"Man muss Vettels Fehler verzeihen"

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Striezel Stuck

München - In seiner tz-Experten-Kolumne schreibt Motorsport-Legende Striezel Stuck über Sebastian Vettels Lapsus in Montreal, über Michael Schumachers tolle Leistung und über die aggressive Fahrweise von Lewis Hamilton.

Wir haben es mal wieder gesehen: Wenn das Wetter mitspielt, ist die Formel 1 spannender als jeder Krimi. Sebastian Vettels Fehler, zwei Kilometer vor dem Ziel in Montreal, ist zwar ärgerlich, doch unter diesen extremen Bedingungen muss man ihm verzeihen. Er hat bewiesen, dass er auch ein Mensch ist und nicht der rasende Rennroboter, der keine Fehler macht. Das ist auch gut so.

Michael Schumacher hat mich begeistert. Dass er sehr früh auf die Intermediate-Reifen wechselte, zeigte mir, dass die alten Instinkte noch da sind. Im Trockenen gegen Ende wusste er, dass er mit dem Mercedes keine Chance haben würde, den zweiten Platz zu verteidigen. Also entschloss er sich, lieber ohne sinnlose Gegenwehr einen sicheren vierten Platz nach Hause zu fahren – und das war auch gut so.

Kommen wir zu Lewis Hamilton. In Monaco habe ich ihn ja noch für seine aggressive Fahrweise verteidigt. Doch diesmal sehe ich das anders. Er hat Webber umgedreht und war auch viel zu optimistisch beim Überholversuch gegen Jenson Button. Irgendwie habe ich das Gefühl – auch bei den Interviews – dass er gerade etwas Bodenhaftung verliert. Bei McLaren sollte man ihn schleunigst auf die Erde zurückholen.

Lassen Sie mich noch ein paar Worte über Le Mans verlieren. Ich war habe den Audi-Sieg live miterlebt. Wie sicher auch die Le-Mans-Autos mittlerweile sind, konnte man am Unfall von Mike Rockenfeller erkennen. Ich dachte wirklich, er wäre tot. Am Ende musste er aber nur eine Nacht im Krankenhaus verbringen. Seine Schutzengel hatten eine Carbonfaser-Haut.

Striezel Stuck

Benzin im Blut: Die Stucks

Benzin im Blut: Die Stucks
Striezel Stuck hat für die tz sein Familienalbum geöffnet: Wir zeigen Ihnen die schönsten Fotos, die auch im neuen Buch „Stuck – Die Rennfahrerdynastie“ zu sehen sind © fkn
Benzin im Blut: Die Stucks
Ich war 19 oder 20, als dieses Foto gemacht wurde. Ich vorne und mein Vater hinten auf einer BMW 750. Mein Vater lächelte zwar, aber wer ­genau hinschaut, sieht, dass es etwas gequält war. Das hatte seinen Grund: Im Auto war mein Papa schon der schlechteste Beifahrer der Welt, auf dem Motorrad war es noch ­schlimmer… Er vertraute mir ­dennoch, obwohl er die Arschbacken heftig zusammenkneifen musste… ­Interessant ist übrigens unsere ­Kopfbedeckung. Unglaublich, aber wahr: Damals gab es noch keine Helmpflicht für Motorradfahrer. © fkn
Benzin im Blut: Die Stucks
Die gute alte Zeit: Heute gibt es maßgefertigte Rennfahrerschuhe, ­ultraleicht, ultrastabil. ­Damals musste man noch flexibler sein, um sich in seinem Schuhwerk wohl zu fühlen. Weil die spitzen mir zu breit waren, schnitt ich sie einfach ab. Das war wichtig, denn die drei ­Pedale lagen eng beieinander, man musste zudem beim ­Zurückschalten jedes Mal Zwischengas geben. Ein richtiger Stepptanz zwischen Gas, Bremse und Kupplung. Ein kleines Abrutschen konnte schmerzhaft, ja sogar tödlich sein. © fkn
Benzin im Blut: Die Stucks
Klimatisierte Hospitalities, ­geräumige Boxen mit eigenen Entspannungsräumen. Physios, die Helm und Mineraldrink-Flasche, Regen- oder Sonnenschirm hinter dem Fahrer hertragen? ­Davon konnte mein Papi nur ­träumen. Hier sieht man seine Art der Entspannung vor einem ­Rennen. Der rechte Vorderreifen seines Silberpfeils genügte ihm völlig, um kurz zu relaxen. Interessant sind die damaligen Rennschuhe und deren Besohlung. ­Damit könnte man heute zu jeder Feier gehen, ohne aufzufallen. © fkn
Benzin im Blut: Die Stucks
1979 fuhr ich mit dem ATS des ­deutschen Felgenherstellers Günter Schmid. Das Auto war, milde ­ausgedrückt, nicht gerade das beste im Feld. Ich fuhr mir zwar den Hintern ab, aber viel war nicht zu holen. Leider. Auf dem Foto sehen Sie eine Szene aus ­Monaco. Dort klappte es viel besser, ich lag plötzlich auf Platz drei oder vier. Ganz genau weiß ich es nicht mehr – ist aber auch egal. Denn ich fuhr das Rennen nicht zu Ende. Und das hatte einen ganz bestimmten Grund… © fkn
Benzin im Blut: Die Stucks
­Vorgeschichte: In der Formel 1 fuhr das gesamte Feld mit Einheitsfelgen. In ­Monaco wollte aber Herr S. seine eigenen Felgen promoten und veranlasste, dass wir mit seinen ATS-Felgen fuhren. Es kam, wie es kommen musste: Genau vor seiner Yacht brach mir einer seiner Dinger, das Rad platschte direkt vor seinem Luxusschiff ins Hafenbecken, ich landete in den Leitplanken. Die ­Flüche, die ich ihm hinterherschickte, waren nicht jugendfrei… © fkn
Benzin im Blut: Die Stucks
Diese Werbung war legendär und einzigartig. Vater und Sohn zusammen bei einer Anzeigenkampagne für Jägermeister, mit einem richtig coolen Spruch dabei. Jägermeister war bekannt für visionäre Ideen. Sie waren ja auch die Ers­ten, die bei Eintracht Braunschweig Trikotwerbung in der Fußball-Bundesliga betrieben. Ich stand 1974 bei Jägermeister unter Vertrag. © fkn
Benzin im Blut: Die Stucks
Mein Formel-1-March war ganz in Jägermeister-Orange, mit dem berühmten Geweih drauf. Ich bekam von ihnen 100 000 Mark fürs ganze Jahr, das war 1974 richtig viel Geld. Sie finanzierten mir so meine erste Formel-1-Saison. Für die geniale Kampagne packte mein Vater seine Staubkappe und alte Rennbrille wieder aus. Er hatte genau so viel Spaß wie ich bei den Aufnahmen. Aber so ganz umsonst machte er es auch nicht. Er bekam 10 000 Mark dafür… © fkn
Benzin im Blut: Die Stucks
Motorsport war ja schon immer ein fruchtbares Feld, auf dem schillernde Persönlichkeiten sprießen konnten. Anfang der 70er-Jahre gab es in Deutschland einen Karl Freiherr von Wendt. Der hatte einen Lebenstraum: Er wollte in ­seiner Heimat im Sauerland eine ­eigene Rennstrecke bauen. Deshalb hat er Jochen Mass und mich ­eingeladen, sein Gelände zu inspizieren. Das taten wir denn auch. Aber warum laufen, wenn es besser geht? Also schwangen wir uns auf das Pferd und ritten ­alles ab. Das Projekt kam übrigens nicht ­zustande. © fkn
Benzin im Blut: Die Stucks
Ich liege mit meiner ­Liege im Pool der ­Kyalami-Ranch in Südafrika. Dieses Hotel ist legendär. Alle Formel-1-­Piloten wohnten dort, ­alle hatten furchtbar Spaß. Es musste Außenstehenden vorkommen wie ein Heim für Schwererziehbare. Ein Gag jagte den anderen, immer war ein Anderer Opfer unserer Späße. Die größten Rowdies waren aus meiner ­Erinnerung heraus Ronnie Peterson, Gunnar Nilsson und Striezel Stuck. Es gab übrigens eine Lieblingsbeschäftigung, der wir ohne Ausnahme alle nachgingen. Dieses Spiel hieß: „Jagt die Stewardessen…“ © fkn
Benzin im Blut: Die Stucks
Ich stehe voll und ganz dazu, ein ­strammer Bayer zu sein. Dazu gehört auch, dass ich mich gern mit Lederhose und Gamshut fotografieren lasse. Ich finde, die Tracht steht mir auch gut, oder? So was nennt man wohl einen feschen Burschen. Wann das Foto gemacht wurde, weiß ich nicht mehr genau. Ist auch egal. Wichtig ist: Auf dem Arm habe ich Caspar, meinen damaligen Münsterländer. Ich bin nun mal eine Hundenarr. © fkn
Benzin im Blut: Die Stucks
Was für eine Zeit! Dieses Bild entstand Anfang der 70er beim Großen Preis von Deutschland am Nürburgring. Ich laufe ­richtig gut drauf durch das alte Fahrerlager der Nordschleife. Ja, genau… Wir fuhren damals mit den Formel-1-Monstern durch die „grüne Hölle“. Das ließ uns die gute Laune aber nicht verderben. Die aparte ­Lady an meiner Seite, die ­gerade aus Woodstock ­gekommen sein könnte, ist ­übrigens Helen Stewart – die Frau des dreimaligen ­Weltmeisters Jackie Stewart. © fkn
Benzin im Blut: Die Stucks
Benzin im Blut: Die Stucks © fkn
Benzin im Blut: Die Stucks
Benzin im Blut: Die Stucks © fkn
Benzin im Blut: Die Stucks
Benzin im Blut: Die Stucks © fkn
Benzin im Blut: Die Stucks
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Benzin im Blut: Die Stucks
Benzin im Blut: Die Stucks © fkn
Benzin im Blut: Die Stucks
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Benzin im Blut: Die Stucks
Benzin im Blut: Die Stucks © fkn
Benzin im Blut: Die Stucks
Benzin im Blut: Die Stucks © fkn
Benzin im Blut: Die Stucks
Hier schließt sich der Kreis. Damals fuhr mein Vater unter extremen Bedingungen mit einfacher Staubkappe und Brille und relativ einfachen Handschuhen. Für mich waren er und seine Kollegen wie Bernd ­Rosemeyer oder Rudolf Caracciola wirkliche Helden. Sie riskierten mit ihren PS-Monstern ihr Leben bei jedem Rennen, in jeder Kurve, auf ­jeder Geraden. Einfach immer. Vaters Staubkappe, seine Brille und ­seine Handschuhe bewahre ich auf wie einen Schatz. Ab und zu packe ich sie aus und benutze sie selbst. Wie zuletzt am Wochenende: Dort habe ich mit dem alten Auto Union am Oldtimer-GP in Monaco ­teilgenommen. Wenn der Sohn zum Vater wird… © fkn
Benzin im Blut: Die Stucks
Wenn Sie jetzt Lust auf mehr haben: Das Buch „Stuck – Die Rennfahrerdynastie“ ist erschienen bei Delius Klasing und kostet 29,90 ­Euro. ISBN: 978-3-7688-3164-2. © fkn

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