Sir ­Stirling Moss in der tz-Expertenkolumne

Formel 1: Wollt ihr Siege oder nicht?

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Sir ­Stirling Moss.

München - Sir ­Stirling Moss, viermal Vizeweltmeister in der Formel 1, erinnert sich in der tz-Expertenkolumne an seinen Grand-Prix-Sieg 1955 und zieht Parallelen zur heutigen Situation in der Formel 1.

Jetzt, wo der GP in England vor der Tür steht, muss ich an eines denken: An meinen Sieg 1955. Ich bin immer noch der Meinung, dass mein damaliger Teamkollege Juan Manuel Fangio mich 1955 gewinnen ließ, weil es mein Heimrennen war. Ich hab ihn später mal gefragt, ob er mir den Sieg geschenkt hat, da sagte er nur: „Es war dein Tag.“ Ein Erlebnis verbinde ich mit Deutschland und Mercedes. Ich kam nach einem Test mit pechschwarzem Gesicht an die Box. Dann stand da ein Butler mit einem weißen Handtuch, mit dem ich mir das Gesicht säubern durfte. Außerdem gab’s heißes Wasser – Mercedes war schon damals ein perfekt aufgestelltes Team. Als ich mein Formel-1-Angebot bekam, gab es keine guten englischen Teams. Ich wollte gewinnen, das ging nur mit Mercedes. Ich musste mich vor den englischen Journalisten rechtfertigen, dass ich für den Feind fuhr. Dann fragte ich: Wollt ihr Siege oder nicht?

Heute gibt es eine Armada von Mechanikern und Ingenieuren. Ich hatte zwei! Der größte Unterschied ist: Heute ist die Formel 1 nicht mehr so gefährlich. Damals war der Zusammenhalt größer, weil wir wussten, dass wir bei jedem Rennen einen von uns verlieren können. Die Rennstrecken waren schwieriger zu fahren, die Autos schwerer zu beherrschen. Wir waren Freunde. Lewis Hamilton ist heute irgendwie in Fangios Rolle. Er hat zwei WM-Titel, Nico Rosberg keinen. Im Gegensatz zu Nico war ich damals aber ein glücklicher Zweiter. Ich hatte enormen Respekt vor Fangio und war stolz darauf, in seinem Windschatten lernen zu können. Man nannte uns damals die Kette, weil wir den anderen auf und davon fuhren. Ich habe mein ganzes Leben gegen Ferrari gekämpft, weil Enzo Ferrari mir gegenüber mal ziemlich rüde war. Er war kein einfacher Mann und für ihn war das Auto wichtiger als der Fahrer. Die Italiener waren leidenschaftlich, die Deutschen effizient.

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