„Wenn Sebastian vorne fahren kann, leckt er Blut“

Startet Vettel jetzt richtig durch? Formel-1-Experte glaubt nicht an ihn: „Er ist über seinem Zenit“

Die Formel 1 ist so spannend wie schon lange nicht mehr. Das Rennen in Aserbaidschan konnte Sergio Perez für sich entscheiden.
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Die Formel 1 ist so spannend wie schon lange nicht mehr. Das Rennen in Aserbaidschan konnte Sergio Perez für sich entscheiden.

Mit Max Verstappen ist wieder Spannung in die Formel 1 gekommen. Ex-Formel-1-Pilot Gerhard Berger freut sich auf eine intensive Saison mit ungewissem Ausgang.

Gerhard Berger (61) fuhr unter anderem bei McLaren und Ferrari Formel 1, war BMW-Sportchef und Toro-Rosso-Teilhaber. Jetzt rettet er die DTM (Saisonstart am 19./20. Juni in Monza). Ein Auge für die Formel 1 hat er dennoch. Das tz-Interview. 

Herr Berger, wie intensiv verfolgen Sie die Formel 1 derzeit?
Berger: Ich schaue mir jedes Rennen an und ich muss sagen: Endlich, endlich, endlich ist die Formel 1 wieder interessant! Zuerst gab es die Seriensiege von Ferrari, jetzt schon seit sieben Jahren war Mercedes Standardsieger. Das ist nicht das, was ich, was die Fans sehen wollen. Man will Kämpfe sehen, bei denen man nicht weiß, wer gewinnt. Wenn ich mir alleine die Ergebnisse des Qualifyings in Baku anschaue: Da lagen fünf Autos unter den ersten Zehn innerhalb einer Zehntelsekunde. Dann weiß man: Jetzt ist es wieder spannend. 
Wie sehr trägt Pirelli mit den Reifenplatzern zum Unterhaltungswert bei?
Berger: Wichtig ist, dass den Fahrern bei den Unfällen jenseits von 300 Stundenkilometern nichts passiert ist. Die Unberechenbarkeit – auch durch Unfälle – gehört aber dazu. Zu meiner Zeit war das unser täglich Brot. Uns sind Reifen um die Ohren geflogen, die Bremsscheiben explodiert und die Radaufhängungen kollabiert.

Formel 1: Max Verstappen hat keine stumpfen Waffen dieses Jahr

Max Verstappen hat aus Wut gegen seinen platten Pirelli-Reifen getreten…
Berger: …ach, nachdem Lewis später noch in die Sackgasse abgebogen ist, wird er es schon wieder locker gesehen haben. Sicher, Max hätte locker gewonnen und seinen Vorsprung ausgebaut. Doch am Ende war es Schadensbegrenzung für ihn und er weiß auch, dass er besonders in langsamen Kurven ein sehr schnelles Auto hat. Er hat alles andere als stumpfe Waffen in diesem Jahr und eine echte Chance, die WM zu gewinnen.
Immer mehr Leute vergleichen Max mit Ayrton Senna. Wie lange haben Sie gebraucht, um Michael Schumacher zu akzeptieren, als er als junger Fahrer Senna, Sie und die Großen herausforderte?
Berger: Ich habe schnell verstanden, was auf uns zukommt, aber man hat sich halt gewehrt. Zwei Jahre hatten wir ihn unter Kon­trolle, dann nicht mehr. Vom rohen Talent steht Max wahrscheinlich über allen. Aber es geht nicht nur darum, sondern ums Gesamtpaket. Du musst nicht nur fähig sein, eine schnellste Runde zu fahren, sondern ein Rennen zu gewinnen. Und dann nicht nur ein Rennen, sondern mehrere und am Ende eine Meisterschaft. Und das hat Michael perfekt hingekriegt. Vor allem: Am meisten fasziniert mich bis heute, wie er Ferrari auf die Erfolgsspur zurückgebracht hat. Das haben nur Niki Lauda und er geschafft.
Obwohl er inzwischen der Chef bei er DTM ist, hat Gerhard Berger immer noch ein Auge auf der Formel 1.

Formel 1: Vettel ist mit seiner Leistungsfähigkeit über dem Zenit

Sebastian Vettel fuhr in Baku aufs Podium. Hat es Klick gemacht?
Berger: Auch Monaco war schon gut. Sebastian hat schon immer Probleme gehabt, voll motiviert zu sein, wenn er im Mittelfeld herumfahren musste. Wenn er vorne fahren kann, leckt er Blut, macht keine Fehler mehr und bringt volle Leistung. Er gehört zu den besten Fahrern aller Zeiten. Rein von der Leistungsfähigkeit her ist er meiner Meinung nach trotzdem über seinem Zenit. Aber wer weiß, vielleicht geht noch was in dieser Saison.
Wie kommt Lewis Hamilton mit dem Alter klar? Er ist mit 36 noch drei Jahre älter als Vettel…
Berger: Er ist eine Ausnahme. Er ist ex­trem fit, wirkt immer noch extrem motiviert. Und ist immer noch unglaublich schnell.
Trotzdem scheint es so, dass Hamilton und Mercedes unter dem starken Druck von Red Bull plötzlich vermehrt Fehler machen.
Berger: Nein, unter diesem extremen Druck ist Lewis noch im grünen Bereich. In Baku wusste er, dass er beim letzten Start alles riskieren musste, um zu gewinnen. Es ging halt schief. Interessant ist aber in der Tat, dass Mercedes unter dem Druck von Red Bull ab und zu schwächelt. Dann kommt von der Seite auch noch Ferrari rein oder McLaren, die mit Norris einen Super-Job machen. Sogar ein Gasly mit Alpha Tauri kann vorne reinfahren.
Wie wichtig sind die Nummer-zwei-Piloten, Valtteri Bottas bei Mercedes und Sergio Perez bei Red Bull?
Berger: Sehr wichtig. Deshalb war der Sieg von Perez in Baku für Red Bull ein sehr gutes Ergebnis. Weil es ihn stärkt und sein Selbstbewusstsein aufbaut. Auch vor Verstappens Ausfall war Perez schon eine große Hilfe für Max. Warum Bottas nicht in die Gänge gekommen ist, weiß ich nicht. Aber er muss wieder seine Form finden. Denn eins ist klar: Der Kampf zwischen Hamilton und Verstappen wird sich zuspitzen und Perez und Bottas werden dabei eine wichtige Rolle spielen.

Das Interview führte Ralf Bach.

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