mercedes mit einem Mega-Druck umgehen. Ich hatte die letzten Jahre immer nur einen Ein-Jahres-Vertrag und wusste also nie, ob es dort weitergeht oder nicht. Da kann man nicht einfach so abschalten. Jeder Fahrer hat immensen Druck in der Formel 1, mit dem er umgehen muss und kann. Aber auch dieser Zustand hat eine Grenze, die nicht überschritten werden darf. Hier ist das anders: Prinzipiell ist es immer gut, mit neuen Leuten zu arbeiten. Dann ist das Alfa-Projekt auf mehrere Jahre ausgelegt. Das gibt einem die notwendige Sicherheit.

Das heißt: Man kann auch Spaß haben, wenn man keine Chance auf Siege hat.

Bottas: Ja, natürlich. Weil ich hier im Team eine andere Aufgabe habe, mehr Verantwortung. Das Gefühl, das man hat, wenn man Fünfter oder Sechster ist, ist genauso befriedigend wie ein Sieg mit Mercedes.

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Kann man diese Genugtuung noch näher definieren?

Bottas: Ja, es sind die kleinen Schritte der Weiterentwicklung, die man sieht. Dass Maßnahmen greifen, die du mit vorgeschlagen hast. Beispielsweise bei der Fahrzeugabstimmung. Es ist toll zu sehen, dass das Auto wirklich schneller wird, nachdem du gewisse Änderungen vorgeschlagen hast.

Bei Mercedes hatte man oft den Eindruck, dass es da erst mal Lewis Hamilton gab, dann Toto Wolff, dann lange Zeit nichts und dann gab es einen Nummer-2-Piloten, der einfach nur da war, weil ein Team halt mal mit zwei Piloten antreten muss. Bei Alfa scheinen Sie da eine andere Rolle auszufüllen.

Bottas: Das kann ich nur bestätigen. Ich will bei mir nicht das Wort Nummer-1-Pilot in den Mund nehmen, aber ich spüre das Vertrauen, das man mir hier gibt, um Auto und Team immer besser zu machen. Meine Rolle hier ist weit mehr als die, einfach nur das Auto zu fahren. Ich bin jetzt auch in einem Alter und habe die Erfahrung, dass dies auch irgendwie logisch ist. Ja, dieses Gefühl hatte ich bei Mercedes bei Weitem nicht.

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Valtteri Bottas über seine Vergangenheit - „die Erfahrung mit Mercedes war wichtig“

Sind Sie jetzt auch ein besserer Fahrer?

Bottas: Schwer zu sagen. Ich denke, dass ich auch bei Mercedes öfters sehr gute Leistungen gebracht habe. Natürlich nicht so oft, wie es mir gewünscht habe.

Wie wichtig war es für Ihre Entwicklung, dass Sie mit Mercedes gearbeitet haben – ein Weltkonzern, der ganz andere Arbeitsmethoden entwickeln kann als ein reines Formel-1-Team. Es gibt ja Gerüchte, dass mit Audi bald ein anderer Weltkonzern bei Ihrem Team einsteigt.

Bottas (lacht): Dazu kann ich nichts sagen. Es würde für mich persönlich auch nichts ändern. Aber ja, die Erfahrung mit Mercedes war wichtig. Du lernst nicht nur, welcher gigantische Apparat dahintersteckt, sondern auch, welche Mechanismen du brauchst, um am Ende der Sieger zu sein.

Nachher ist man schlauer. Trotzdem: Wenn Sie Ende 2016 gewusst hätten, wie sich alles entwickelt: Hätten Sie noch mal das Angebot, Nico Rosberg bei Mercedes zu ersetzen, angenommen?

Bottas: Eine gute Frage. Ich weiß es nicht.

Bottas lobt seinen Nachfolger – George Russell „macht einen tollen Job“

Würden Sie heute etwas anders machen?

Bottas: Möglich, ja. Grundsätzlich habe ich immer versucht, alles zu geben. Das würde ich genauso machen, weil es in meiner DNA ist. Ich hätte vielleicht früher meine Unterstützerrolle für Lewis akzeptieren müssen.

Was denken Sie über George Russell? Er scheint Lewis richtig herauszufordern. Auch weil das Team ihn lässt.

Bottas: Nur so viel: George Russell macht einen tollen Job. Aber er hat in der Tat andere Rahmenbedingungen. Die Saison ist noch nicht zu Ende. Mal schauen, welche Pfeile Lewis noch im Köcher hat. Es ist eine neue Situation für ihn, an die er sich erst gewöhnen muss. Nämlich die, ein Auto zu haben, mit dem er nicht gewinnen kann. Aber er wird immer schneller. Deshalb: geben wir ihm noch ein wenig Zeit. Er ist jedenfalls wieder auf dem Weg zu seinem gewohnten Leistungslevel.

Interview: Ralf Bach

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