“Entweder du bist für mich oder gegen mich!“

Michael Schumacher: Einblicke in seine Vergangenheit - so war er als Freund

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Michael Schumacher im Jahr 2012.

Wie war Michael Schumacher vor seiner großen Karriere und seinem schweren Unfall? tz-Reporter Ralf Bach lernte die Formel-1-Legende in jungen Jahren kennen und berichtet über seine schwierige Freundschaft. 

Am Anfang war das Feuer. Es loderte in seinen Augen. Schon damals verdichtete sich sein Blick zu engen Schlitzen, wenn er vom Motorsport redete, vom Fahren einer Kurve, die er in manchmal bis zu fünf Abschnitte teilte, vom Bremsen, Beschleunigen, vom Überholen. Schon damals wusste er von seinen besonderen Fähigkeiten. Damals war 1988. Da lernte ich Michael Schumacher kennen. Ich war blutjunger Redakteur bei der Auto Zeitung in Köln, Fachgebiet Motorsport. In der Nähe von Köln gab es zwei vielversprechende Talente. Michael Schumacher aus Kerpen und Heinz-Harald Frentzen aus Mönchengladbach. 

Schon damals glaubte Schumi an seine Fähigkeiten. Aus den ersten Interviewterminen wurde langsam Freundschaft. Ich begleitete die beiden zu Formel-3-Rennen oder zu den Tests im Mercedes-Junior-Team. Sie fuhren mit mir zu Auto-Zeitung-Reifentests zum Dahlemer Binz oder zum Limousinen-Vergleichstest nach Hockenheim und beeindruckten mit atemberaubendem Fahrgefühl. Wir zogen zusammen mit Corinna, spätere Frau Schumacher, aber da noch mit Frentzen liiert, um die Ecken. Mal in der Kölner Waldlust, wo Schumi bei Marianne-Rosenberg-Liedern selbstvergessen tanzte, während ich dort vergeblich nach Stones-Songs fragte. Mal aßen wir Pizza im Junkersdorfer Birkenhof, mal feierten wir Geburtstag, mal hingen wir auf der Kartbahn in Kerpen ab. Oder wir trafen uns in der Aachener Straße mit den damaligen Toyota-Technikern Karl-Heinz Goldstein und Norbert Kreyer. Auf Goldsteins schwarzem Ledersofa philosophierten wir, wie es wäre, wenn Michael und Heinz mal in der Formel 1 fahren würden. Schumi war damals schon sehr selbstbewusst. Außer Senna müssten sich alle warm anziehen, meinte er.

Der Aufstieg zum Weltstar

Dann ging alles ganz schnell. Bei seinem ersten Formel-1-Rennen in Spa lungerten wir noch zusammen im Bus von Heinz-Haralds Formel-3000-Team he-rum - Corinna brachte den Kaffee, Michael verpasste eine Jordan-Pressekonferenz. Wenig später war er mit Corinna zusammen. Ich konnte zwischen Heinz-Harald und Michael nicht mehr vermitteln. Als Michael zum Weltstar aufstieg, war eine normale Freundschaft nicht mehr möglich - Michael wurde schneller berühmt als richtig erwachsen. Die Formel 1 mit ihrer Schnelllebigkeit ließ dem jungen Kerl einfach keine Zeit zur Reflektion. Wahrscheinlich deshalb waren unsere Standpunkte in der Beurteilung verschiedener Situationen so verschieden. Die Kollision mit Hill 1994, der Crash mit Villeneuve 1997, der peinliche, selbst herbeigeführte Unfall mit 50 km/h in der Rascasse in Monaco 2006. Kritik ließ Michael nicht mehr gelten: „Entweder du bist für mich oder gegen mich.“

„Ich dachte, ich würde sterben“

Im privaten Rahmen konnte Michael Fehler zugeben. Bei einer ADAC-Feier im Dezember 1994 in München saß ich neben ihm am Tisch. Ich war immer noch sauer, dass er einen Monat zuvor auf meiner Meinung nach so unwürdige Weise seinen ersten Titel holte. Kurz: Er ist dem armen Damon Hill einfach in die Kiste gefahren. Leise sagte er: „Ich gebe es zu, ich bin ihm mit Absicht ins Auto gefahren. Ich sah in Sekundenbruchteilen den Titel verschwinden!“ Damit war die Sache für mich vergessen. Denn die anderen Alphatiere in der Formel 1 wären in diesem Moment vom gleichen Instinkt gelenkt worden. 

Im Mai 1999 outete er sich das nächste Mal. Wir trafen uns zu Testfahrten von Ferrari in Mugello. Der Motor ging hoch, wir hatten viel Zeit. Ich machte damals ein Interview für den Stern. Ein Thema war: „Was man im Leben bereut hat.“ Er sagte sofort: „Wie ich mich nach der Kollision mit Villeneuve verhalten habe. Es war falsch, aber es gab auch niemanden damals, der den Mut hatte, mir einfach zu sagen: Geh jetzt raus und entschuldige dich!“ Er wollte, dass die Aussage Teil des Interviews wird. Das war für mich mutiger als mit 300 Sachen 50 Meter vor einer Kurve zu bremsen. 

Schumachers schwerer Unfall in Silverstone

Wenig später hatte er seinen schweren Unfall in Silverstone. Die Bremsen des Ferraris funktionierten nicht mehr. Er schlug mit 190 Stundenkilometer in den Reifenstapel ein. Sein rechtes Schienbein brach. „Ich dachte wirklich für eine kurze Zeit, ich würde sogar sterben“, verriet er mir, „ich war der Meinung, mein Herz bleibt jetzt stehen“. Als er wieder bei Sinnen war, noch auf der Trage, sagte er zum damaligen Formel-1-Arzt Syd Watkins: „Ruf bitte Corinna an und sag ihr, mir geht es gut.“

Zwei Wochen später präsentierte RTL Schumacher mit Gipsbein vor dem GP von Deutschland in Hockenheim. Er saß auf einem Sofa in seinem Garten in der Schweiz und grüßte seine Kollegen. Das Ganze lief nicht nur auf RTL, sondern auch auf der Riesenleinwand im Motodrom - alle Formel-1-Kollegen, die schon startbereit und höchst fokussiert in ihren Autos saßen, konnten in überdimensionaler Größe Michael sehen. Er stand, ungewollt, aber wahr, wieder mal weit über ihnen. Einen Tag später fragte er mich, wie ich den Auftritt gefunden hätte. Ich sagte: „Für deine Kollegen nicht gut. Aber das war das Problem von RTL und Hockenheim.“ Er verstand meine Einwände, sagte nur: „Ich komme bald zurück. Ich will sogar in zwei Wochen in Ungarn fahren!“ Ich war verwirrt: „Mit einem Schienbeinbruch - wie soll das gehen?“ Er antwortete: „Ross Brawn (damaliger Ferrari-Technikchef, die Red.) will ein Auto bauen mit Handgas und Bremse am Lenkrad.“ Ich war baff. „Ist das zum Schreiben!“ „Ja, mach ruhig. Sind doch gute Nachrichten. Aber von mir hast du sie nicht!“ 

Ich war damals Formel-1-Berichterstatter bei der Welt und schrieb für Dienstag nach Hockenheim den Bericht. Es gab Riesenaufregung, weil Bild am gleichen Tag mit dem Karriereende Schumachers aufmachen wollte. In der Welt stand aber genau das Gegenteil. Bild, fast schon gedruckt, änderte die Schlagzeile. Ferrari-Chef Jean Todt war fassungslos, weil geheime Interna von Ferrari nach außen drangen. Er rief mich sogar zu Hause an und wollte wissen, wer mir davon erzählt hatte. Nur er, Ross Brawn, Chefmechaniker Nigel Stepney und Michael wussten von der Idee. „War es Ross?“ „Nein“, sagte ich. „War es Nigel?“ Wieder verneinte ich. Nach Michael fragte er nicht mehr. Deshalb musste ich nicht lügen. Aus dem geheimen Ferrari-Plan wurde aber nichts. Michael ließ sich mit dem Comeback Zeit. Erst in Malaysia stieg er wieder ein.

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rb

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